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Marburg hadert mit Nazi-Geschichte

Aufarbeitung Marburg hadert mit Nazi-Geschichte

Die Stadt Marburg will den finsteren Teil ihrer Geschichte aufarbeiten: Die Zeit des Nationalsozialismus und welche Rolle die Stadtpolitiker in den 1930-er und 1940er- Jahren gespielt haben.

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Die Gemäldegalerie von Marburgs Oberbürgermeistern zeigt auch Ernst Scheller (r.). Er war offenbar seit 1931 NSDAP-Mitglied und ab 1934 Stadtoberhaupt im Dienste der Nazis. Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. In der Galerie im Rathaus hängt ein Gemälde von Ernst Scheller, 1934 zum Oberbürgermeister Marburgs gewählt. Dabei gilt er als Teil der Nazi-Maschinerie, war offenbar bereits zwei Jahre vor der Machtübernahme Adolf Hitlers 1933 Mitglied der NSDAP geworden. Dass Scheller nicht der einzige Politiker Marburgs war, der direkt mit den Nazis verbandelt war, fürchtet Hennig Köster-Sollwedel (Linke). In Kürze sollen deshalb Experten danach forschen, wer etwa Mitglied in der Nazipartei war, welche Entscheidungen Parlament und Magistrat trafen, wer verstrickt war in die Deportation von Marburger Juden. Ein Antrag auf Initiative der Marburger Linken ist die Grundlage für die Aufarbeitung.

„Die Zeit zwischen 1933 und 1945 ist weiterhin ein weißer Fleck in der Stadtgeschichte“, sagt Köster-Sollwedel. Es sei unabdingbar, sich für ein vollständiges Bild der Marburger Historie auch „das Schmerzliche zu vergegenwärtigen.“ Etwa, wie der bekennende Nazigegner Georg Gassmann auch unter und durch die lokalen Politiker gelitten habe. Köster-Sollwedel nennt noch andere Namen, die mindestens mit den Nazis sympathisierten, wohl sogar paktierten. „Walter Voss etwa war Stadtoberhaupt als die letzten Juden deportiert wurden“, sagt er. Auch Theodor Bleek sei in der NSDAP gewesen. Doch dann enden die bekannten Verstrickungen.

Range und Suntheim fordern, auch nach links zu schauen

„Eine wissenschaftliche Untersuchung würde uns helfen, die Rolle von Marburgern in dieser Zeit zu erkennen“, sagt Köster-Sollwedel. Im Kulturausschuss gab es für sein Ansinnen breite Unterstützung. „Auch ich war erstaunt zu sehen, wie wenig wir über diese Jahre wissen“, sagte Dezernentin Kerstin Weinbach (SPD). Zwar gebe es Aufsätze zur Tätigkeit des Parlaments und Magistrats in dieser Zeit. Auch Namen von aus politischen Gründen Inhaftierten gebe es. Doch eine vollständige Aufarbeitung der Geschichte der Stadtverordnetenversammlung und ihrer Mitglieder stehe aus.

Bedenken zu dem Plan äußerste Andrea Suntheim-Pichler (Bürger für Marburg). „Wenn, sollte man die Aufarbeitung auf die Zeit bis zur jüngsten Vergangenheit ausdehnen. Etwa, wie das SED-Regime in der DDR die Marburger Lokalpolitik beeinflusste“, sagte sie. Damit spielte sie auf die Rolle der DKP, einer kommunistischen Partei in Westdeutschland, an. Mathias Range (CDU) argumentierte ähnlich: „Schreiendes Unrecht muss man von Rechts und Links restlos aufarbeiten“, sagte er.

"Reflexartig SED zu rufen, wenn es um die Nazizeit geht, ist falsch"

Das löste einen Proteststurm aus. „Unerhört finde ich es, diese verbrecherischen Regime zu vermengen. Um es mit Günter Grass zu sagen, war das eine mörderischer Holocaust und das andere eine kommode Diktatur“, sagte Köster-Sollwedel. Auch Gerald Weidemann (SPD) lehnte die Idee einer parallelen Kommunismus-Aufarbeitung ab. „Reflexartig SED zu rufen, wenn es um die Nazizeit geht, ist falsch. Dass die NSDAP in Marburg eine völlig andere, viel stärker prägende Rolle für Marburg spielt als die SED, wird doch jedem klar sein“, sagte er. Hans-Werner Seitz (Grüne) ergänzte, dass der ohnehin hohe Arbeitsaufwand solch einer Studie zusätzlich steige, wenn der Kommunismus mituntersucht werden solle. Unklar ist noch, ob die Universität oder die Geschichtswerkstatt, die zuletzt die Studie der NS-Vergangenheit der Marburger Jäger veröffentlichte, mit der Aufarbeitung betraut wird.

von Björn Wisker

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