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Forschung Marburg: Japanische Comics

Mangas fördern soziale Beziehungen

Helden mit Kulleraugen und Fransenhaarschnitten: Die Protagonisten in Mangas haben Lesern viel mehr zu bieten, weiß Ramona Kahl, die sich in ihrer Doktorarbeit damit befasst hat.
Mangas fördern soziale Beziehungen - das fand jetzt eine Marburger Pädagogin in ihrer Doktorarbeit heraus. Foto: Tobias Hirsch

Mangas fördern soziale Beziehungen - das fand jetzt eine Marburger Pädagogin in ihrer Doktorarbeit heraus

© Tobias Hirsch

Marburg. Manga-Lesen ist anfangs schwer. Genauer: Es fällt Jugendlichen am Gymnasium keineswegs leichter als Hauptschülern. Auch zwischen Jungen und Mädchen, Leseratten und Bücherhassern gibt es keine signifikanten Unterschiede. Das hat Ramona Kahl festgestellt. Die Erziehungswissenschaftlerin hat Marburger Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren in verschiedenen Schulen dabei beobachtet, wie sie erstmals die populären japanischen Comics lesen. Auch wenn es inzwischen mehrere Manga-Studien gibt, hat  bislang noch keiner  die Rezeptionsweise in dieser Altersgruppe analysiert, erklärt die Marburgerin.

Wie in Japan werden die Büchlein von rechts nach links gelesen. Und so hat Kahl die Schüler zum Beispiel dabei beobachtet, wie sie die  Hefte in die Hand nehmen, aufschlagen und darin blättern – irritiert. Und noch etwas scheint zunächst zu stören, später einige zu faszinieren:  Die Bildergeschichten sind im Gegensatz zu anderen Comics schwarz-weiß – auch wenn die Cover bunt sind. Augen und Gehirn müssen also ein wenig trainiert werden.

In allen untersuchten Gruppen stellte Ramona Kahl zudem fest, dass sich die Schüler am Geschlechterbild, an der Körperlichkeit sowie am Status der Figuren „abarbeiten“. Die Schüler, insbesondere die Jungen, wollten  eine stärkere Trennung der Geschlechter. Dass Manga-Figuren häufig androgyne Gesichtszüge haben, störte die heranwachsenden Erst-Leser. Auch jene, die sich mit einem Helden identifizierten, wünschten sich männlichere Gesichtszüge und Körper, berichtet die Pädagogin. Die Überzeichnung der Gesichter und Augen, die Kulleraugen, beschäftigte sie.  Eine zweite Beobachtung, die in ihrer Promotionsarbeit vorkommt: Der soziale Status des Protagonisten wird  kritisiert, wenn er zu stark vom eigenen abweicht. Ein Held wird plötzlich zum „Schleimer“  – weil er anders ist – oder gehört zur richtigen Gruppe, weil er doch das eigene Ich widerspiegelt.

Wessen Herz nach diesen Anfangsmühen bei der Lektüre aber dann für die Helden mit den Kulleraugen schlägt, der will mehr. Mangas finden reißenden Absatz. Der Japan-Kult hält an, ist zu einer Jugendkultur in Deutschland geworden. Ramona Kahl spricht – ebenso wie andere Experten – von einem Massenmedium. Diese haben bekanntlich Einfluss, in diesem Fall besonders auf junge Erwachsene und Jugendliche.

„In den Jugendkulturen findet eine Normgebung und Wertevermittlung für das Private statt, die neben Familie und Gleichaltrigengruppe an den Massenmedien ausgerichtet ist und sich in Auseinandersetzung mit den medialen Bilderwelten und ihren Lebensentwürfen ausgestaltet“, erklärt sie. Wie andere Medienangebote fungieren Mangas als „Faktoren in der Sozialisation“,  die mittels ihrer „Affekt- und Fantasiewelten“ bestimmte soziokulturelle Entwürfe von Lebensführung, Beziehungsgestaltung, Körperpraxen und Identitätsgestaltung vorführen und darüber befördern. Nachahmung lautet das Stichwort für den Laien. Interessant dabei: Kulturelle oder soziale Grenzen werden aufgehoben. Manga-Fans in Deutschland ähneln denen in anderen Ländern, und es gibt  keine Milieu-Unterschiede. Jugendliche Leser aus unterschiedlichsten Schichten verhalten sich ähnlich.

"Mangas können Vorbildfunktionen haben"

Mangas fördern soziale Beziehungen zwischen Fans – die sich zum Beispiel bei entsprechenden Events oder Ausstellungen treffen. Ähnliche Phänomene kennt man aus anderen Jugendkulturen oder dem Sport.„Mangas können Vorbildfunktion haben“, sagt Kahl. Die jugendlichen Leser identifiziere sich mit einer der Figuren – in der Regel sind dies nämlich auch Jugendliche. Auch wenn die Geschichten vielfältig sind, haben sie oft Bezüge zum Alltag von jungen Menschen. Es geht beispielsweise um Liebesbeziehungen oder Konflikte mit den Eltern. „Und das wird auf spannende Art und Weise und in einer dynamischen Bildergeschichte erzählt. Da ist emotionale Bewegung enthalten“, erklärt Ramona Kahl. Dem Leser werden jugendliche und attraktive Bilderwelten geboten. „Dass die Bilder schwarz-weiß sind und nicht naturalistisch, scheint die Attraktivität auszumachen.“ Über Bildschnitte, fast expressionistische Zeichenkunst und viele grafische Elemente werden Leser in das Geschehen regelrecht reingezogen. „Mangas machen nichts, was andere Comics nicht auch machen, nur eben stärker“, betont die Expertin. Auch Agenten-Geschichten, Weltraumabenteuer oder Märchen („Grimms Manga“) sind Themen der japanischen Zeichner.

