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„Man ist nicht bei jeder Moderation erfolgreich“

Dr. Thomas Schäfer im Interview „Man ist nicht bei jeder Moderation erfolgreich“

Man will nach vorn schauen in der heimischen CDU. Nach massiven Machtkämpfen und internen Konflikten sprach die OP mit dem neuen Kreisvorsitzenden Dr. Thomas Schäfer über die Vergangenheit, die Zukunft und über seine Person.

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Neuer Chef der heimischen CDU: der hessische Finanzminister Dr. Thomas Schäfer.  „Ich glaube, dass ich ganz gut Konflikte erkennen und solche auch moderieren kann“, sagt er über sich selbst.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. OP: Wie ist die CDU Marburg-Biedenkopf derzeit aufgestellt?

Dr. Thomas Schäfer: Gut - vor allem besser als es manchmal in der Zeitung steht - wir haben aber auch noch manche Baustelle, an der wir konsequent arbeiten.

OP: Sie spielen auf die Konflikte an, die Sie in den vergangenen Monaten im Kreisverband hatten. Wie beurteilen Sie diese Konflikte?

Schäfer: Man darf eines nicht vergessen: Wir hatten einen beispiellosen personellen Umbruch im Kreisverband, wie es ihn seit Bestehen der CDU Marburg-Biedenkopf noch nicht gegeben hat und mit hoher Wahrscheinlichkeit sobald auch nicht wieder geben wird. Auf nahezu allen wesentlichen Positionen hat sich die Partei innerhalb weniger Monate neu aufgestellt. Und dass dies nicht ganz ohne Unruhe gehen würde, war durchaus zu erwarten.

OP: Würden Sie sagen, dass rechtfertigt alle Auswüchse?

Schäfer: Ich habe ja schon beim Parteitag gesagt, dass manche Dinge, die da im Vorfeld diskutiert und gesagt wurden, besser nicht gesagt worden wären. Ich glaube, dass sehr viele inzwischen nicht nur mit mir, sondern auch miteinander gesprochen haben und viele sich nun die Frage stellen, wäre es nicht viel schöner gewesen, schon vorher miteinander gesprochen zu haben. Über diesen Prozess bin ich sehr froh, vor allem auch darüber, dass es so abgelaufen ist, dass am Ende nicht eine Form der von oben verordneten Ruhe steht, sondern wirklich Schritt für Schritt Menschen, die sich auch einmal eine Zeit lang nicht so gern begegnet sind, wieder miteinander reden.

OP: Was sagen Sie zu den Vorkommnissen zwischen dem Stadtallendorfer Kreistagsabgeordneten Stephan Klenner und dem Landratskandidaten Marian Zachow? Wie schalten Sie sich dort ein oder wie haben Sie sich dort eingeschaltet?

Schäfer: Ich bin sehr froh, dass alle Beteiligten - Werner Waßmuth, Stephan Klenner und Marian Zachow - sehr ausführlich miteinander gesprochen haben. Über ihr Gespräch haben sie die Gremien der Partei auch unterrichtet, die sichtlich zufrieden und erleichtert das Ergebnis dieses Gesprächs zur Kenntnis genommen haben.

OP: Das heißt, Ihre Antwort auf die Frage „Wie schalten Sie sich dort ein?“ ist „gar nicht“?

Schäfer: Sie können davon ausgehen, dass ich, wenn ich einen Beitrag leisten kann, dass Menschen miteinander reden, auch dankbar bin, wenn das gelingt.

OP: Sie haben also dafür gesorgt, dass die Beteiligten miteinander reden.

Schäfer: Wenn ich geholfen habe, dass sie miteinander reden, dann bin ich froh, wenn mir das gelungen ist.

OP: Lassen wir das so stehen. Sie haben noch nicht geantwortet auf die Frage, was Sie von den Vorkommnissen halten. Und unsere Leser würden sicher auch gern erfahren, welches Gesprächsergebnis die Gremien der Partei „sichtlich zufrieden und erleichtert zur Kenntnis genommen haben“.

