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Man kann nicht alles haben, aber alles versuchen

Nachruf auf Dieter Hellwig Man kann nicht alles haben, aber alles versuchen

Er hat hunderte Patienten erfolgreich operiert, Tumore entfernt und damit Leben gerettet – den Kampf gegen die eigene Krankheit hat Dieter Hellwig am vergangen Wochenende verloren.

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Die Trauer bleibt ein Leben lang

Professor Dieter Hellwig während der Feierlichkeiten zur zehnjährigen Vereinsfreundschaft zwischen den Sportfreunden Blau-Gelb Marburg und Real Madrid.

Quelle: Privat

Marburg. Draußen ist es grau und kalt. Regen fällt auf den verlassenen Kunstrasenplatz. Im Vereinsheim drängen sich Spieler und Verantwortliche. Sie halten Kaffeetassen in den Händen und erzählen sich Geschichten. Normalerweise würden jetzt Fußballschuhe geschnürt und Trikots verteilt. Die Kabinen bleiben am vergangenen Sonntag jedoch leer. Die Spiele von erster und zweiter Mannschaft wurden abgesagt. Trotzdem sind Freunde und Bekannte gekommen.

Es ist ein Zeichen des Respekts und der Anteilnahme. Ein Zusammenkommen an dem Ort, der für Dieter Hellwig mit vielen positiven Erinnerungen verknüpft ist. Dort lachte er mit seinen „alten Herren“ bei einem Bier an der Theke. Dort setzte er sich als Vorsitzender der Fußballabteilung von Blau-Gelb-Marburg für die Belange des Vereins ein. Dort konnte er seine Leidenschaft für den Sport leben und Kraft für seine Arbeit tanken.

Seine Liebe galt der Familie, seinen Freunden und der Stadt Marburg, von der er einfach nicht los kam. Den Traumjob nahm er in Hannover an und damit das tägliche Pendeln in Kauf. Als Direktor für Stereotaktische und Funktionelle Neurochirurgie am International Neuroscience Institute (INI) arbeitete Hellwig an einer der weltweit renommiertesten Fachkliniken.

Der zunächst logisch erscheinende Umzug in die niedersächsische Hauptstadt war für Hellwig jedoch zu keiner Zeit ein Thema. Zu groß die Verbindung zur Universitätsstadt, in der er seinen Weg vom Medizinstudent zum Professor nahm und seine Familie gründete.

Der Milliardär, Real Madrid und ein Herzenswunsch

Sein Ruf als einer der weltweit führenden Neurochirurgen eilte ihm auch 2004 voraus, als er den Sohn von Real-Madrid-Präsident Florentino Pérez erfolgreich am Gehirn operierte. Zum Dank wollte der spanische Milliardär dem Marburger Professor einen Wunsch erfüllen.

Dieter Hellwig wusste genau, was er will: Einmal mit „seinen Blau-Gelb-Jungs“ gegen Real Madrid spielen. Aus dem ersten Treffen entwickelte sich eine Freundschaft, die seit nunmehr zehn Jahren Bestand hat. Die Vereine besuchen sich regelmäßig und messen sich im sportlichen Wettkampf. Meistens mit dabei, Florentino Pérez junior, der sein Leben dem deutschen Neurochirurgen zu verdanken hat.

Bei einem Termin mit der OP hat Dieter Hellwig einmal gesagt, dass man nicht alles im Leben haben kann – man es aber ruhig versuchen soll. Getreu diesem Motto versuchte sich Hellwig auf vielen Gebieten. Als Gastarzt trat er an den Universitäten in Freiburg, Grenoble und Zürich in Erscheinung. Mit der sogenannten minimal invasiven endoskopischen Neurochirurgie führte Hellwig eine Operationstechnik ein, die heute weltweit Standard ist.

Neurochirurgische Abteilung in Eritrea etabliert

Ab dem Jahr 2005 organisierte der Marburger Mediziner regelmäßige Einsätze in Eritrea zur Behandlung von Kindern die unter Wasserköpfen und „Spina bifida“, einer Fehlbildung, die sich bereits im Embryonalstadium entwickelt, leiden. Mithilfe von Spenden gelang es Hellwig in Asmara, der Hauptstadt von Eritrea, eine neurochirurgische Abteilung für Kinder zu etablieren.

In dem Maße, in dem Hellwig seine fachliche Kompetenz nutzte, um Menschen auch ehrenamtlich zu helfen, setzte er sich für seine Familie und die Dinge ein, die das Leben Abseits der Arbeit erst lebenswert machen. In der Kabine des Vereinsheim am Zwetschenweg wird nun ein Platz unbesetzt bleiben.

Erinnern wird man sich trotzdem an ihn. An den Mann, der das „weiße Ballett“ aus Madrid nach Marburg holte.

  • Die Trauerfeier beginnt am Samstag um 11 Uhr in der Friedhofskapelle am neuen Friedhof in Cappel.

von Dennis Siepmann

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