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Mal den Teufel nicht an die Wand!

Exorzismus, Dämonen und Geister Mal den Teufel nicht an die Wand!

Längst ­haben Dämonen ihren Schrecken verloren. Heute holt man sie sich gerne mal ins heimische Wohnzimmer oder – wie vergangene Woche geschehen – an die Uni. Doch die Auseinandersetzung mit finsteren Mächten ist nicht ungefährlich, sagt der Therapeut und Theologe Dr. Helmut Jaschke im OP-Gespräch.

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Quelle: Illustration: Sven Geske

Marburg. Haben Sie in diesem Jahr auch wieder an Ihre Tür geklopft, die Gespenster, Hexen und Monster, die in der Halloween-Nacht ihr Unwesen treiben? Was für die Kleinen einmal im Jahr ein harmloser Spaß ist, kann dauerhaft negative Auswirkungen auf den Menschen haben – davon jedenfalls ist Dr. Helmut Jaschke, Karlsruher Theologe und Therapeut überzeugt. Er war einer der Redner, der am Studientag zum Thema „Engel und Dämonen“ der Katholisch-Theologischen Fakultät über Dämonen und „Besessenheit“ im therapeutischen Kontext ­referierte. Im OP-Interview weist er auf den Reiz und die ­Gefahren des Dämonenkults hin.

OP: Herr Jaschke, was sind eigentlich Dämonen?
Jaschke: Es gibt verschiedene Definitionen von Dämonen. Im theologischen Kontext sind Dämonen Schadensgeister. Meistens werden sie als Geistes­wesen definiert, die vorher gut waren, dann aber auf die Erde gestürzt wurden, weil sie gesündigt haben. Im Volksglauben wiederum geht man davon aus, dass alles, was einem unheimlich ist, was man sich nicht erklären kann, auf bestimmte unsichtbare Mächte zurückzuführen ist, die um uns herum existieren. Aus psychologischer Perspektive spricht man nicht von Dämonen, sondern eher von „Zwängen“, von denen sich Menschen so sehr beherrscht fühlen, dass sie nicht mehr sie selbst sind. Der Zwang hat sie so sehr in der Hand, das er ihr Leben bestimmt. Bestes Beispiel sind Süchte.

OP: Woher kommt der Glaube an Dämonen?
Jaschke: Ich kann Ihnen kein Entstehungsjahr nennen, aber ich kann Ihnen sagen, das es sich dabei um ein universales Phänomen handelt. Seit wir uns mit Religion und Religionsgeschichte befassen, ist er überall zu finden. Besonders in vielen primitiven – im Sinne von „ursprünglichen“ – Religionen, wo Geisterbeschwörungen oft an der Tagesordnung sind. Offenbar gehört es zum Menschen dazu, dass er sich in bestimmten Zuständen – besonders dann, wenn er große Angst hat – diese Angst personalisiert nach dem Motto: „Es kommt nicht von mir, es ist mächtiger als ich, also muss es irgendwo außerhalb von mir existieren.“

Satanskult als Protest
OP: Viele Filme und TV-Serien beschäftigen sich mit Geistern und Dämonen – ich denk da an „Buffy“ oder „Der Exorzist“ – und stoßen offenbar auf großes Interesse. Warum glauben Sie, dass Dämonen so populär sind?
Jaschke: Es hängt zum einen sicher damit zusammen, dass das Böse, Negative und Unheimliche den Menschen mehr zu faszinieren scheint, als das Gegenteil. Deshalb glaube ich, dass  Filme, in denen es um gigantische Gegenpositionen wie Gut und Böse geht, besonders beliebt sind. Hinzu kommt, dass Geisterbeschwörungen und insbesondere der Satanskult, in den sich auch oft junge Leute mit hineinziehen lassen, lange etwas Verbotenes waren. Wir sind geprägt von einer christlichen Kultur, die den Satanskult stark verurteilt und abgelehnt hat. Diese Form des Protests gegen jahrhundertelange Einflüsse hat, so denke ich, einen ungeheuren Reiz.

OP: Sie haben neben Ihrer Lehrtätigkeit an der Universität Karlsruhe eine therapeutische Ausbildung gemacht und beraten seit vielen Jahren Menschen in Krisensituationen. Glauben Sie als Therapeut, dass die Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Dämonen und Geistern dem Menschen schaden kann?
Jaschke: Ja, davon bin ich überzeugt. Wie ich bestimmte Dinge deute, hat immer auch eine Wirkung auf mich. Was mich beeinflusst in meinem Fühlen und Denken sind ja nicht die Realitäten an sich, sondern die Realitäten so, wie ich sie deute, welchen Sinn ich ihnen gebe. Wenn jemand davon überzeugt ist und glaubt, dass er von einem Dämonen oder dem Teufel besessen ist, hat das unweigerlich Einfluss auf sein Leben. Vor Jahren hatte ich eine junge Frau in Behandlung, der als Kind ihre Oma immer viel vom Teufel und von der Hölle erzählt hat. Später, als sie in eine Lebenskrise geriet, war sie davon überzeugt, dass die Ängste, die plötzlich auftauchten, mit dem Teufel zu tun haben mussten und dass auch sie für andere zum Teufel wird. Das hat ihr ungeheure Angst eingejagt. 

OP: Inwiefern ist Besessenheit im therapeutischen Kontext heute noch eine Realität?
Jaschke: Ich mag den Begriff „Besessenheit“ nicht. Damit malt man sprichwörtlich den Teufel an die Wand. Wenn man das Wort im ursprünglichen Sinne betrachtet, nämlich „von etwas besetzt sein“, das meint ja Besessenheit, dann kann ich dem als Psychologe durchaus zustimmen. Ich habe immer wieder mit Menschen zu tun, die unter Zwängen leiden und sich von ihnen beherrscht fühlen. Es ist unsere Aufgabe, Menschen so gut wir können wieder davon freizumachen und ihnen ihre Menschlichkeit und Würde zurückzugeben. Ich kann aber nur den begleiten, der bereit dazu ist, sich zu fragen, wo dieser Zustand herkommt und wie er ihn verändern kann.  

OP: Wenn wir über Dämonen reden müssen wir auch das Thema Exorzismus ansprechen, also das Austreiben eines Dämons oder des Teufels. Wie stehen Sie dazu?
Jaschke: Bis zum heutigen Tage gibt es in der katholischen Kirche Anweisungen für Exorzisten. Nach wie vor wird davon ausgegangen, dass es Dämonen gibt, die den Menschen besetzen können. Gegen Praktiken wie das fürbittende Gebet ist meiner Meinung nach nichts einzuwenden. Doch wenn, wie in dem zuletzt überarbeiteten Handbuch für Exorzismus, immer noch davon gesprochen wird, dass man den Dämon mit „fahre aus“ oder so etwas anreden soll, dann ist das vom heutigen Standpunkt aus betrachtet anachronistisch. Es ist höchste Zeit, dass so etwas daraus verschwindet. Denn genau das ruft ja erst das hervor, was es bekämpfen will. Wenn ich einem Menschen sag, du hast den Teufel in dir, dann schafft das eine psychische Realität, dann schafft dies das, was ich später bekämpfe. Das ist verhängnisvoll und tragisch. Es geht ja darum, dass Menschen von solchen Dingen befreit werden.

von Ruth Korte

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