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Forschung Marburg: mittelalterliche Handschriften Magazin des kulturellen Gedächtnisses

Der Marburger Mediävist Professor Jürgen Wolf erforscht mittelalterliche Handschriften und leitet ein einzigartiges Großprojekt, das alle deutschsprachigen Handschriften aus der Zeit von 750 bis 1520 dokumentieren soll.

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Professor Jürgen Wolf hält lateinisch beschriebene Pergamentschnipsel in der Hand. Er leitet das Projekt zur Dokumentation aller mittelalterlichen deutschen Handschriften.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Besonders spannend findet Professor Jürgen Wolf an den Handschriften aus dem Mittelalter, dass sie authentische Einblicke in eine längst vergangene Welt gewähren. „Die Aufzeichnungen bewahren das Wissen, den Glauben, die Erzählungen, die Visionen und Träume der Menschen“, macht Wolf deutlich. „Sie geben Zeugnis von vergangenen Ordnungsvorstellungen des Lebens und dokumentierten Handlungen und Ereignisse.“ Kurz gesagt seien diese Texte ein „Magazin des kulturellen Gedächtnisses“.

Schon ein kleiner Schnipsel aus Pergament, der mit Worten in Mittelhochdeutsch oder Althochdeutsch beschrieben ist, reicht Professor Wolf meistens aus, um herauszufinden, zu welchem Text das handschriftliche Fragment gehört. Denn als Leiter des Projektes „Handschriftencensus“ hat er den Überblick über einen Großteil der vom frühen bis zum späten Mittelalter produzierten Texte aus dem deutschen Sprachraum. Anhand von Schlüsselwörtern und dem inhaltlichen Kontext sowie bereits existierenden Vergleichstexten gelingt es Wolf und seinen Kollegen meistens, das entsprechende Textfragment zu identifizieren, berichtet Wolf im Gespräch mit der OP.

Soeben wurde die finanzielle Förderung für das Langzeitprojekt der Erfassung und Dokumentation aller auf Deutsch verfassten mittelalterlichen Handschriften genehmigt (siehe Artikel unten).

Dabei gibt es immer noch Verlorengegangenes zu entdecken. „Alle suchen nach dem Prolog des ‚Erec‘“, nennt Wolf ein Beispiel für einen von den Forschern noch nicht wiederentdeckten Text.

Als „Text-Detektiv“ kann sich der Marburger Mittelalterforscher nicht nur auf der Spur der Pergamentschnipsel betätigen, die heutzutage noch häufig als Fundstücke aus Bibliotheken präsentiert werden. Oft werden auch bei Zufallsfunden in Archiven vollständige Seiten entdeckt, die zwischenzeitlich als Aktendeckel oder Bucheinbände zweckentfremdet waren. Das gilt beispielsweise für den Bestand zur Region Waldeck im Hessischen Staatsarchiv Marburg. In einem Pilotprojekt plant Professor Wolf, den gesamten „Waldeck“-Bestand systematisch daraufhin zu untersuchen. So erhofft er sich genauere Informationen darüber, welche Bücher in der Hofbibliothek der Fürsten von Waldeck standen.

Seine Begeisterung für mittelalterliche Texte entstand bei dem studierten Historiker Wolf eher zufällig. In einem Seminar weckte Professor Roderich Schmidt Wolfs Neugier auf die Originalquellen, die bis heute nicht versiegt ist.

Gebrauchstexte aus früheren Jahrhunderten

Vertieft hat Jürgen Wolf seine Kenntnisse in seiner Habilitationsarbeit über den Zusammenhang zwischen mittelalterlichen Texten und der Form des dazugehörigen Buches. „So ist eine Heiligenlegende beispielsweise besonders schmuckvoll ausgestaltet, ein Artus-Epos dagegen eher schlicht“, bilanziert Wolf. Schreiben sei im Mittelalter generell eine Kunst und eine Art Gottesdienst gewesen, sagt Wolf. Die meisten mittelalterlichen Texte seien auf Latein verfasst, doch ab dem 8. Jahrhundert kamen vermehrt Handschriften in den Volkssprachen Deutsch, Englisch und Französisch dazu. Spätestens im 14. und 15. Jahrhundert könne man von einer „Massenproduktion“ volkssprachiger Handschriften sprechen. Die Vielfältigkeit der Schriftsprache in den mittelalterlichen Texten ist für Professor Wolf sehr beeindruckend. Denn es gebe keine Texte in einem normierten Althochdeutsch oder Mittelhochdeutsch, sondern man schrieb im jeweiligen regionalen Dialekt. Dialekt-Variationen vom Bairischen bis zum Nordniederdeutschen machen das Verstehen heute schwer. Aber für die Lokalisierung sind diese Differenzen von unschätzbarem Wert, denn leider nannten die mittelalterlichen Schreiber weder sich und schon gar nicht den Ort ihres Schreibvorgangs.

