Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Marburg startet neue Solar-Offensive

Erneuerbare Energien Marburg startet neue Solar-Offensive

Weltneuheit in der Uni-Stadt: Nach der Überarbeitung des Solar-Katasters ist Marburg die einzige Kommune, die alle Flächen - also Dächer, Wiesen und Äcker - auf ihre Brauchbarkeit zur Energie-Erzeugung untersucht. Ergebnis: Es gibt Top-Plätze.

Voriger Artikel
Die Motoren stehen still
Nächster Artikel
Kleine Krabbler als Kunstobjekt

Welche Wiese, welcher Acker und welches Dach sind am besten für Solaranlagen geeignet?
Marburgs neues digitale Solar-Kataster analysiert jede Freifläche im Stadtgebiet.

Quelle: Stefan Puchner

Marburg. Die perfekten Flächen sind knallrot markiert, gelb die passablen, weiß die ungeeigneten. Das generalüberholte interaktive Portal auf der Homepage der Stadt Marburg soll - so die Hoffnung von Bürgermeister Franz Kahle (Grüne) - die Begeisterung für die Sonnenenergie wieder aufflammen lassen. Denn Marburg hat nun die erste Übersicht, die nicht nur Dächer auf ihre Tauglichkeit prüft sondern jede Wiese, jeden Acker in den Stadtgrenzen und in der unmittelbaren Nachbarschaft. Hauseigentümer und Investoren können sich so die besten Quadratmeter für den Bau der Photovoltaikanlagen herauspicken. Besonders attraktiv für Investoren: Die 110 Meter breite Zone entlang der Bahn-strecke zwischen Wehrda und Gisselberg. Wer diese Grundstücke mit Solaranlagen zupflastert, erhält das meiste Geld aus den Fördertöpfen. Im neuen Kataster sind diese Regionen schraffiert dargestellt.

Ungewissheit ist das größte Hindernis

Die Frankfurter Wissenschaftlerin Professor Martina Klärle, Schöpferin des Solarkatasters, ahnt ein Ringen um diese lukrativen Flächen voraus: „Wenn in den kommenden Jahren der Stromverkauf vereinfacht wird und die Speichertechnik ausgereifter ist, wird das Interesse speziell an solchen Flächen groß sein“, sagt sie. Alleine schon, weil entlang der Bahn- oder Autobahntrassen die Infrastruktur, also Strom-leitungen vorhanden seien.

Der Knackpunkt: Die Verwaltung muss für alle Außenflächen erst einen Bebauungsplan aufstellen. Das dauert Kahle zufolge eineinhalb Jahre - „und das wäre schon durchgepeitscht“, sagt er. Weil das so ist, und wegen der Sorgen um die Förderungs- und Vergütungshöhe, sprangen in Marburg bereits mehrere Investoren ab. Auf bis zu einem Hektar großen, als perfekte Flächen geltende Wiesen bei Gisselberg, hätten Unternehmen Photovoltaikanlagen errichten wollen. Kahle zufolge machten diese jedoch einen Rückzieher, da ihnen das Risiko einer sinkenden Förderung im Laufe der langen Genehmigungszeit zu groß war.

Ohnehin entwickelt sich die Ungewissheit um die sogenannte EEG-Umlage - also die Einspeisevergütung - zum größten Hindernis einer neuen Solar-Offensive. Hoffnungen ruhen dabei auch auf der Solarthermie. Unter der Technik versteht man die Umwandlung der Sonnenkraft in nutzbare thermische Energie. 655 solcher Anlagen sind in Marburg nach Auskunft der Stadt bislang gebaut worden. Die Zahl ist allerdings ungenau, da der Anlagenbau nicht genehmigungspflichtig ist und nur finanziell geförderte Objekte bekannt sind.

Uni-Gebäude im Solarfokus

Bei der Photovoltaik werden Kahle zufolge trotz der Krise in der Solarbranche monatlich vier bis zehn kleine bis mittlere Anlagen in Marburg errichtet. 2013 wurden seinen Angaben zufolge in der Stadt elf Megawatt Strom über Sonnenenergie produziert - ein Drittel des Bedarfs, den die Privathaushalte an einem Mittag im Sommer haben.

Ein weiteres Problem der lokalen Energiewende: Für Stromfresser, große Unternehmen wie die Universität oder das Klinikum, rechnet sich das Umsatteln auf Solarstrom nicht. Sie bezahlen als Großabnehmer nur etwa sechs Cent pro Kilowattstunde, mit Sonnenkraft würde für sie knapp das Doppelte fällig. Anders - und darauf ruht Kahles Hoffnung - die kleinen und mittelständischen Firmen. „Dachdecker, Bäcker, Kfz-Betriebe: Da gibt es noch große Potentiale“, sagt er.

In einer neuen Grafik des Katasters wird den Interessenten dargestellt, zu welcher Tageszeit und in welchem Monat sowohl Verbrauch als auch Erzeugung im Gewerbe oder Haushalt am höchsten sind, wann und zu wie viel Prozent die Strombedarfsdeckung gewährleistet ist. Und deshalb rücken die Gewächshäuser im Neuen Botanischen Garten sowie die anderen Uni-Gebäude auf den Lahnbergen in den Solar-Fokus. „Wir werden der Uni empfehlen, diese Dachflächen solar zu nutzen“, heißt es in der Antwort auf eine Anfrage der Marburger Linken zum Thema Sonnenenergie.

von Björn Wisker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr