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Marburg plant Wohnanlagen für Flüchtlinge

Politik Marburg plant Wohnanlagen für Flüchtlinge

Wohnungsbau-Offensive in Marburg: Auf ehemaligen und dauerhaft ungenutzten Gewerbeflächen sollen größere Unterkünfte für Asylbewerber entstehen – vorerst.

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Eines von mehreren Gewerbe-Arealen in Marburg, auf denen Flüchtlings-Wohnungen entstehen könnten: die Temmlerstraße an der Südspange.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Vor allem das Südspangen-Areal rund um die Temmlerstraße sowie Grundstücke entlang der Gisselberger Straße und Alten Kasseler Straße stehen laut Magistrat im Fokus. 300 Wohnungen sollen dort geschaffen werden, die in einigen Jahren auch als neues Wohngebiet dienen könnten. „Künftig werden wir angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen nicht mehr ausschließlich auf dezentrale Unterbringung setzen können“, sagt Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD). Die Kapazitäten, auch mit Privatvermietern, seien nahezu ausgeschöpft. 2015 hat Marburg laut Magistrat 100 weitere Flüchtlinge aufgenommen, insgesamt lebten derzeit rund 1000 Menschen aus „humanitären Gründen“ in der Stadt.

Laut Baudirektor Jürgen Rausch erwarte die Verwaltung perspektivisch keine Weiternutzung der ausgewählten Gewerbeflächen, jedoch sollen Flüchtlingswohnungen in einigen Jahren nicht mehr für Asylbewerber reserviert sein, sondern – sobald der Bedarf sinkt – anderen Mietern als Wohngebiet zur Verfügung stehen. Bestehende Gebäude sollten um-, andere Häuser neu gebaut werden. „Eine dauerhafte Nutzung ist das Ziel“, sagt Vaupel. Containersiedlungen oder ein Auslagern der Asylbewerber an den Stadtrand, schließt Vaupel aus. An den „interessanten Standorten, die nach einer Entwicklung schreien“ sei die Infrastruktur geeignet. Problem: Die Bauleitplanung für das Konzept dauere lange.

Forderung: Magistrat soll Mietobergrenze festlegen

Sozialwohnungs-Quote einführen, Mietobergrenze festlegen, Baugemeinschaften fördern: Das sollen laut „Runder Tisch Preiswerter Wohnraum“ die Grundlagen der künftigen städtischen Wohnungspolitik sein.

Rund ein Drittel aller von Investoren neugebauten Apartments (ab einer Größe von 15 Wohneinheiten) soll für Sozialwohnungen reserviert werden. „Wir erwarten uns zentrale Wirkung von diesem Instrument, auch um mehr soziale Durchmischung in einzelnen Bereichen zu fördern“, sagt Werner Girgert, Sprecher Arbeitsgruppe „Quotierung“ innerhalb des „Runden Tischs“. In der Kernstadt müsse es gewährleistet sein, dass Hartz-IV-Empfänger lebten, die Zentrumslagen seinen bereits „ein Refugium der Besserverdiener und zahlungskräftiger Studenten-WGs, wie etwa in der Oberstadt“, sagt Girgert. Die 30-Prozent-Quote solle sich rechtlich auch an der Gesamtgeschossfläche orientieren und im gesamten Stadtgebiet für die Errichtung von Eigentums- und Mietwohnungen ebenso wie für Einfamilienhäuser gelten. Das sei „in Zukunft die Gegenleistung dafür, dass Privatinvestoren in Marburg bauen dürfen“. Die Mieten für Sozialwohnungen müssten auf einen Beitrag limitiert werden, den das Kreisjobcenter Hartz-IV-Empfängern zahle.

Der Magistrat solle für die Universitätsstadt eine generelle Mietobergrenze festlegen, um allen Suchenden das Beziehen einer passenden Wohnung zu ermöglichen, fordert Beatrice Rösner, Sprecherin der Arbeitsgruppe „Benachteiligte Zielgruppen“. Es zeige sich, dass gewisse Gruppen in Marburg bei Privatvermietern „keine Chance haben“. Speziell Mieter mit Migrationshintergrund, Behinderte und Verschuldete „können nur auf die Wohnungsbaugesellschaften hoffen“, sagt sie. Und selbst dort mangele es bislang an Offenheit für besonders benachteiligte Gruppen, künftig müssten Gewobau, GHW und Co. mehr mit der Sozialarbeit kooperieren, die Kommune bessere Vermittlungsarbeit für die Rösner zufolge mehr als 300 Wohnungslosen (nicht gleichzusetzen mit Obdachlosen, Anm. d. Red.) leisten, damit diese „nicht mehr monatelang in Pseudo-WGs bei Bekannten unterkommen müssen“.

Flüchtlings-Unterkünfte sollen Wohnungsnot lindern

Die Hauptsorge der Stadtverwaltung ist indes die Flüchtlingsunterbringung. Laut Baudirektor Jürgen Rausch rechnet Marburg mit einem – über die Inwis-Kalkulation hinausgehenden – Bedarf von 300 zusätzlichen Wohnungen. „Sehr wichtig werden für uns angesichts dieses Bedarfs Konversionsprojekte, also umentwickelbare Gewerbeflächen“, sagt er. Es entspreche zwar nicht der politischen Linie der Stadt, die Flüchtlingsunterbringung auf einen Standort zu konzentrieren, jedoch sei es „an der Zeit zu überlegen, einen neuen Weg zu beschreiten“.

Speziell in dauerhaft ungenutzten Gewerbeflächen an der Südspange, Gisselberger Straße und Alten Kasseler Straße gebe es Potentiale, die über eine dezentrale Unterbringung – an der Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) prinzipiell festhalten will – hinausgingen. „Neben nötigen Neubauten hat es auch Charme, geeignete bestehende Gebäude für das Wohnen umzubauen“, sagt Rausch. Tückisch und langwierig sei in diesen Gebieten jedoch die Aufstellung eines Bebauungsplans: bis drei zu Jahre werde das dauern. „Zeit, die wir eigentlich nicht haben. Aber anders als mit größeren Einheiten wird es künftig nicht mehr gehen,“, sagt Vaupel.

Die neu entstehenden Wohnanlagen sollen in einigen Jahren – sobald die Asylbewerberzahlen sinken –  in ein Mischgebiet aus Wohnen und Gewerbe münden. Resultat: In der Universitätstadt würden neue Wohn-Siedlungen entstehen.„Wenn es so weit ist, werden die vorgesehenen Gebiete in diese Richtung weiterentwickelt“, sagt Vaupel. Einen Vorschlag von Gerhard Haberle, Mitglied des „Runden Tischs“, Flüchtlinge verstärkt in alten Universitätsgebäuden auf den Lahnbergen unterzubringen, lehnt Vaupel wegen Infrastruktur-Mängeln ab.

Bezüglich der generellen Zukunft der Wohnungspolitik fordern die Mitglieder des „Runden Tischs“ neben Sozialwohnungs-Quote und Mietobergrenze, auch Baugruppen etwa für Senioren-WGs oder Mehrgenerationen-Wohnhäuser zu fördern – über eine städtische Koordinierungsstelle. Diese solle sich auch darum kümmern, dass alle Neubauten sowie verstärkt alte Häuser und die umliegende Infrastruktur barrierefrei gestaltet werden.

von Björn Wisker

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