Dabei interessiert den Marburger Forscher nicht nur die „schöne Literatur“ in Form der heute auch noch bekannten Epen wie Wolfram von Eschenbachs „Parzival“. Mindestens genauso aufschlussreich findet der Mittelalterspezialist die Gebrauchstexte aus früheren Jahrhunderten – von detaillierten Texten über das Eherecht über die Beschreibung von medizinischen Wirkstoffen in Kräuterbüchern bis hin zu Verwaltungstexten. Denn häufig könne man daran ersehen, dass viele heute als neue Errungenschaften der Gegenwart betrachtete Erkenntnisse in Wirklichkeit schon vor Jahrhunderten bekannt gewesen und ausführlich beschrieben worden seien.

Allerdings sei es leider nicht so, dass aus den Texten der Vergangenheit allgemeingültige Rezepte für die Zukunft herausgelesen werden könnten. Dafür nennt Wolf ein Beispiel, und zwar eine Textpassage aus dem „Willehalm“-Epos, in der ein todbringender Kampf der Religionen auf einem blutigen Schlachtfeld beschrieben werde. Am Ende der Schlacht zwischen Christen und Heiden stehe der Untergang der größten Helden beider Parteien. Und die jeweiligen Heerführer sehen mit Schrecken: „All unsere Besten sind tot!“ Gelernt hat aus dieser Mahnung schon im Mittelalter leider niemand, meint Wolf.

von Manfred Hitzeroth

Forscher greifen altes Ziel der Philologie auf

Alle weltweit überlieferten handschriftlichen Textzeugnisse des Mittelalters sollen im Handschriftencensus unter Leitung von Professor Jürgen Wolf erfasst und der Forschung zugänglich gemacht werden.

Es ist ein ambitioniertes Großprojekt, das jetzt mit der Aufnahme in das Mainzer Akademienprogramm (siehe „Hintergrund“) eine Finanzierungsbasis erhalten hat. Das Ziel der Erfassung sämtlicher deutscher Handschriften wurde bereits zu den Anfangszeiten der deutschen Philologie Beginn des 19. Jahrhunderts von Germanisten wie Jacob und Wilhelm Grimm formuliert, erläutert Professor Jürgen Wolf , Leiter des Vorhabens, im Gespräch mit der OP. Aufgegriffen wurde diese Idee dann um 1900 mit dem Handschriftenarchiv der Preußischen Akademie der Wissenschaften.

Der Handschriftencensus soll als Scharnierstelle zwischen traditioneller Philologie und den digitalen Geisteswissenschaften fungieren und als weltweit agierendes Zentrum für Bestandsermittlung und Textidentifizierung fungieren. Wolf ist sicher, dass das Projekt innerhalb von 20 Jahren abgeschlossen werden kann. „Wir wollen alle Textzeugnisse haben. Jetzt haben wir die Mittel, das zu schaffen“, meint Wolf. Entscheidende Vorarbeiten wurden seit 1990 in dem zunächst von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten und später ehrenamtlich weiterbetriebenen Projekt „Marburger Repertorien. Deutschsprachige Handschriften des 13. und 14. Jahrhunderts“ und in dem von der Fritz-Thyssen-Stiftung von 2007 bis 2012 geförderten Projekt „Paderborner Repertorium der deutschsprachigen Textüberlieferung des 8. bis 12. Jahrhunderts“ geleistet.

Die Handschriften sind heute auf mehr als 1500 Bibliotheken, Sammlungen und Archiven unzählige Privatbesitzer in ganz Europa und Nordamerika verteilt. Wolf geht davon aus, dass insgesamt 26000 Texte (Bucheinheiten) aus der Zeit zwischen 750 und 1520 erfasst werden müssen. Davon sind 24000 bereits bekannt. Die Wissenschaftler vermuten, dass es mindestens 2000 Neufunde in der Projektlaufzeit bis 2036 geben könnte. Bisher sind rund 7000 der Texte erschlossen.