Echte Manga-Fans wollen wie gesagt mehr. Sie sammeln Bände, tauschen aus und interessieren sich für die japanische Kultur. So übernehmen Manga-Leser zum Beispiel einige japanische Silben, wenn sie sich untereinander Kurznachrichten per Smartphone schreiben. Das japanische Verniedlichungsform  „chan“ kommt hinter den Namen, also heißt es zum Beispiel Ramona-chan.

Und dann gibt es noch etwas, was so typisch Manga ist und sich von anderen Comics unterscheidet: Der „aktive, kreative Aspekt“. Das fing mit Star-Trek in den USA an, ist auch bei „Herr der Ringe“ zu beobachten und nun überall auf der Welt bei Manga-Fans: Sie kostümieren sich, schminken und ziehen sich wie Figuren aus ihren Comics an. Mangas motivieren also, etwas zu unternehmen.

Auswirkungen auf den Berufswunsch

Kahl weiß, da steckt noch viel mehr dahinter – ganz praktische Dinge. Die Jugendlichen nähen ihre Kostüme selber, entwerfen Perücken – das unterscheidet die deutschen Fans von den japanischen, die ihre Kostüme in der Regel fertig kaufen. Das bedarf handwerklicher und künstlerischer Fähigkeiten. Auf einmal hat die Tochter oder der Sohn den Wunsch nach einer Nähmaschine oder dem Zeichenblock. Cosplay nennt sich das Hobby. Tagelang wird der Auftritt in der Rolle vorbereitet. Es werden Schnitte gezeichnet, Stoffe und Materialien ausgesucht, genäht, gebastelt, ausprobiert. Einige drehen Videos und stellen sie auf  Youtube. Die Verbindung von traditioneller japanischer Kultur mit modernster Unterhaltungselektronik funktioniert über die Medien wunderbar, ist ein Geschäftsfeld geworden. Das Hobby habe Auswirkungen auf den Berufswunsch von einigen Fans: Nicht Fußballprofi, sondern Manga-Zeichnerin, Synchronsprecher, Computerspieldesigner oder Japanologe wollen Schüler werden. „Das hat sogar Auswirkungen auf den Studiengang Japanologie, der auch dank Mangas unter Schülern bekannter ist“, so Kahl.

Zusammenfassend:  Mangas überwinden soziale Grenzen und fördern die Eigenaktivität der Leser, indem diese sich Kostüme herstellen oder Manga zeichnen. Interessant ist auch, dass japanische Zeichner immer ihren Kontakt zum Leser suchen, ihm zum Beispiel zeigen, welche Entwürfe es für ein Buch gab, wie die Zeichen-Schritte aussahen und um Kommunikation bitten. Was aufgrund der abgebildeten unfertigen Zeichenentwürfe so einfach zum Nachmachen sei, ist natürlich ganz schwierig. Doch viele wagen den Versuch, es nachzuzeichnen. Ob hinter der Ansprache an den Leser auch eine Geschäftsstrategie steckt? Kahl schließt es nicht aus. Auf Conventions oder jüngst der Frankfurter Buchmesse könne man sehen: „Das Manga-Geschäft boomt, und deutsche Nachwuchszeichner, vor allem Zeichnerinnen, erobern zunehmend den Markt.“

von Anna Ntemiris

Zur Person: Die Diplom-Pädagogin Ramona Kahl (38) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungswissenschaft der Philipps-Universität Marburg. Sie ist in Kassel geboren und aufgewachsen und hat in Marburg studiert. Als Mangas in Deutschland richtig populär wurden, war Ramona Kahl Studentin. Aus ihrer erster Lektüre aus Neugier wurde ein Hobby. Durch ihr praktisches Wissen kam sie auch zu der Idee, sich wissenschaftlich mit dem Thema zu befassen. Der Titel  ihrer jüngst bei Professorin Ulrike Prokop abgegebenen Doktorarbeit lautet „Wirkungsvolle Bildergeschichten. Tiefenhermeneutische Analysen japanischer Jugendcomics Manga unter Einbeziehung der Rezeptionsweisen Jugendlicher“.

Hintergrund: Mangas sind japanische Comics, in denen sich die Helden in kunstvollen Fantasiewelten behaupten. Es gibt auch Trickfilme zu Manga-Serien sogenannte Anime (Animationsfilme). Vor mehr als 20 Jahren begann der Siegeszug der Mangas in Deutschland.   „Dragon Ball“ war einer der ersten erfolgreichen Mangas in Deutschland.

Infolge einer Japanisierung des Unterhaltungsmarktes gelangten in den vergangenen Jahren immer mehr japanische Comics auf den deutschen Markt, in den Kinos oder im Fernsehen laufen „Animes“. Beliebt bei Manga-Fans sind auch Verkleidungs- und Rollenspiele – genannt Cosplay – in denen sie die Figuren selbst nachstellen. Viele verkleiden sich und schminken sich wie ihre Protagonisten in den Comics.  Wie in Japan werden die Mangas auch in Deutschland von rechts nach links gelesen. Man ist die japanische Silbe für bunt, übersetzt bedeutet Manga soviel wie komisches Bild.

In deutschen Comic-Läden machen Mangas oft mehr als die Hälfte des Angebots aus. Auch Fiddy Bode, Inhaber des Comic-Ladens in Marburg, bestätigt, dass Mangas nach wie vor bei Jung und Alt beliebt sind – und auch bei Jungs zunehmend an Popularität gewinnen. 


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