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Mädchen-Pferde-Schule galoppiert gen Süden

Kinder Mädchen-Pferde-Schule galoppiert gen Süden

Der St. Elisabeth Verein expandiert: Das Erfolgsmodell Mädchen-Pferde-Schule wird von Hermershausen in Richtung Frankfurt ausgeweitet, um die langfristige Betreuung zu verbessern.

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Tanja Hennigsen und Hartmut Geißel erneuern die Hufe von einem der neun Pferde auf der Reiterhof Hermershausen. Foto: Björn Wisker

Hermershausen. Das Glück wiehert. Es kaut Äpfel. Und Tanja Hennigsen (21) kann es streicheln, während Hartmut Geißel ihm Nägel aus den Hufen reißt. „Von den Pferden hier bekommt mich niemand mehr weg, da müsste man mir schon welche kaufen“, sagt die angehende Pferdepflegerin.

So wie Hennigsen empfinden viele der etwa 20 Mädchen, für die ein Reiterhof am Ortseingang ihr Zuhause geworden ist. Hermershausen ist Hessens Hauptstadt der Schulverweigerer. Das Gehöft an der Hauptstraße des Marburger Stadtteils ist seit 2006 für Dutzende Problem-Jugendliche die Chance, ihr Leben in den Griff zu bekommen. 20 Teenager, ausschließlich Mädchen, die meisten zwischen 13 und 18 Jahren, gelten - wie es im Behördendeutsch heißt - als „nicht beschulbar“. Um das zu ändern leben sie zwei Jahre lang in einer der drei Wohngruppen im Stadtteil. Für jene, die länger als 24 Monate bleiben möchten, bleiben sollen, gibt es noch eine Wohngemeinschaft in Niederweimar. In den vergangenen sechs Jahren haben Alexandra Böth und ihre Mitstreiter vom St. Elisabeth Verein, der das Projekt koordiniert, mehr als 100 Jugendlichen geholfen, wieder Spaß am schulischen Lernen zu finden. „Die Akzeptanz im Ort für unsere Arbeit ist enorm. Schief angeschaut wird hier niemand, im Gegenteil, private Pferdebesitzer helfen uns, da sie den Mädchen ihre Tiere anvertrauen“, sagt Böth.

Wie Pferde Schulverweigerern helfen können, ist eine Frage, die Pädagogin Tanja Bauk häufig gestellt wird. Ihre Antwort: Stärkung des Selbstbewusstseins. „Ein kleines Mädchen schwingt sich auf so ein Riesentier, lernt, es zu steuern und spürt, dass das Pferd reagiert - das ist ein großer Schritt hin zur Selbstbestimmung“, sagt sie. Dieses Angebot baut der St. Elisabeth Verein nun aus. Die Pädagogen suchen derzeit ein Haus in oder nahe Frankfurt. Dort, so die Pläne, will man eine neue Etappe der Betreuung von Problem-Mädchen angehen.

Das kündigte Margret von Pritzelwitz, Geschäftsbereichs-leiterin des Vereins am Rande des Besuchs von Finanzstaatssekretärin Luise Hölscher (CDU) auf dem Hof am Freitagnachmittag an. „Es ist ja nicht damit getan, dass die Mädchen ein paar Jahre ein gutes Leben führen und dann in ihr altes, problematisches Umfeld zurückkehren“, sagt sie. Daher sollen die jungen Frauen künftig an ein neues Leben in ihrer alten Heimat herangeführt werden.

Denn im Rhein-Main-Gebiet waren die meisten zuhause, die in Hermershausen eine neue, aber eben nur vorübergehende Bleibe gefunden haben. „Sie müssen früher oder später raus in die Normalität.“

Neun Pferde, mit Namen wie D‘accord oder Idefix, stehen in den Boxen. Je zwei Mädchen kümmern sich um ein Tier. Los geht‘s früh morgens, damit der Tag Struktur bekommt. Etwas, das viele vor Hermershausen nicht kannten.

„Dabei ist das in pädagogischen Konzepten stets etwas ganz wichtiges“, sagt Bauk. Nach den Spaziergängen, der Tierpflege folgt die Schule - bis das Abschlusszeugnis den Weg in ein neues Leben bahnt. Die Erfolgsquote des Vereins sei sehr gut, sagen die Chefs: „Fast alle, die hier lebten oder leben schaffen einen, viele sogar zwei Schulabschlüsse“, sagt von Pritzelwitz. „Sie starten hier, fernab ihrer schwierigen Familiensituation, so richtig durch.“

Finanziert wird die Teilnahme am Projekt Mädchen-Pferde-Schule vor allem von den Jugendämtern.

von Björn Wisker

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