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Marburg-Virus: Erinnerungen an 1967

Buch Marburg-Virus: Erinnerungen an 1967

Friederike Moos, eine ehemalige Mitarbeiterin der Behringwerke, erinnert sich in dem Buch „In uns und um uns“ an den Ausbruch des Marburg-Virus im August 1967.

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Friederike Moos präsentiert das Cover ihres Buches zum Marburg-Virus.Foto: Thorsten Richter

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Als 19-jährige Berufseinsteigerin arbeitete Friederike Moos im Jahr 1967 bei den Behringwerken, als dort in der Firma das „Marburg-Virus“ ausbrach. Die damalige Biologielaborantin arbeitete in der Abteilung „Gewebekultur“ und erlebte die dramatischen Wochen der Ungewissheit im Sommer 1967 mit. „Ich habe diese ganze Zeit als sehr gefährlich und aufregend erlebt“, berichtet sie im Gespräch mit der OP. Schließlich sei damals in Marburg am Standort der Behringwerke ein völlig unbekannter Erreger aufgetreten, der eine verheerende Krankheit übertragen habe. Die schließlich erfolgreiche Suche nach dem Erreger, dem Marburg-Virus, habe von daher auch eine historische Dimen­sion gehabt.

Friederike Moos zog im Jahr 1969 nach der Beendigung ihrer Lehre weg aus Marburg und fand eine Stelle in Freiburg, auch in ihrem erlernten Beruf als ­Laborantin. Nach ihrer Pensionierung fand sie die Zeit, die Erlebnisse von damals aufzuarbeiten. In dem Buch mit dem Untertitel „Meine Begegnung mit dem Marburg-Virus“ zeichnete sie die Geschehnisse von damals nach. 23 Menschen erkrankten an der zunächst rätselhaften und mysteriösen Viruserkrankung, die in der Boulevardpresse „Marburger Affenseuche“ genannt wurde. Fünf Mitarbeiter der Pharmafirma starben. Die ehemalige Behring-Mitarbeiterin beschreibt in ihrem Buch chronologisch die wenigen Wochen vom Ausbruch der ersten Virus-Erkrankung bis zur Eindämmung der Krankheit.

Chef stirbt an dem Virus

Am Montag, 14. August 1967, gab es die ersten Vorboten der herannahenden Krankheitswelle, berichtet Moos. Denn ein Tierpfleger aus ihrem Laborteam meldete sich krank. Zudem wurde ihr am Abend auch bekannt, dass mehrere andere Tierpfleger - eigentlich als robuste Naturen bekannt - sich wegen Unwohlseins spontan krankgemeldet hatten. Am darauffolgenden Tag fehlten drei Tierpfleger aus der Affenhaltung in ihrem Haus wegen Krankheit. Bald war klar, dass die Krankheit von den für die Impfstoffproduktion eingesetzten aus Afrika stammenden Affen übertragen wurde. Bis zum Wochenende häuften sich die Erkrankungen. Am Samstag, 19. August, wurde der erste Kranke in die Klinik eingeliefert. Rund eine Woche nach den ersten Erkrankungen begannen auch die Medien über die Vorfälle zu berichten.

Dann ging alles Schlag auf Schlag. Mehrere Tierpfleger­ starben. Auch ihr unmittelbarer Vorgesetzter erkrankte erst schwer und starb dann am 3. September an den Folgen der Viruserkrankung. „Er war ein liebenswerter Mensch und Chef“, erinnert sich Friederike Moos. Besuche der Patienten auf der in der Marburger Innenstadt befindlichen Isolierstation seien nicht möglich gewesen, da diese Station streng von der Außenwelt abgeschnitten gewesen sei. Auch Telefonate mit den Kranken seien nicht erlaubt gewesen, um diese nicht unnötig mit der Dramatik zu belasten.

Wettlauf mit der Zeit

Denn während die Mediziner des Marburger Uni-Klinikums um das Leben der schwer erkrankten Mitarbeiter der Pharmafirma kämpften, gab es parallel einen Wettlauf der Forscher mit der Zeit mit dem Ziel, das Virus zu identifizieren und nach Gegenmitteln zu suchen.

Genau erinnern kann sich Friederike Moos noch daran, dass sie Anfang September 1967 ganz alleine im Aufenthaltsraum ihrer Abteilung saß. „Die hatten mich vergessen“, meint sie. Im allgemeinen Chaos war anscheinend auch noch untergegangen, dass sie nicht mehr zu den Auszubildenden der Firma gehörte, weil diese Ausbildung eigentlich offiziell Anfang September zu Ende gehen sollte. Wie auch viele ihrer Kollegen hatte auch die junge Laborantin große Angst, dass sie auch von dem todbringenden Virus angesteckt werden könnte, was aber bei ihr glücklicherweise nicht der Fall war. Das Problem: Über die Inkubationszeit gab es keine direkten Anhaltspunkte, sondern nur Erfahrungswerte. Es habe damals sogar Überlegungen gegeben, die gesamte Belegschaft unter Quarantäne zu stellen. Das wurde aber schnell auf ein generelles Urlaubsverbot reduziert.

von Manfred Hitzeroth

Hintergrund

In ihrem Erinnerungsbuch lässt Friederike Moos auch Angehörige von Toten oder ehemals schwer Erkrankte ausführlich zu Wort kommen. Zwar lasse das albtraumhafte Geschehen von damals viele Betroffene bis heute gedanklich nicht los, berichtet Friederike Moos. Doch trotz der damit verbundenen Trauer um die Verstorbenen ist es zumindest für die Autorin dieses detailreichen Erinnerungsbuches so, dass sie das Auftreten des Marburg-Virus im August 1967 als ein singuläres Ereignis verbucht hat.Neben den schlimmen Folgen für viele Mitarbeiter der Behringwerke und deren Familien habe der Marburg-Virus zumindest für Fortschritte in der Forschung und besonders in der Virologie gesorgt. So sei jetzt immerhin am Uni-Klinikum auf den Lahnbergen eines von drei virologischen Sicherheitslaboren der höchsten Sicherheitsstufe angesiedelt. Eines der Anliegen von Friederike Moos ist es aber, über das Buch hinaus für die am Marburg-Virus Verstorbenen eine öffentliche Gedenktafel zu installieren, um so an die turbulenten Tage aus dem August 1967 zu erinnern. Denn das Marburg-Virus sei nicht nur in die Medizingeschichte eingegangen, sondern auch in die Geschichte der Stadt und der Behringwerke. Eine solche Gedenktafel könnte eine angemessene Würdigung der Opfer darstellen.

Friederike Moos: In uns und um uns. Meine Begegnung mit dem Marburg-Virus. Mabuse-Verlag. 140 Seiten. 16,90 Euro.

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