Schäfer: Die drei haben vorgetragen, dass sie die Differenzen der Vergangenheit in dem Gespräch einvernehmlich bereinigt haben.

OP: Was wollen Sie jetzt tun, um den Teamgedanken in der Partei zu fördern?

Schäfer: Ich bin im Moment viel unterwegs in der Partei. Ich versuche, mit den Verantwortungsträgern genauso zu reden wie mit sehr vielen an der Basis, die natürlich sehr überrascht waren über manche Dinge. Wir werden uns mit dem Kreisvorstand Anfang April anderthalb Tage zu einer Klausurtagung zurückziehen, um nicht nur strategische Fragen zu den Wahlkämpfen zu diskutieren, sondern auch, um das Miteinander weiter zu fördern. So kann dann, nachdem alle Personalentscheidungen getroffen sind, gemeinsames Arbeiten eine therapeutische Wirkung entfalten.

OP: Das gemeinsame Arbeiten dürfen Sie seit dem Parteitag in Roth als Kreisverbandsvorsitzender an vorderster Stelle begleiten. Welchen Führungsstil haben Sie und was macht den Unterschied aus zwischen einem Kreisvorsitzenden Frank Gotthardt und Dr. Thomas Schäfer?

Schäfer: Ich glaube, dass ich relativ unkompliziert im Umgang bin, manchmal habe ich ein etwas loses Mundwerk, da muss man lernen, mit umzugehen. Ich bin nicht der, der autokratisch versucht, von oben durchzugreifen. Ich beschreibe meine Position klar, aber lasse sehr viel Aktivität und Kreativität zu. Das unterscheidet sich in weiten Bereichen nicht ganz von dem, wie Frank Gotthardt es gemacht hat, wir sind ja auch ungefähr in einer Generation großgeworden, wo Führungsstile möglicherweise nicht so weit auseinander liegen.

OP: Was ist typisch Thomas Schäfer - außer Übergewichtswitze?

Schäfer: (lacht) Jetzt wird’s ja fast philosophisch. Also, ich glaube, ich kann ganz gut über mich selbst lachen. Und ich glaube, dass ich ganz gut Konfliktsituationen erkennen und solche auch moderieren kann. Das ist keine Garantie, dass es am Ende immer gelingen muss, aber ich glaube, dass ich eigentlich ein ganz gutes Sensorium dafür habe, zu erkennen, wann sich die Dinge hochschaukeln und wann nicht.

OP: Sie sagen, Sie können gut Konflikte moderieren. Sie waren schon stellvertretender Kreisverbandsvorsitzender in der Zeit, in der sich in der CDU diverse Dinge hochgeschaukelt haben.

Schäfer: Man ist nicht bei jeder Moderation am Ende auch erfolgreich. Wir waren als Führung alle gemeinschaftlich in der Verantwortung - und wir haben manches richtig und manches auch falsch gemacht. Wenn wir gewusst hätten, dass wir einen so großen Umbruch organisieren müssen, hätten wir uns sicher einen anderen Zeitplan gegeben. Dann hätten wir versucht, das in einem sehr kurzen Zeitkorridor im Paket zu lösen, um eben zu verhindern, dass sich an jeder einzelnen Personalentscheidung wieder Interessengegensätze manifestieren. Wenn man alles auf einmal macht, hat man einmal das Risiko des erhöhten Adrenalinspiegels, aber danach wird’s auch gemeinschaftlich entschieden.

OP: Das klingt jetzt fast so, als hätten Sie nicht gewusst, dass Sie personell viel würden umwälzen müssen.

Schäfer: Es war ja bis zum Zeitpunkt, als Frank Gotthardt entschieden hat, nicht wieder anzutreten, eigentlich nur absehbar, dass wir einen Landratskandidaten brauchen. Der Wechsel von Dr. Wagner zu mir schien organisch vorbereitet, so dass wir ansonsten eigentlich nur noch die stellvertretenden Bewerber für die Landtagswahl hätten nominieren müssen. Insofern war das Tableau überschaubar. Dass dann aber zusätzlich eine weitere Landtagskandidatur und ein Kreisvorsitz neu zu besetzen waren, hat zusätzliche Dynamik in die Sache gebracht.

