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„Man lässt sich gehen und mitreißen“

Serie "Körperkulte", Teil 4 „Man lässt sich gehen und mitreißen“

Geht es um Idealmaße, Schönheitswahn und die perfekte Figur der Frau von heute, ist der weibliche Bauch ein besonders sensibles Thema. Anders sieht es da beim sinnlichen Bauchtanz aus.

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Geschmeidig, sinnlich und selbstbewusst mit unverhülltem Bauch bewegen sich die Bauchtänzerinnen Julia Zeiser (von links), Marina Korobkina und Rahel Perschke zur Musik.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Beim Bauchtanz stört das ein oder andere zusätzliche Kilo nicht im geringsten, im Gegenteil. Geschmeidige, schwungvolleBewegungen zur Musik, betörende ­Posen und ein elegantes Spiel mit dem gesamten Körper, allen voran der Bauch - das macht den orientalischen Tanz aus. Den gerne mit Komplexen belasteten und üblicherweise verhüllten Bauch offen und unverblümt zu präsentieren - das erfordert doch einigen Mut.

Dabei sind besonders weibliche Rundungen beim Bauchtanz zwar kein Muss, aber durchaus gefragt, weiß die Marburger Bauchtänzerin „Dilara Amarin“ alias Marina Korobkina. Sie ist Tänzerin aus Leidenschaft, setzt ihren Körper bei ihrer Kunst gekonnt ein. Zu exotischer Musik kippt sie Bauch wie Hüften rhythmisch in alle Richtungen, erzeugt mit dem ganzen Körper Wellen, sinnliche, schlängelnde Bewegungsabläufe. „Der Bauch hat einfach eine große Anziehungskraft, er steht für das Leben - das lässt sich beim Tanzen ausdrücken“, erzählt die begeisterte Tanzlehrerin.

Der umgangssprachlich als Bauchtanz bezeichnete Stil ist eigentlich ein alter, orientalischer Tanz, den insbesondere Frauen bevorzugen. Der Bauch steht dabei als zentraler Mittelpunkt, von dem die verschiedenen Bewegungen ausgehen und wieder zurück führen.

Jedoch kommt bei Weitem nicht nur die Körpermitte zum Einsatz, viel eher besteht der Bewegungsablauf aus dem Zusammenspiel des ganzen Körpers, „Schulter, Arme, Beine, Bauch - man tanzt von Kopf bis Fuß“, erklärt ­Korobkina.

Besonders beim „Shimmy“ zeigt sich mit einem rhythmischen Zittern der Hüften und anderer Körperteile die große Kunst einer perfekten Körperbeherrschung.

Mal horizontal, mal vertikal hin und her

Tanzen kann diesen sportlichen Stil eigentlich jedermann, ob mit oder ohne einen gewissen Bauchansatz, „es gibt keine Idealmaße - aber manche Bewegungen sehen gerade an den Frauen, die ein bisschen mehr haben, besonders gut aus“, sagt Korobkina.

Bei den üblichen Grundbewegungen wird die Hüfte mal horizontal, mal vertikal hin und her, vor und zurück geschoben, das Becken wippt oder kippt in verschiedene Richtungen - eine nicht zu schmale Hüfte wie sichtbaren Bauch verstärken die tänzerischen Kombinationen noch. Die allgemein übliche Modellfigur hat somit nicht immer Vorteile, auch nicht auf der ­Bühne. Fälschlich wird der Tanzstil bis heute als unterwürfiger Verführungstanz oder als Mittel der Erotisierung verunglimpft. Mit ein Grund für das Klischee sind die heutigen, zum Teil knappen und engen Kostüme. Den freizügigen Tanz im schillernden Stoff, der häufig nur einen Teil des Körpers bedeckt, in der Regel den Bauch frei lässt - das traut sich nicht jede junge Frau mit etwas mehr um die Hüfte zu. Gerne werden die vermeintlichen Problemzonen versteckt, der Bauch zudem eingezogen.

Das ist beim Bauchtanz jedoch nur hinderlich, Scham für den eigenen Körper fehl am Platz. Das wissen auch die Schülerinnen Julia Zeiser und Rahel Perschke. „Es geht darum, sich wohl zu fühlen und das beim Tanzen auch auszudrücken, man darf sich nicht verstecken“, sagt Rahel. Das Ziel des Tänzers ist es, verschiedene Stimmungen und Musik aufzunehmen und mit dem Körper auszudrücken, orientalischer Tanz ist ein Improvisationstanz. Gerade die Weiblichkeit des tanzenden Körpers steht im Mittelpunkt. Ungewohnt dürfte es den meisten durchaus sein, mit nacktem Bauch frei und ungezwungen zu tanzen. „Das braucht Mut, man muss sich trauen - es geht um Körperkontrolle und gleichzeitig lässt man sich gehen und mitreißen“, schwärmt Julia.

Und das vor allem mit der gerne kaschierten Körpermitte, die gezielt in den Vordergrund gebracht wird, vielleicht mutet der Tanz deshalb so exotisch wie sinnlich an. Denn: „Der Bauch lacht beim Tanz“, sagt die Lehrerin.

von Ina Tannert

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