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"Man weiß nicht genau, was Sache ist"

Dekanswechsel "Man weiß nicht genau, was Sache ist"

Der Marburger Medizin-Dekan Professor Rothmund (71) gibt nach sechs Jahren Amtszeit am Montag sein Amt an Professor Helmut Schäfer weiter.

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Der Marburger Medizin-Dekan Professor Matthias Rothmund gibt sein Amt ab. Archivfoto

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Im Alter von 66 Jahren hörte Professor Matthias Rothmund im Jahr 2007 als Chirurg im Uni-Klinikum auf. Der Mediziner und langjährige Chefarzt der Klinik für Chirurgie hängte dann aber noch sechs weitere Jahre dran - und zwar als hauptamtlicher Medizin-Dekan. „Ich habe mich am Fachbereich Medizin immer wohl gefühlt und wollte dem Fachbereich etwas zurückgeben“, erläutert Rothmund, wieso er sich über die Pensionierungsgrenze hinaus für das Dekansamt zur Verfügung stellte. Am kommenden Montag ist nach zwei dreijährigen Amtsperioden endgültig Schluss, und Rothmund übergibt sein Amt an Professor Helmut Schäfer.

Rothmunds Amtszeit war überschattet von den Auswirkungen der Fusion und Privatisierung der beiden mittelhessischen Uni-Klinika Marburg und Gießen, die Hessens damaliger Ministerpräsident Roland Koch (CDU) initiiert hatte. „Die Folgen von Fusion und Privatisierung haben rund 50 Prozent meiner Arbeitszeit eingenommen. Das hat mich gelegentlich abgelenkt von den Aufgaben eines Dekans“, meint Rothmund. Besonders die Verbesserung der Bedingungen für Forschung und die Verbesserung der studentischen Ausbildung habe er dadurch nicht so verfolgen könne, wie es eigentlich nötig gewesen sei. So hält der Dekan vor allem eine stärkere Praxisorientierung in der Lehre für dringend erforderlich. „Der Student der Zukunft sollte schon vom ersten Semester ab Kontakt mit den Patienten am Krankenbett haben“, fordert Rothmund.

Nach wie vor ist der scheidende Dekan der Meinung, dass Hochschulmedizin eigentlich eine öffentliche Aufgabe sei, die nicht aus dem Auge verloren werden sollte. Ausdrücklich betonte der Dekan im Gespräch mit der OP, dass aber die aktuellen Vertreter der Klinikums-Geschäftsführung ihre Sache im zurückliegenden Jahr gut gemacht hätten. Anfang dieses Jahres hatte Rothmund in seiner vielbeachteten Ansprache beim Neujahrsempfang von Klinikum und Fachbereich Medizin darauf hingewiesen, dass das Klinikum nach den Turbulenzen des schwierigen vergangenen Jahres schnell wieder in ruhigeres Fahrwasser kommen müsse.

„Unruhe kommt jetztaus Bad Neustadt“

„Die Geschäftsführung in Marburg und Gießen hat wirklich wieder Ruhe hereingebracht in das Ganze“, kommentiert Rothmund. Immerhin habe es dort schon rund anderthalb Jahre keinen Wechsel mehr gegeben, vermerkt der Dekan positiv. Jetzt allerdings sei vom Stammsitz des Krankenhauskonzerns Rhön Unruhe durch den Verkauf eines Großteils der zum Konzern gehörigen Kliniken an den Konkurrenten Fresenius gekommen. „Man weiß nicht genau, was Sache ist“, meint Rothmund. Zwar gehöre das mittelhessische Uni-Klinikum nach wie vor zu Rhön. „Ich würde jedoch nicht darauf wetten, dass es ‚Rhön neu‘ in einigen Jahren noch gibt“, meint der Dekan. Die Uni-Medizin in Marburg und Gießen könne zum Spielball von Krankenhaus-Konzernen werden, was ein unwürdiger Vorgang sei.

Große Hoffnungen setzt Rothmund allerdings auch nicht auf die Chance eines Rückkaufs des privatisierten Klinikums durch das Land Hessen, selbst nicht bei einer veränderten Konstellation in der Landesregierung nach den Wahlen. Auch im Zeichen der Schuldenbremse, die ab dem Jahr 2020 in Hessen wirksam werden soll, habe die Regierung nicht die vielen 100 Millionen Euro zur Verfügung, die notwendig seien, um das Klinikum zurückzukaufen.

Etwas positiver sieht der Medizin-Dekan insgesamt die Zusammenarbeit des Marburger Medizin-Fachbereichs mit dem Medizin-Fachbereich in Gießen. „Die Kooperation mit Gießen ist in den vergangenen sechs Jahren besser geworden. Wir vertrauen einander ein bisschen mehr“, erläutert Rothmund. So hätten die Forscher aus Marburg und Gießen gemeinsam viele hochrangige Drittmittelprojekte eingeworben, beispielsweise beim Sonderforschungsbereich in der Virologie oder bei einem von der Helmholtz-Gemeinschaft geförderten Gemeinschaftsprojekt. „Zusammen stehen wir im DFG-Ranking der forschungsstärksten Medizin-Fachbereiche auf Platz 7“, freut sich Rothmund.

Mittelfristig hält es Rothmund allerdings für dringend geboten, dass es zu einer Fusion beider mittelhessischen Medizin-Fachbereiche kommt. „Der Vorteil eines gemeinsamen Fachbereiches wäre, dass die stundenlangen Abläufe einfacher Sitzungen von Kommissionen wegfallen würden“, meint Rothmund. Denn der Abstimmungsbedarf zwischen den beiden Fachbereichen, die an einem fusionierten Uni-Klinikum angesiedelt sind, sei gewaltig. Allerdings plädiert Rothmund nicht für eine „Medizinische Hochschule Mittelhessen“, womit eine Ausgliederung der Hochschulmedizin aus den beiden Universitäten Gießen und Marburg verbunden wäre, sondern er stellt sich in seiner Zukunftsvision vor, dass der aus seiner Sicht zu schaffende gemeinsame Fachbereich weiter den beiden Hochschulen angehören würde. Aber Rothmund geht noch weiter: Um die Schlagkraft der beiden Hochschulen weiter zu stärken, hält er eine engere Zusammenarbeit, die möglicherweise in einer Fusion der Universitäten Marburg und Gießen enden könnte, für unabdingbar. „Wenn wir in den kommenden Jahren weiter zu den Top 25 der Universitäten gehören wollen, dann müssen wir zusammengehen“, sagt Rothmund. „Marburg und Gießen werden das alleine nicht schaffen.“ Allerdings ist sich Rothmund bewusst, dass es auf dem Weg dahin ungeachtet des derzeit schon bestehenden Kooperationsvertrages noch einige Hindernisse gebe.

Arbeit im eigenenWeinberg wartet

„Eine Fusion kann den beiden Universitäten nicht von oben übergestülpt werden, sondern die Einsicht muss wachsen und die Initiative muss von der Basis kommen“, meint Rothmund.

Wenn Rothmund jetzt als Dekan aufhört, wird ihm nicht so schnell langweilig werden. In der Fachgesellschaft der Chirurgen ist er noch im Präsidium. Zudem will er einer Uni im Saarland seine Expertise als Wissenschafts-Experte zur Verfügung stellen. Außerdem hat der gebürtige Pfälzer jetzt mehr Zeit, in seinem Weinberg in Rheinland-Pfalz bei der Wein­ernte selbst Hand anzulegen. Und schließlich kann er jetzt auch mehr Konzerte und Ausstellungen besuchen.

von Manfred Hitzeroth

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