OP: Dann mal zur Zukunft. Wie wollen Sie den Kreisverband für einen erfolgreichen Wahlkampf aufstellen?

Schäfer: Zu den Herausforderungen gehört, dass wir neben Landtags- und Bundestagswahl auch noch die Landratswahl haben, so dass wir unsere klassischen Strukturen - für jede Wahl eine Wahlkampfkommission - nicht aufrecht erhalten können, das würde die Situation verzetteln. Deshalb haben wir im Kreisvorstand beschlossen, dass wir einen Wahlkampf aus einem Guss machen, indem wir die Dinge sehr stark gemeinschaftlich betreiben.

OP: Wie soll das aussehen?

Schäfer: Im politischen Wahrnehmungsfenster vieler Bürgerinnen und Bürger, wenn sie am Straßenrand Plakate sehen für drei verschiedene Wahlen, ist das Risiko natürlich eher, dass man die Menschen verwirrt, als dass man sie erreicht. Deshalb müssen wir bei Wahlwerbung und bei der Organisation von Veranstaltungen als CDU immer eindeutig erkennbar und gleichzeitig in der Lage sein, den Menschen zu vermitteln, an der Stelle geht’s um den Landrat, da geht’s um Landtagsabgeordnete und da muss jetzt einer in den Bundestag gewählt werden. Das ist durchaus ein anspruchsvoller politischer Spagat.

OP: Wie wollen Sie den Landratskandidaten Zachow so aufbauen, dass er als Pfarrer gegen zwei ausgewiesene Verwaltungsfachleute eine gute Chance hat?

Schäfer: Die Direktwahl von Landräten oder Bürgermeistern und Oberbürgermeistern hat ja in der Vergangenheit gezeigt - zuletzt in Wiesbaden -, dass die Frage, ob jemand 27 Verwaltungsprüfungen hintereinander absolviert hat, nicht zwingend in den Fokus rückt. Das mag man aus Sicht der Verwaltung begrüßen oder bedauern, aber es ist so. Nehmen wir Robert Fischbach, der, als er in Bad Endbach im Lebensalter von Mitte 40 als Erster Beigeordneter anfing, das erste Mal eine Verwaltung von innen gesehen hat. Und er ist wirklich einer der  erfolgreichsten Landräte in Hessen. Insofern glaube ich, wird es sehr auf Persönlichkeit und Zutrauen der Leute ankommen.

OP: Wie kann Marian Zachow da punkten?

Schäfer: Ich traue Marian Zachow zu, zu führen, aber andererseits auch in einer Region als Landrat zu erkennen, wie man Menschen und unterschiedliche Interessen und Wahrnehmungen zusammenführen muss - beispielsweise beim  Thema Energie. Marian Zachow hat durch seinen Beruf im Umgang mit Konflikten und im Umgang mit Menschen eine ganz besondere Erfahrung, die die anderen nicht haben und die man gerade als Landrat vielleicht noch ein bisschen mehr braucht als den allerletzten Pinselstrich an Verwaltungserfahrung.

OP: Die Kirche hat Herrn Zachow vor einigen Jahren ein weiteres Engagement als Kreistagsabgeordneter untersagt oder zumindest den Wunsch geäußert, dass er sein Mandat aufgibt. Die politische Aufbauphase, die Kandidaten haben sollen, ist damit unterbrochen worden. Wie wollen Sie das im Wahlkampf wieder ausgleichen?

Schäfer: Marian Zachow hat auf sein Kreistagsmandat verzichtet, aber er ist ja weiter in der Kreispolitik unterwegs und zum Beispiel in der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft sehr engagiert gewesen. Ich glaube, dass da kein Aufholprozess notwendig ist. Man darf die Präsenz in Kreistagssitzungen und wie das auf die Öffentlichkeit wirkt, auch nicht überschätzen. Es geht eher darum, wie Menschen jemanden wahrnehmen und wie ein Kandidat politische Probleme diskutiert.

