Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Machtspiele und schwere Vorwürfe

Zoff in der CDU Machtspiele und schwere Vorwürfe

Seit Wochen schwelen Konflikte in der heimischen CDU und drohen zu eskalieren. Einer, der sich schweren Vorwürfen von Parteileuten stellen muss, ist der 23-jährige Nachwuchspolitiker Stephan Klenner.

Voriger Artikel
Ein Impuls für die Wissbegierigen
Nächster Artikel
Machtspiele und Drohungen: CDU außer Rand und Band

Zoff in der CDU – eine Geschichte mit vielen Akteuren: (oben) Kreisverbandsvorsitzender Frank Gotthardt, (von links) Stephan Klenner, Dr. Thomas Schäfer, Tobias Meyer, Olga Schmitt, Werner Waßmuth und Marian Zachow.

Quelle: Montage: Alexander Pavlenko

Marburg. Wahlentscheidungen und Machtkämpfe: Seit Monaten herrscht Unruhe in der Kreis-CDU. Es wird mit harten Bandagen gekämpft. Viele CDU-Leute wollen über Konflikte reden, die sich aufgetan haben, doch nicht jeder will namentlich genannt werden. In den vergangenen Wochen hat die OP mit heimischen Christdemokraten Gespräche geführt - es ergibt sich das Bild einer Partei, in der einiges aus dem Ruder gelaufen ist.

Der erste, der sich öffentlich bekennt, ist Werner Waßmuth aus Lohra, langjähriger CDU-Mann mit vielfältigen kommunalpolitischen Ämtern im Kreis, unter anderem Fraktionsvorsitzender der CDU im Kreistag: „Diese Sauerei hat stattgefunden“, verbürgt er sich und belegt einen Konflikt zwischen dem Stadtallendorfer Nachwuchs-Christdemokraten Stephan Klenner und dem CDU-Landratskandidaten Marian Zachow mit einem SMS-Dialog.

Klenner soll Zachow erpresst haben. Vor der Landtagswahl-Delegiertenversammlung im Wahlkreis West rankte sich ein erbitterter Konkurrenzkampf rund ums Ersatzbewerberamt für Direktkandidat Dr. Thomas Schäfer - sowohl Tobias Meyer aus Breidenbach als auch Dr. Horst Falk aus Dautphetal wollten Ersatzperson werden. Klenner soll vor der Kampfabstimmung zu Zachow gesagt haben, dieser möge sich auf die Seite Dr. Horst Falks stellen, sonst werde man ihn nicht unterstützen, wenn er nach einer möglicherweise verlorenen Landratswahl zum Ersten Kreisbeigeordneten gewählt werden wolle.

Zachow und Klenner halten zusammen

Zu diesem Vorfall von der OP befragt, bestätigen Klenner und Zachow, dass sie in der Sache miteinander telefoniert haben - und dass Klenner für Falk geworben hat. „Zu Details aus dem Gespräch möchte ich nichts sagen“, erklärt Zachow der OP, „aber es gab da nichts, was die freundschaftliche Atmosphäre zwischen Stephan Klenner und mir verlassen hätte.“ Ähnlich Klenner: „Wenn ich das gesagt hätte, dann hätte ich jemanden bedroht, und so etwas mache ich grundsätzlich nicht.“

Neben Waßmuth halten weitere Parteileute dagegen: Sie wollen von Zachow selbst wissen, dass Klenner ihn unter Druck gesetzt hat. Waßmuth will nun aufräumen und hat dies auch schon gegenüber Parteispitze und Kreistagsfraktion angekündigt. Von seiner Partei erwartet er, dass sie sich mit Vorkommnissen der vergangenen Monate beschäftigt und dass darüber diskutiert wird, wie weit Mitglieder in ihrem Umgang miteinander gehen dürfen. Von Stephan Klenner erwartet er eine Entschuldigung vor der Fraktion.

Der junge Abgeordnete, der im Kreistag sitzt und zudem CDU-Fraktionsvorsitzender im Stadtparlament Stadtallendorf ist, steht unter kritischer Beobachtung der eigenen Partei - nicht nur auf Kreisebene, sondern auch in Stadtallendorf. Dort ist ein weiteres CDU-Mitglied zu Hause, das nicht länger schweigen will.

