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Marburg knüpft den Gesprächsfaden nach Dinant

100 Jahre Erster Weltkrieg Marburg knüpft den Gesprächsfaden nach Dinant

Die belgische Kleinstadt Dinant gedenkt ihrer Opfer im Jahr 1914 und kommt mit ihren Besuchern aus Marburg ins Gespräch.

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Intensive Gespräche: Dr. Kerstin Weinbach (von links), Dinants Bürgermeister Richard Fournaux, Dr. Richard Laufner, Heinrich Löwer und Dolmetscherin Dorothée Dubuisson.

Quelle: Till Conrad

Marburg. „Ich komme“, sagt der deutsche Botschafter in Belgien, Dr. Eckhart Cuntz, gleich zu Beginn seiner Gedenkrede, „aus einem Land, das das Ihre zwei Mal überfallen hat.“ Der Diplomat „bedauert“ mehrfach in seiner Rede das, was die Deutschen den Einwohnern von Dinant angetan haben; er verweist darauf, dass sich Deutschland im Jahr 2001 offiziell entschuldigt hat, und er freut sich über die Konsequenzen, die Frankreich, Belgien und Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg gemeinsam gezogen haben: das gemeinsame Europa zu bauen und so erreicht zu haben, „dass wir keinen Krieg mehr erleben mussten.“

Es ist eine würdevolle Gedenkfeier auf dem französischen Soldatenfriedhof bei der Zitadelle oberhalb der belgischen Kleinstadt, genau 100 Jahre nach der Schlacht zwischen deutschen und französischen Soldaten und wenige Tage vor dem 23. August, an dem sich das üble Massaker zum 100. Mal jährt, das deutsche Soldaten unter der Zivilbevölkerung in der Stadt verübt haben - unter Beteiligung des Jägerbataillons Nr. 11 aus Marburg (die OP berichtete). Auch eine kleine Marburger Delegation, bestehend aus Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach, dem Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer und Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner nimmt an der Zeremonie teil - als Ausdruck der Verantwortung, in der sich die Stadt Marburg sieht und als Zeichen der Haltung der Stadt in der noch immer andauernde Debatte um die richtige Form des Gedenkens.

Der deutsche Botschafter, der die Marburger in seiner Rede, abweichend vom Manuskript, ausdrücklich begrüßt hat, weist die Marburger nach der Feierstunde auf eine Form des militärischen Gedenkens hin, wie es in Dinant gepflegt wird: Ein Gedenkstein knapp 100 Meter von dem Soldatenfriedhof entfernt, am Rande der vor 100 Jahren so umkämpften Zitadelle oberhalb der Stadt, errichtet von der deutschen Wehrmacht, erinnert gleichermaßen an die 12 deutschen und 58 französischen Soldaten, die am 15. August 1914 an dieser Stelle ihr Leben verloren haben. „Im Tod gibt es keine Franzosen oder Deutsche“, hat Dr. Cunz schon in seiner Rede gesagt.

Verpflichtung zu Europa als Lehre aus dem Weltkrieg

Dinant ist ein besonderer Ort in Belgien: Nicht nur wegen des Massakers an der Zivilbevölkerung, sondern auch, weil hier Charles de Gaulle, der spätere französische Staatspräsident, gekämpft und bei der Verteidigung der Stadt am 15. August 1914 fast sein Leben verloren hat. De Gaulle wird in Dinant nach seiner schweren Verletzung gesundgepflegt und genießt bis heute noch hohes Ansehen in der Stadt.

So liegt es auf der Hand, dass in Dinant das Gedenken an die Schrecken des 1. Weltkriegs verbunden wird mit der Erinnerung an die Leistungen de Gaulles für die Einheit Europas. 100 Jahre nach der Verwundung de Gaulles bei der Schlacht um die Brücke über die Maas wird an dieser Brücke eine bronzene de-Gaulle-Statue enthüllt, von Bernard de Gaulle, dem Neffen des Franzosen, und Konrad Adenauer, dem Enkel des ersten deutschen Bundeskanzlers. Die Nachfahren der beiden Staatsmänner halten sich bei der Enthüllung an der Hand - ein starkes Symbol und eine besondere Form des Gedenkens an diesem Tag.

