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Marburg Vorbild für Müllentsorgung

Brasilianischer Bauingenieur holt sich Anregungen Marburg Vorbild für Müllentsorgung

Unzureichendes Abfallmanagement und Umweltverschmutzung sind ein großes Problem in Brasilien. Dem will ein Experte abhelfen – Ideen holt sich der brasilianische Bauingenieur in der Universitätsstadt.

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Der Bauingenieur Dr. Eraldo Henriques de Carvalho entwickelt ein modernisiertes Abfallsystem für ganz Brasilien. Umsetzbare Konzeptideen holte er sich aus Marburg.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Der Umweltmarkt Brasiliens ist klein, in Sachen Umwelttechnik und systematischer Müllentsorgung hinkt der fünftgrößte Staat der Erde anderen hinterher. „Die Abfallwirtschaft von Brasilien ist heute auf dem Stand, wie sie in Deutschland vor 40 Jahren war“, sagt Professor Eraldo Henriques de Carvalho aus dem brasilianischen Bundesstaat Goiás.

Mülltrennung, flächendeckendes Recycling, Ressourcenschonung effektive Entsorgung und Wiederverwertung – alles Themen, die in dem südamerikanischen Land kaum eine Rolle spielen und bislang weder in der Verwaltung noch in den Köpfen der Bewohner angekommen sind. Dabei ist eine Modernisierung der prekären Abfallwirtschaft Brasiliens dringend nötig, sagt der Dozent.

Lob für deutsche Technologien

Er lehrt und forscht an der Universidade Federal de Goiás in Mittelbrasilien. Im Auftrag der Regierung leitet er ein Entwicklungsprojekt zur Umstrukturierung des Abfallsystems. Während eines Besuchs in Deutschland vergangene Woche suchte der Experte nach neuen Möglichkeiten und Inspiration für sein Konzept.

Warum gerade die Bundesrepublik? Weil die einen sehr guten Ruf hat, im Ingenieurwesen „weltweit als führend bei den Themen Technologie und Umwelt gilt und die Bürger das System erfolgreich mittragen“, lobt er.

Um hiesige Modelle und Alternativen kennen zu lernen, besuchte der Entwickler die Müllumladestation in Wehrda sowie eine Mülldeponie im Hochsauerlandkreis. In Marburg hat der Brasilianer zudem Familie, die den Kontakt mit Experten vor Ort herstellte. Nach dem Vorbild des europäischen Systems möchte Henriques de Carvalho die brasilianische Müllentsorgung modernisieren, vereinheitlichen und an Umweltstandards anpassen.

Lose Tüten statt Containern

„Das ist eine große Herausforderung, es gibt ein großes Umweltproblem in Brasilien“, erklärt der Forscher im Interview. Tausende brasilianische Städte und vor allem kleine und mittlere Gemeinden haben immense Probleme mit gigantischen Müllbergen, Umweltschäden und Wasserverschmutzung. Für eine effektive Abfallwirtschaft fehlen die technischen, personellen und finanziellen Voraussetzungen. Alleine in seinem Bundesstaat Goiás , der etwa so groß ist wie ganz Deutschland, gibt es 246 Städte – in lediglich 18 davon funktioniert die Müllentsorgung, macht der Ingenieur deutlich.

Mülltrennung oder auch nur Mülltonnen gibt es nicht überall. Was hierzulande mit farblich gekennzeichneten Tonnen allerorts zum normalen Straßenbild gehört, sieht in Brasilien anders aus. Ihren Hausmüll stellen die Bewohner auf dem Land in Tüten auf die Straße – in der Regel kommt täglich die Müllabfuhr, ein Muss bei großer Hitze und der Gefahr, dass die gammelnden Reste wilde Tiere anlocken.

Alles landet auf einer der vielen unkontrollierten Mülldeponien, auf denen jedoch sämtlicher Abfall, biologischer Müll, Papier, Plastik, Batterien, Öle und andere giftige Stoffe enden. Auch industrieller Sondermüll wird nicht immer fachgerecht entsorgt – „einfach alles wird auf die Müllhalde geworfen“, weiß der 48-Jährige.

Brasilien kämpft mit gigantischen Müllbergen

Für ein partielles Recyclingsystem sorgen höchstens die überall verbreiteten Müllsammler, die auf dem gefährlichen, giftigen Terrain alles Wiederverwertbare einsammeln und an Firmen verkaufen. Auch die Trinkwasserversorgung wird beeinflusst – das zieht Ungeziefer wie Stechmücken an, die das Dengue-Fieber übertragen 
können. Müllverbrennungs- oder Wiederaufbereitungsanlagen gibt es kaum.

Das Land kämpft mit gigantischen Müllbergen und Wasserverschmutzung. Dabei versuche der krisengeschüttelte Staat einen Wandel herbeizuführen: Seit 2010 gibt es ein an europäische Standards angelehntes Gesetz, das von den häufig verarmten Gemeinden einen fachgerechten Umgang, ein flächendeckendes Recyclingsystem und umweltgerechte Entsorgung fordert.

Allerdings bislang „nur auf dem Papier“ – angewandt wird das Gesetz nicht: „Es fehlt einfach an Geld, Planung, qualifiziertem Personal und an technischen Einrichtungen wie eine Müllumladestation“, erklärt Henriques de Carvalho.

Ideen und Modelle hat er aus seinem Besuch in Marburg so einige mitgenommen, vom deutschen Kreislauf-System, von der Anfahrt des Abfalls bis zum Weitertransport, der Wiederverwertung und Kostenrechnung.

Förderung eines gesellschaftlichen Verständnisses

Besonders beeindruckt hat ihn vor Ort auch der Umgang der Menschen mit ihren Hinterlassenschaften: etwa die fest in den Alltag integrierte Abfalltrennung, der grüne Punkt und gelbe Sack, und dass die Menschen genau über das Recyclingsystem Bescheid wissen, erzählt der Ingenieur begeistert.

Seine Erfahrungen will er mit nach Hause nehmen und an einem effektiven, umsetzbaren Abfallsystem für seine Heimat arbeiten. „Ich fühle mich dazu berufen, den Menschen weiterzugeben wie es besser geht und ein gesellschaftliches Verständnis für unsere Umweltprobleme zu entwickeln“, hofft der Forscher auf eine gesündere Zukunft für sein Land.

von Ina Tannert

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