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Marburg „Glücksfall für Flüchtlinge“

Menschrechtler hielt Vortrag Marburg „Glücksfall für Flüchtlinge“

Die Universitätsstadt Marburg und ihre engagierten Bürger ernteten großes Lob von dem bekannten Flüchtlingshelfer und Journalisten Elias Bierdel aus Wien.

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Der Menschenrechtler und Journalist Elias Bierdel beim Vortrag im Stadtverordnetensitzungssaal.

Quelle: Gesa Coordes/Stadt Marburg

Marburg. „Nach Marburg zu kommen, ist sicherlich auch in Deutschland ein Glücksfall für Flüchtlinge“, sagte der Vorsitzende der Menschenrechtsorganisation „Borderline Europe“ während des jüngsten Stadtforums zur Flüchtlingspolitik, zu dem die Universitätsstadt am Mittwoch in den Stadtverordnetensitzungssaal eingeladen hatte.

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) sagte in seiner Begrüßung vor 70 Zuhörern: „Europa schottet sich immer mehr ab und baut Mauern auf. Sicherheit und Freiheit erreichen wir aber nur, wenn wir den Vertriebenen die Tore öffnen und ein neues Zuhause geben.“ Bierdel lieferte mit seinem Vortrag dazu einen entscheidenden Beitrag. Der deutsche Journalist schilderte mit bewegenden Bildern insbesondere seine Erlebnisse mit Flüchtlingen auf der griechischen Insel Lesbos, auf der er im Sommer für mehrere Wochen unhaltbare Zustände dokumentierte: „Da syrische Familien keine Fähren benutzen dürfen, besteht für die Flüchtlinge derzeit kein legaler Weg, nach Lesbos zu kommen - die Vorschriften und Gesetze zwingen die Leute förmlich zu gefährlichen Überfahrten mit unsicheren Booten. Statt Schwimmwesten tragen alle ungeeignete Arbeitswesten“, sagte Bierdel. Sind die Menschen erst mal an Land angelangt, entstehen direkt die nächsten Probleme. „Es gibt niemanden, der eine offizielle Verantwortung trägt und somit gibt es weder Flüchtlingsunterkünfte noch eine grundlegende Versorgung. Hilfsorganisationen und Privatleute versorgen die Menschen mit dem Nötigsten - solche Bedingungen sind unhaltbar und versetzen die Vertriebenen in eine Kette der Demütigungen“, erläutert der gebürtige Berliner weiter.

Mit erschreckenden Bildern dokumentierte Bierdel gleichzeitig auch die Lage im Mittelmeer, wo jedes verdächtige Boot von Schiffen und Hubschraubern aufgespürt und oft wieder zurückgedrängt wird. Bereits 2004 organisierte der Journalist mit einem eigenen Schiff, der Cap Anamur, inklusive Crew, eine Versorgung im Meer und rettete zahlreiche Flüchtlinge, die mit ihren Schlauchbooten zu kentern drohten.

In Marburg ist die Politik unterdessen bemüht, den Flüchtlingen im Stadtteil Cappel angemessene Unterkünfte und Schlafmöglichkeiten für die kalte Jahreszeit zur Verfügung zu stellen: „Der Bau unserer Holzhäuser schreitet weiter voran und wir sind zuversichtlich, dass noch vor Weihnachten auch das vierte Haus bewohnbar ist“, sagte Vaupel.

Während die Hilfsmaßnahmen für die Flüchtlinge vor Ort immer mehr Gestalt annehmen, bleibt die Situation an den Grenzen Europas weiter kritisch. Für die teils bedrohlichen Zustände sind neben der europäischen Regierung laut Bierdel auch die Industriestaaten selbst verantwortlich: „Unser privilegiertes Leben führen wir oftmals auf Kosten anderer: Der erschwerte Zugang zum Trinkwasser und der generelle Klimawandel begünstigen im Rest der Welt immer mehr Fluchtursachen durch Kriege und Gewalt.“ Umso mehr waren sich am Mittwoch die Beteiligten des Stadtforums nach Bierdels beeindruckendem Vortrag einig, politische Visionen zukünftig weiter mit starker Solidarität zu verfolgen und umzusetzen.

von Martina Grosse-Wiesmann

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