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Manieren als Krücken des Anstands

Wandel der Etikette Manieren als Krücken des Anstands

Höflichkeit, Etikette, Umgangsformen - über die Basis guter Manieren und die Entwicklung europäischer Sitten sprach der politische Analyst und Rhetoriker Prinz Dr. Asfa-Wossen Asserate während seines Besuchs in Marburg.

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Altherren-­Vorsitzender Professor Dr. Hans Werner Springorum (von links), Frederick Turck, Dr. Asfa­Wossen Asserate, Dr. Lotte Springorum, Nikolaus Grefe und Martin Beeck.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Anmut und Demut, die Gefühle anderer nicht zu verletzen, seine Mitmenschen in den Mittelpunkt zu stellen - das ist für Dr. Asfa-Wossen Asserate das oberste Gebot guter Umgangsformen. Über verlorene und neue Manieren der Gegenwart sprach der aus dem äthiopischen Adel stammende Jurist und Bestsellerautor am Wochenende in Marburg.

Eine Dame wird mit Handkuss empfangen, Fragen nach dem Wohlergehen des Gegenübers stehen vor allem anderen, man lässt dem Mitmensch den Vortritt und wartet bis er ausgesprochen hat. Diese Auflistung ließe sich unendlich fortsetzen, Asserate kennt die Geschichte des guten Benehmens, hat sie in zahlreichen Werken zusammengetragen. Bekannt wurde der Autor 2003 durch sein Bestseller-Buch „Manieren“.

Forschungsthema und Herzensangelegenheit

Und genau die sind für den 67-Jährigen nicht nur ein wissenschaftliches Forschungsthema, sondern eine Herzensangelegenheit: „Manieren sind dazu da, anderen Menschen etwas Gutes zu tun und sich selber zurückzunehmen, sie sind die Krücken des Anstands“, betont der Literat. Aus Respekt wird er von vielen Menschen nach wie vor „seine kaiserliche Hoheit“ genannt, auch wenn das Adelshaus nicht mehr existent ist, er als deutscher Staatsbürger diesen Titel nicht tragen kann.

Als Großneffe des letzten äthiopischen Kaisers wurde Asserate im Jahr 1948 in Äthiopien geboren, besuchte dort die Deutsche Schule in Addis Abeba, studierte Jura, Volkswirtschaft und Geschichte in Tübingen und Cambridge.

Es war „ein Riesenzufall und ein großes Glück“, dass der plötzlich im Exil lebende junge Mann der kommunistischen Revolution in Äthiopien ab 1974, der Ermordung seines Vaters und der Sippenhaft seiner Familie entging. Erst seit 1991 darf er sein Geburtsland wieder betreten. Asserate gründete die erste Menschenrechtsorganisation für sein Land, promovierte in Frankfurt und ist bis heute als Autor und Unternehmensberater tätig.

Auszeichnung mit Jacob-Grimm-Preis 2015

In diesem Jahr erhielt Asserate den Jacob-Grimm-Preis. Dieser wird seit 2001 jährlich an Personen verliehen, die sich wie sein Namensgeber Jacob Grimm „in besonderem Maße um die Anerkennung, Weiterentwicklung und Pflege des Deutschen als Kultursprache“ verdient gemacht haben. Der Preis ist mit 30000 Euro dotiert.

Als einer der ersten Afrikaner schloss sich Asfa-Wossen Asserate einer deutschen Studentenverbindung an, trat der „Corps Suevia Tübingen“ bei und ist bis heute seinen Verbindungsbrüdern eng verbunden. Der Marburger Senioren-Convent lud den Autoren daher am Wochenende in die Universitätsstadt ein. Im Haus des Corps Teutonia zu Marburg sprach Asserate in einem Vortrag über Werte, Tugenden und Umgangsformen im Abendland.

Im OP-Gespräch gibt er zuvor einen lebendigen Rückblick auf die Anfänge seiner Begeisterung für die deutsche Geschichte, Sprache und Kultur. Diese erwachte bereits früh, schon sein deutsches Kindermädchen las ihm die Märchen der Brüder Grimm vor, nicht zuletzt deshalb reist er auch immer wieder gerne nach Marburg.

"Deutsche Tugenden haben mir viel gegeben"

Er begeisterte sich schon früh für die gesellschaftspolitischen Ziele der Aufklärung, „die deutschen Tugenden haben mir viel gegeben“, sagt Asserate. Den Wandel des Erziehungsgedanken beob­achtete er ausgiebig während der 68er-Bewegung, die er als „unglaublich spannende Zeit“ empfand, genoss die vorherrschende Diskussionskultur - „wir haben uns stundenlang die Köpfe eingeschlagen“, erinnert sich Asserate noch heute.

Jedoch wurde für ihn zu jener Zeit auch ein guter Teil alter Manieren aus dem Fenster geworfen. „Alles was mit Werten und Manieren zu tun hatte, ist kaputt gegangen“, findet der Publizist. Einen Grund sieht er bis heute in der verbreiteten antiautoritären Erziehung der Kinder sowie der Übertragung der Verantwortung auf Staat und Schule. Denn: Nicht die Geburt oder die Umwelt allein machten für ihn die Erziehung zu einem manierlichen Menschen aus. „Der heutigen Generation wurde vergessen, Werte mit auf den Weg zu geben“, sagt er. Eigenschaften wie Höflichkeit, Demut oder Respekt vor dem Alter dürften aber nicht einfach verloren gehen, betont der 67-jährige Autor: „Anmut und Demut sind die beiden großen Säulen der Manieren“, erklärt er.

Christentum als Ursprung der gesellschaftlichen Werte

Als Ursprung und Basis der gesellschaftlichen Werte betrachte er das Christentum. „Ohne das Christentum gäbe es keine europäische Zivilisation, keinen Humanismus und keine Demokratie“, erläutert der gläubige Christ.

In seiner Betrachtung zieht er Parallelen von vermeintlich verstaubt erscheinenden, wenn auch altbewährten Umgangsformen und -formeln in die Gegenwart und bezieht ebenfalls kommunikative Werkzeuge des technologischen Zeitalters wie Handy und Computer als probate Mittel für mögliches gutes Benehmen in seine Überlegungen mit ein. „Wir haben aber die Kunst vergessen, den anderen in den Mittelpunkt zu stellen, nicht uns selber“, resümiert Asserate und spricht sich für eine Formulierung international geltender Universalwerte aus. Und dies ganz nach der ethischen goldenen Regel: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu.“

von Ina Tannert

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