Einerseits soll jetzt das bereits in den Datenbanken des Handschriftencensus vorhandene Material aus der Zeit vom 8. bis zum 14. Jahrhundert komplettiert, aktualisiert und optimiert werden. Zudem sollen Texte aus dem bisher nur unzureichend aufgearbeiteten Zeitalter des Medienumbruchs an der Schwelle zur vormodernen Wissens- und Informationsgesellschaft komplett dokumentiert werden. Dabei geht es um die Zeit bis 1520, in der die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg für bahnbrechende Umwälzungen in Sachen Schriftgut sorgte.

„Ab 1450 und noch weit bis ins 16. Jahrhundert hinein existierten Handschriften und gedruckte Bücher noch häufig parallel“, erläutert Wolf. Erst allmählich habe sich das gedruckte Buch dann als beherrschendes Medium durchgesetzt. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein seien aber beispielsweise Stadtchroniken oder spezielle Verwaltungstexte, die nicht für allgemeinere Verbreitung gedacht gewesen seien, weiterhin handschriftlich verfasst worden, macht Wolf deutlich. „Und auch heute schreiben wir vieles von Hand“, ergänzt er. Der Gesamtbestand der Handschriften soll in dem Handschriftencensus aufgearbeitet sowie anhand der aktuellen Forschungslage nach einem bereits erprobten, festen Schema geprüft, erschlossen und klassifiziert werden. Die Erträge sollen über Online-Datenbanken „zeitnah und frei“ allen historischen Wissenschafts-Disziplinen zur Verfügung gestellt werden.

Die Palette dieser Fächer reicht von der Geschichte der deutschen Sprache und Literatur über die Geschichtswissenschaften sowie Medizin-, Rechts-, Wirtschafts-, ­Frömmigkeits-, Wissenschafts- und Mediengeschichte bis hin zur Kunstgeschichte (Illustrierte Handschriften). Neben der Erfassung der Handschriften sollen auch aktuelle Forschungserträge nachgewiesen werden. Geplant ist der Aufbau einer interaktiven Forschungsplattform, in deren Rahmen auch der seit 1962 bestehende altgermanistische Editionsbericht integriert wird.

 
Hintergrund
Der Handschriftencensus (HSC) wurde als Kompetenzzentrum Deutschsprachige Handschriften des Mittelalters auf der Sitzung der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern am 27. Oktober in das Akademienprogramm 2017 der Union der Deutschen Akademien der Wissenschaften aufgenommen. Dieses Programm dient „der Erschließung, Sicherung und Vergegenwärtigung unseres kulturellen Erbes“ und ist mit einem Gesamtfinanzvolumen von 65 Millionen Euro eines der größten deutschen geisteswissenschaftlichen Forschungsprogramme, das von Bund und Ländern finanziert wird. Die Zentrale des „HSC“-Vorhabens, das von Professor Jürgen Wolf geleitet wird, befindet sich an der Uni Marburg. Für das von der Akademie der Wissenschaften und Literaturen (Mainz) getragene Projekt gibt es für 20 Jahre die Summe von 6,5 Millionen Euro als Finanzierung. Co-Antragsteller von Professor Wolf war Dr. Nathanael Busch (Uni Siegen). Zur internationalen Arbeitsgruppe Handschriftencensus zählen Forscher aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
 
Zur Person
Professor Jürgen Wolf (53, Foto: Nadine Weigel) wurde in Bad Arolsen geboren, wo er jetzt wieder wohnt. Er ist seit 2010 Professor für Deutsche Philologie des Mittelalters an der Uni Marburg. Nach der Aufnahme des Chemie-Studiums in Marburg 1983 studierte er von 1984 bis 1989 Geschichte, Germanistik und Sozialkunde an der Universität Marburg. Nach Forschungen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, Vertretungsprofessuren in Paderborn und Marburg sowie einer Altgermanistik-Professur in Berlin kam er wieder nach Marburg. Seine Habilitationsarbeit zum Thema „Buch und Text. Literatur und kulturhistorische Untersuchungen zur volkssprachigen Schriftlichkeit im 12. und 13. Jahrhundert“ schloss er 2002 ab. Seit 2014 ist Wolf Dekan des Fachbereichs Germanistik der Uni Marburg. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen mittelalterliche Handschriften, das Weltbild im Mittelalter, Artus und die „Pragmatische Schriftlichkeit“.

 

 

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