Marburger sind in Dinant gern gesehen

Wie gegenwärtig das Drama um die Stadt und das Massaker an der Zivilbevölkerung noch 100 Jahre später sind, erlebt der Besucher im Gespräch mit den ganz normalen Menschen, die zu Hunderten an der Einweihung der Statue teilgenommen haben. Madame Béatrice de Stexhe etwa ist 72 Jahre alt. Die Familie ihrer Großmutter hat 1914 verwundete französische Soldaten gepflegt und vor den Deutschen versteckt. Eine Generation später waren die Deutschen wieder da - im Zweiten Weltkrieg. Ihr Vater, erzählt Madame de Stexhe, habe danach gesagt: „Ich will nie wieder einen Deutschen sehen!“ Heute sei das anders, fügt die Frau noch hinzu, „wir freuen uns, dass man in Marburg zu den Verbrechen steht, die uns in deutschem Namen angetan worden sind.“

Ähnlich sieht dies auch Bürgermeister Richard Fournaux, der die kleine Marburger Delegation in einer Rede am Denkmal de Gaulles ausdrücklich willkommen heißt. Fournaux sagt später im Gespräch mit Dr. Kerstin Weinbach, Heinrich Löwer und Dr. Richard Laufner, dass er nach Abschluss der Feierlichkeiten, wahrscheinlich noch in diesem Jahr, nach Marburg reisen will, um den Gesprächsfaden aufzunehmen, den die Hessen gespannt haben. Auch Kerstin Weinbach bekundet das Interesse an einem Austausch.

Idee für ein gemeinsames Erinnerungsprojekt

Vielleicht ergibt sich die Möglichkeit, die Einwohner Marburgs und Dinants gemeinsam an einem Projekt zu beteiligen, das die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Städten betont und zugleich den Bogen schließt zu den Ereignissen vor 100 Jahren: Gerard Collard vertritt eine Initiative, die sich für die Instandhaltung und Restaurierung der Kirche Notre dame einsetzt, der monumentalen Kathedrale direkt unterhalb des 100 Meter hoch aufragenden Felsens mit der Zitadelle. Sie stammt, wie die Elisabethkirche in Marburg, aus dem 13. Jahrhundert, wurde 1914 schwer beschädigt und wird nach und nach wieder aufgebaut. „Unsere Kirche soll ein offener Ort sein, ein Ort für alle“, sagt Monsieur Collard den Besuchern aus Deutschland. Und er wirbt bei ihnen für die Beteiligung an der Neugestaltung eines Kirchenfensters, das an die Zerstörung der Kathedrale durch die Deutschen, an das Massaker, aber auch an die Aussöhnung zwischen Marburg und Dinant erinnern könnte.

Eine Idee, für die Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner in Marburg gerne werben will: Als Symbol für die Hinwendung der Menschen in Marburg und Dinant zu einer gemeinsamen Erinnerungskultur und der Verpflichtung zu einer gemeinsamen Zukunft.

von Till Conrad

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Das Foto zeigt Graf Soden (links). Es stammt aus seinem Nachlass und wurde zur Verfügung gestellt von seinem Enkel Götz Gmeiner  aus Bad Ems. Privatfoto

Nicht einmal einen Monat nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf Belgien waren „Marburger Jäger“ an Massakern im wallonischen Dinant beteiligt. Die Frage nach der Verantwortung für dieses Blutbad – und damit auch: nach den Befehlswegen – ist zuallererst an die militärischen Befehlshaber zu richten. Kommandeur des Kurhessischen Jäger-Bataillons Nr. 11 war Julius Alfred Maximilian Joseph Graf von Soden aus Marburg.

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