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"Manche Gesichter vergisst man nicht!"

Zahnärztin auf Krankenhausschiff "Manche Gesichter vergisst man nicht!"

Urlaub am Strand? Nicht für Christin Peters. Die Marburgerin entschied sich im Januar für eine andere Art von Auszeit und flog nach Madagaskar, um dort ehrenamtlich auf einem Krankenhausschiff zu arbeiten.

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Die Marburgerin Christin Peters war als Zahnärztin zwei Wochen an Bord der „African Mercy“ vor der Küste Madagaskars und hat zahlreiche Patienten behandelt.

Quelle: Ruben Plomp

Marburg. Es ist noch früh am Morgen als sich Zahnärzte und Helfer auf den Weg zur Zahnklinik machen. In mehreren Jeeps fahren sie entlang der Küste Madagaskars. Eine Gruppe afrikanischer Kinder erkennt die Autos bereits von Weitem. „Mercy Ships, Mercy Ships“ rufen sie freudestrahlend. Es sind Szenen wie diese, die sich bei Christin Peters nachhaltig eingeprägt haben. Die 34-jährige Zahnärztin aus Marburg verbrachte im Januar zwei Wochen im ehrenamtlichen Einsatz auf dem größten privaten Hospitalschiff der Welt vor der Küste Ostafrikas.

"Der Aufenthalt hat mich geprägt."

Im Hafen der madagasischen Stadt Toamasina liegt die „African Mercy“ vor Anker. Ein schwimmendes Krankenhaus.  Ein beeindruckender Koloss aus Stahl. 400 Menschen aus aller Welt arbeiten dort. Es gibt OP-Säle, Patientenzimmer und sogar eine Palliativstation. „Die Zahnklinik ist allerdings in angemieteten Räumen an Land untergebracht. Dorthin sind wir jeden morgen mit den Jeeps gefahren“, berichtet Christin Peters. Unterwegs hat sie Szenen, wie die oben beschriebene, erlebt. „Der Aufenthalt hat mich nachhaltig geprägt. Es war echt toll. Und auch wenn ich nur ein kleines bisschen getan habe, um die Not der Menschen dort zu lindern, es erdet einen, wenn man sieht, unter welchen Bedingungen die Menschen in Madagaskar leben“, ergänzt sie. Um den Aufenthalt möglich zu machen, hat sie Urlaub genommen. „Und auch wenn man jetzt denkt: Urlaub? Und dann arbeiten? Ja das geht!“, betont die 34-Jährige und streicht ihre langen Haare aus dem Gesicht. Innerlich aufgetankt sei sie zurückgekommen, inspiriert von all den Eindrücken an Bord und an Land.

Sechs Stunden zu Fuß für eine Zahnbehandlung

Um 5 Uhr steht Peters jeden Morgen auf, macht sich fertig, um mit einer Gruppe anderer ehrenamtlicher Helfer eine Runde zu joggen. Aus dem Hafengebiet raus, immer am Meer entlang. Zurück auf dem Schiff springt sie unter die Dusche. Um 6.30 Uhr gibt es Frühstück, um 8 Uhr geht es in die Jeeps und raus zur Zahnklinik. Dort warten bereits hunderte Männer, Frauen und Kinder – Einheimische mit Zahnschmerzen und Mundkrankheiten.

„Viele dieser Patienten hatten bis zu sechsstündige Fußmärsche hinter sich“, berichtet Peters. Diesen Menschen zu helfen, ihre Beschwerden ein wenig zu lindern und sie wenigstens ein bisschen für Mundhygiene zu sensibilisieren, dafür ist die Marburgerin nach Madagaskar gereist. Zähne ziehen, Entzündungen behandeln, Löcher füllen – das ist die Hauptaufgabe der Zahnärzte bei „Mercy Ships“. Der Einsatz der ehrenamtlichen Ärzte spricht sich schnell rum. „Es ist echt erstaunlich, dass selbst die Kinder ganz schnell wussten, wer wir sind und was wir machen“, sagt die 34-Jährige und verweist auf die beschriebene Szene mit dem Jeep.

Gegen 17 Uhr geht es schließlich zurück aufs Schiff ( kleines Foto: Mercy Ships), dann gibt es Abendessen und anschließend Freizeit, Fortbildungskurse oder Besprechungen. „Das Schiff entertained sich selbst. Das heißt, wenn jemand Salsa tanzen kann und sagt: ,Komm, ich zeige euch wie das geht‘, dann gibt es einen Salsa-Abend“, berichtet Peters. Am Wochenende würde auch schon mal in kleinen Gruppen das Land erkundet  oder an den Strand gefahren. „Also, so ein bisschen Urlaub ist dann doch auch dabei“, sagt sie und lacht herzlich.

Sorgenfreies Leben ist kein Eigenverdienst, sondern Glück

Wie sie zu dem Einsatz gekommen ist? Von der Organisation „Mercy Ships“ hatte Christin Peters schon vorher gehört – und zwar „nur Gutes“. Und weil sie schon einmal ehrenamtlich unterwegs war – einen Monat im mexikanischen Dschungel bei den Indianern – wollte sie unbedingt weitere Erfahrungen im Ehrenamt und im Ausland sammeln. „Ich bin Ärztin und möchte nicht nur Menschen in Deutschland helfen. Schließlich habe ich nichts dafür getan, dass ich in Deutschland geboren bin, Zugang zu Bildung und einer guten medizinischen Versorgung habe“, erklärt sie und ergänzt: „Durch fehlende Kenntnisse über Mundhygiene sowie zu geringe oder sehr zuckerhaltige Nahrung haben die Menschen in Madagaskar sehr häufig sehr schlechte Zähne.“

Umso zufriedener ist sie, dass durch ihren Einsatz und den der anderen Ärzte hunderten von Menschen geholfen werden konnte. „Manche Gesichter vergisst man nicht“ sagt sie: „Vor allem, wenn sie so unendlich froh und glücklich sind, nach den Behandlungen ohne Schmerzen nach Hause gehen zu können.“

Von Katharina Kaufmann-Hirsch

 
Hintergrund
  • „Mercy Ships“ ist eine internationale christliche Hilfsorganisation, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, mit Hospitalschiffen den Zugang zu medizinischer Versorgung weltweit zu verbessern.
  • Gegründet wurde die Organisation 1978 von Don Stephens.
  • Seit der Gründung hat „Mercy Ships“ nach eigenen Angaben mehr als 2,35 Millionen Menschen direkt geholfen. Mehr als 81.000 Operationen und 377.000 zahnmedizinische Behandlungen seien bisher bereits durchgeführt worden. Die Zahl verwirklichter Entwicklungsprojekte mit dem Ziel zur Selbsthilfe bewege sich inzwischen im vierstelligen Bereich. Insgesamt wurden 561 Häfen in 70 Ländern besucht.
  • „Mercy Ships“ betreibt das größte private Hospitalschiff der Welt, die „Africa Mercy“. Mehr als 400 ehrenamtliche Mitarbeiter gehören den Angaben der Organisation zufolge zur ständigen Besatzung des Schiffes. In Zusammenarbeit mit den Gastgeberländern bietet die Hilfsorganisation auch Fort- und Weiterbildungen für medizinisches Fachpersonal der angesteuerten Länder an, um vor Ort Lücken im Gesundheitssystem zu schließen. Parallel dazu werden Patienten an Bord fachchirurgisch behandelt.
 
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