OP: Eine Frage zu Ihrer Person: Wie schwer wird es für Sie, den  CDU-Kreisverband von Wiesbaden aus zu leiten? Denn dort haben Sie ja Ihren beruflichen und privaten Lebensmittelpunkt.

Schäfer: Ich mache ja schon seit Jahren diesen beruflichen wie privaten Spagat mit diesen zwei Wohnsitzen, den einen hier, den anderen am  Dienstort. Ich bin meiner Familie dankbar, dass sie dieses Nomadenleben mitmacht. Das funktioniert aus meiner Sicht bisher sehr ordentlich. Die Strecke von Biedenkopf nach Wiesbaden jeden Tag zu pendeln, ist auch mit einem äußerst belastbaren Nervenkostüm ausgeschlossen. Aber zu Terminen bin ich sehr häufig auch unter der Woche hier oben und nicht nur am Wochenende.

OP: Wie oft sind Sie denn in Biedenkopf?

Schäfer: Das ist sehr unterschiedlich, sehr häufig am Wochenende. Unter der Woche versuche ich, es immer so zu steuern, dass ich dann auch in Biedenkopf bleibe, wenn in der Heimat Termine anstehen.

OP: Im kommenden Jahr müssen Sie - nach der außerordentlichen Wahl vor einigen Wochen in Roth - dann wieder ihre turnusmäßige Vorstandswahl im Kreisverband abhalten. Werden Sie den Vorsitz hier behalten, unabhängig davon, wie die Wahl in Wiesbaden im September für Sie ausgeht?

Schäfer: Ich habe mich um das Amt nicht beworben, um es nach einem Dreivierteljahr wieder abzugeben, sondern, um dem Kreisverband dauerhaft oder für einen längeren Zeitraum als Führungsfigur zur Verfügung zu stehen.

OP: Zur Ersatzkandidatenfrage in Ihrem Wahlkreis. Um die Kampfabstimmung zwischen Dr. Horst Falk und Tobias Meyer gab‘s ja viel Wirbel. Unter  welchen Umständen könnte Ihr Ersatzkandidat Meyer in den Landtag nachrücken für Sie?

Schäfer: In dem unwahrscheinlichen Fall, dass ich aus dem Landtag ausscheide, wenn ich vorher den Wahlkreis gewonnen habe.

OP: Ob Sie aus dem Landtag ausscheiden oder nicht, hängt das vielleicht davon ab, wie die Wahl ausgeht? Davon, ob Sie das Direktmandat holen? Oder davon, ob Sie dann möglicherweise in der Opposition sitzen?

Schäfer: Wir kämpfen dafür, dass wir die Landesregierung wieder stellen. Und ich bin sehr sicher, dass uns das auch wieder gelingen wird. Aber ich bewerbe mich um ein Amt im Landtag für fünf Jahre - unabhängig von Wahlausgängen.

OP: Wenn Sie über Ihre politische und berufliche Zukunft nachdenken, gern über die fünf Jahre hinaus, bekommen Sie dann Lust, Wolfgang Schäuble zu beerben als Bundesfinanzminister?

Schäfer: (lacht) Über diese Frage habe ich noch nicht nachgedacht. Aber es gab ja sicher schon Situationen hier im Kreisverband, wo ich hätte über die Frage nachdenken können, für den Bundestag zu kandidieren, um nach Berlin zu gehen. Ich mag Berlin sehr gern, aber ich bin auch immer wieder froh, wenn ich abends ins Flugzeug steigen und zurückfliegen kann. Das mag man für etwas irrational halten, aber ich habe keine Ambitionen, in die Bundeshauptstadt zu wechseln, sondern habe mich entschieden, Landespolitik zu machen und das will ich auch weiterhin.

von Carina Becker

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