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Marburg: Die Hochburg der Hörbücher

Blista-Bibliothek Marburg: Die Hochburg der Hörbücher

Wer im Alter erblindet, muss nicht auf den Genuss eines guten Buches verzichten: Das Angebot der Deutschen Blinden-Hörbücherei (DBH) in Marburg bietet einen wertvollen Zugang zur Literatur.

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Thorsten Büchner nutzt einen „Daisy-Player“, um sich ein Buch anzuhören. Seit 60 Jahren gibt es die Blista-Hörbücherei, in der sich Blinde und Sehbehinderte mehr als 41 800 Bücher und zahlreiche Zeitschriften ausleihen können.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Mehr als 41800 Hörbücher listet der Onlinekatalog der Deutschen Blindenbibliothek. Etwa 1500 kommen jährlich dazu, und dann gibt es noch Magazine zum Download - jeden Montag steht zum Beispiel der „Spiegel“ zum Hören bereit. Das Angebot ist nicht nur beeindruckend, sondern auch kostenlos.

Da fragt sich der eine oder andere sehende Hörbuchfan, ob er den Service nicht auch nutzen kann. Kann er nicht. „Aus urheberrechtlichen Gründen dürfen nur Sehbehinderte das Angebot nutzen“, sagt Rudi Ullrich, der Pressesprecher der Blista. Das sei vor allem deshalb schade, weil dadurch auch Analphabeten ausgeschlossen seien. Einen Büchereiausweis bekommt nur, wer mit ärztlichem Attest oder Behindertenausweis nachweisen kann, dass er blind oder sehbehindert ist.

60 Jahre Blista-Hörbücherei

Die Sorgen der Verlage sind allerdings nachvollziehbar: Wer kauft ein Hörbuch, wenn er es auch kostenlos nutzen kann? Als die Deutsche Blinden-Hörbücherei (DBH) 1954 in der Blista eröffnet wurde, steckte das Hörbuch noch in den Kinderschuhen. Sehbehinderte kamen nur über Punktschriftbüchereien an Lektüre. Doch besonders Menschen, die im Alter erblinden, können häufig keine Brailleschrift lesen. Für sie waren die „Sprechenden Bücher“, die die Hörbücherei ab diesem Zeitpunkt in Marburg produzierte und auf Tonbändern verschickte, eine Revolution.

Vom Tonband bis zu „Daisy“

In den 60 Jahren, die vergangen sind, seitdem Wilhelm Rabes „Stopfkuchen“ als erstes Hörbuch in den Verleih ging, hat sich die Technik weiterentwickelt. Aber die Zielgruppe ist dieselbe geblieben: Etwa 60 Prozent der 6429 aktiven Nutzer sind Altersblinde. Die älteste Hörerin ist 105 Jahre alt, die Jüngste erst sieben. Sie hören heute natürlich keine Tonbänder oder Kassetten mehr, sondern seit zehn Jahren CDs.

Eine spezielle Form der MP3-CD, die „Daisy-CD“ (siehe Kasten), fasst bis zu 70 Stunden gelesenes Buch. Die CDs lassen sich in handelsüblichen MP3-fähigen CD-Playern abspielen und ersparen den blinden Nutzern viel Mühe: Früher mussten sie für lange Werke mehr als zehn Kassetten in der richtigen Reihenfolge wechseln und „Bandsalat“ gibt es auch nicht mehr.

Ein weiterer Vorteil der digitalen Technik: Die Wartezeit bei besonders beliebten Büchern ist weggefallen. Für jede Bestellung wird die CD gebrannt und verschickt. Zu den besonders beliebten Hörbüchern gehören zurzeit laut Hörbücherei zum Beispiel der Krimi-Bestseller „Verachtung“ von Jussi Adler-Olsen und Henfried Winklers viel diskutiertes Werk über den Ersten Weltkrieg „Der große Krieg“. Letzteres wurde vor Kurzem in den Studios der Blista aufgenommen.

Komplette Bücher

Im Grunde unterscheiden sich die Hörbücher, die von den 27 freiberuflichen ausgebildeten Sprechern in den Marburg-Studios für Blinde eingelesen werden, nicht von denen, die von Verlagen heutzutage kommerziell produziert und verkauft werden. Laut Rudi Ullrich bleibt die Blinden-Hörbibliothek trotzdem wichtig: „Bei uns werden die Bücher komplett und nicht als Hörbuchversion eingesprochen. Und wir lesen auch Bücher ein, die sicher kein Kassenschlager werden.“

Versand kostenlos

Die Nutzer können die Hörbücher aller deutschen Hörbüchereien im Onlinekatalog unter www.katalog.blista.de auswählen und bei ihrer Hörbücherei kostenlos ausleihen. So verschickt die Marburger Hörbücherei im Jahr bis zu 130000 CDs an Blinde und Sehbehinderte in ganz Deutschland. Nicht einmal der Versand kostet die Nutzer Geld, weil die Post ihn gratis durchführt. Neben öffentlichen Zuschüssen sichern hauptsächlich die Spenden der Hörer den Betrieb der Bücherei und die Produktion der Hörbücher.

Kochbuch zum Jubiläum

Zum Jubiläum der Hörbücherei hat der Gourmetkoch Ömür Akkur ein Kochbuch für Blinde geschrieben. Es zeichnet sich dadurch aus, dass Blinde die Mengenangaben daraus ohne weiteres abmessen können: Anstatt die Zutaten in Gramm anzugeben, hat Akkur geprüft, wieviele Tee- bzw. Esslöffel von welcher Zutat hineinkommen. Die Erkennungsmerkmale eines fertigen Gerichts hat er natürlich auch für blinde Köche angepasst: Sie riechen oder tasten, wann der Auflauf fertig ist.

von Thomas Strothjohann

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