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„Marburg ist ein guter Ort zum Leben“

Flüchtlings-Schicksal „Marburg ist ein guter Ort zum Leben“

Mit 17 Jahren hat Habib mehr erlebt als viele Menschen kurz vor der Rente. Seit neun Monaten lebt er in Marburg. Sein großes Ziel: das Abitur.

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Habib (17 Jahre) aus Afghanistan in seinem Zimmer im Bremer Haus auf dem Gelände des Landschulheims Steinmühle in Cappel.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Habibs Eltern sind Afghanen und in den 1980er-Jahren in den Iran geflohen. Habib selbst kam im vergangenen Jahr nach Deutschland.

Im Iran sind Afghanen bestenfalls eine geduldete Minderheit. „Wir hatten keinen Pass, nur einen Flüchtlingausweis“, sagt der 17-Jährige und fügt hinzu: „Du bist immer ganz unten.“ Ganz unten - das heißt, keine Arbeit für die Eltern. Ganz unten - das heißt, Angst davor, auf die Straße zu gehen, weil man geschlagen werden könnte. Ganz unten - das heißt, Leben in einem Slum, ohne Anspruch auf Schulbildung oder Krankenversicherung. Ganz unten - das heißt, Angst vor der Polizei, Angst verschleppt zu werden.

Drei Millionen Afghanen leben unter diesen Bedingungen im Iran. Leben dort heißt für junge Afghanen aber auch die Aufforderung des Regimes, in Syrien aufseiten der Assad-Truppen gegen den „Islamischen Staat“ zu kämpfen. Habib ist irgendwann vor diesen Bedingungen geflohen. Zwei Monate lang war er unterwegs, ehe er in Deutschland eintraf.

Der junge Mann ist einer von den Menschen, die bisher Glück gehabt haben. Habib gehört zu einer Gruppe von 15 Schülern, die als sogenannte „unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ in der Steinmühle unterkamen und hier auch unterrichtet werden - mit dem großen Ziel, irgendwann das Abitur abzulegen. Den ersten Schritt dahin hat Habib geschafft: Er hat die Prüfung für das B1-Niveau abgelegt - und damit, wenn er besteht, die Voraussetzung erfüllt, am „normalen“ Unterricht in der Steinmühle teilzunehmen. Nach den Sommerferien wird Habib in die zehnte Klasse gehen. Ob er nervös ist vor der Bekanntgabe des Prüfungsergebnisses?

„Nein“, sagt er. „Ich werde bestehen.“

„Wenn du hier leben willst, musst du Deutsch können“

Sonderlich interessiert dies Habib aber nicht. „Prüfungen zu bestehen, ist das eine, gut zu sein, ist das andere“, sagt er. „Ich will noch besser werden in Deutsch. Wenn Du hier leben willst, musst du Deutsch können.“

Irgendwann einmal will Habib sein Abitur in der Tasche haben und Zahnmedizin studieren. „Zahnarzt, das war schon mein Berufswunsch, als ich noch im Iran lebte.“

Die Steinmühle, das Bremer Haus, ist sein Zuhause geworden. „Ich fühle mich wohl hier“, sagt Habib. Drei Mal in der Woche geht er abends zum Taek-Won-Do-Training, nimmt auch andere Sportangebote wahr. Im „Dorf“, also in Cappel, war er noch nicht so oft. Lieber bleibt er auf dem Steinmühlen-gelände auf seinem Zimmer und lernt. Ein „bisschen Angst“ hat er vor der zehnten Klasse, „weil mein Deutsch noch nicht so gut ist“. Der junge Mann mit den großen Ansprüchen an sich selbst lernt aber gerne.

Das hängt viel mit der Lernatmosphäre zusammen. „Die Lehrer helfen uns“, eine aus dem Iran ungewohnte Erfahrung. „Die Lehrer verstehen uns“, sagt er auch, und, vielleicht am wichtigsten: „Die Lehrer wollen uns helfen.“

In den Sommerferien wird Habib erst einmal ein Praktikum machen: in der Kindertagesstätte im Stadtwald. „Es macht mir Spaß, mit Kindern zu arbeiten.“

Habib ist ein optimistischer Mensch, der gerne lacht: „In den anderen Mitschülern habe ich prima Kumpels gefunden“, sagt er, „wir reden oft über die Zukunft“.

Und über die Vergangenheit? Das weniger, sagt Habib, das ist in der Gruppe eher kein Thema.

Wie er auch über seine eigene Flucht nur ungern redet. Wenn er es doch tut, wird aus dem fröhlichen, optimistischen Mann ein zögerlicher, fast ängstlicher Mensch. Die Stimme wird merklich leiser, fast flüstert er nur noch, wenn er erzählt, dass er an der Grenze zwischen Iran und der Türkei von türkischer Grenzpolizei aufgehalten wurde und in vorgehaltene Gewehre geschaut hat. Dass er den Weg zwischen der Türkei und Griechenland auf einem kleinen Boot absolviert hat - obwohl er, wie viele seiner Schicksalsgenossen, nicht schwimmen kann. Von der Angst, die er dabei hatte. Dass er einen Jungen hat sterben sehen. „Hätte ich das alles vorher gewusst, wäre ich vielleicht nicht geflohen“, sagt er heute.

Nun aber ist er hier, in Deutschland, in Marburg. Seine Stimme wird wieder lauter, als er erneut über seine Zukunft erzählt: Am liebsten will er in der Universitätsstadt studieren. „Ein guter Ort zum Leben“, sagt er: klein, mit schönem Fluss, viele schöne alte Häuser. Und viele Menschen, die ihn verstehen und ihm helfen.

von Till Conrad

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