Es handelt sich um die CDU-Stadträtin Olga Schmitt. Im Gespräch mit der OP berichtet sie von Konflikten mit Stephan Klenner, den sie als einen Fraktionsvorsitzenden erlebt, der keine Meinung außer seiner eigenen gelten lasse. „Ich habe kein Interesse, jedes Mal, wenn ich etwas anders sehe als Stephan Klenner, von ihm angerufen und unter Druck gesetzt zu werden“, fasst Schmitt es zusammen. Als Beispiel für solchen „Telefonterror“ nennt sie die Stadtallendorfer Auseinandersetzung um die Ehrenbürgerschaft für den ehemaligen Bürgermeister Manfred Vollmer. Schmitt war dagegen, dass die Stadt diese Ehrung ausspricht - und fühlte sich in der Sache erheblich unter Druck gesetzt von Klenner.

Druck am Telefon: CDU-Stadträtin packt aus

Sie berichtet von einem rund einstündigen Telefongespräch vor der Abstimmung. Wenn sie sich nicht der Meinung der Fraktion anschließe, soll Klenner gesagt haben, dann werde er überall erzählen, welch schlechte Stadträtin Olga Schmitt sei.

Schmitt erzählt auch, wie dieses Gespräch geendet habe: mit Klenners Hinweis, dass Schmitts Ehemann ihm leid tue, er selbst wolle jedenfalls nicht mit ihr verheiratet sein. „Das ist eine typische Äußerung für Stephan Klenner“, sagt Schmitt, „er kann nicht in der Sache diskutieren ohne persönlich zu werden“.

Schmitt packt jetzt aus, weil der Anreiz, sich noch für die CDU zu engagieren, für sie sehr gering geworden sei - sie denke über einen Parteiaustritt nach. „Ohne demokratischen Umgang und freie Willensbildung geht es nicht“, ist sie überzeugt und regt an, Klenner aus der Partei auszuschließen, damit dies in Stadtallendorf wieder möglich werde.

Klenner nimmt die Dinge völlig anders wahr

Von der OP befragt kann Klenner mit den Schilderungen Olga Schmitts wenig anfangen. Er nimmt die Dinge völlig anders wahr, spricht davon, dass er versucht habe, Überzeugungsarbeit zu leisten in der Frage der Ehrenbürgerschaft für Vollmer. Von Druck und Drohungen will er nichts wissen - und die Äußerung zum Thema Ehemann schildert er so: „Wir haben hart über eine Sache diskutiert, und da habe ich scherzhaft gesagt: ,Olga, du kannst ja hartnäckig sein, zum Glück bin ich nicht mit dir verheiratet‘. Und wir haben uns beide amüsiert über die Hartnäckigkeit des anderen“, sagt Klenner.

Er rufe grundsätzlich auch keine Fraktionskollegen an, um sie von seiner Meinung zu überzeugen. „Denn wenn jemand eine abweichende Haltung hat und nicht mit der Fraktion stimmen will, dann muss er dies von sich aus beim Fraktionsvorsitzenden, also bei mir, anzeigen“, führt Klenner aus.

Der Wahlkreis West - derzeit ein Krisenherd

Von Stadtallendorf ins Hinterland, in den Wahlkreis West, ein derzeit großer Krisenherd der heimischen CDU: Der Wahlkreis 12 mit den Kommunen des Hinterlands, des Nord- und des Südkreises. Dort kam es zu jenem erbitterten Konkurrenzkampf zwischen zwei Interessenten fürs Ersatzbewerberamt zur Landtagswahl. Dass Tobias Meyer diese Funktion gern übernehmen will, steht schon Monate vor der Wahl fest. Dann kommt noch der Dautphetaler Dr. Horst Falk ins Spiel. Die Geschichte ist bekannt: Die Kreisspitze gibt gegenüber den Delegierten keine Empfehlung für einen der Kandidaten ab, sie sollen selbst entscheiden - Meyer gewinnt schließlich mit ganz knapper Mehrheit. Zu der Geschichte hinter den Kulissen: Im Vorfeld hatte die Parteispitze vereinbart, dass es an jenem Abend in Biedenkopf keine Unterstützerreden für die Bewerber geben solle.

Die Falk-Kampagne am Telefon

Schäfer hält sich nicht an diese Absprache, wirbt vor den Delegierten offensiv für seinen Freund Falk. Meyer könne dann in einigen Wochen zum stellvertretenden CDU-Kreisvorsitzenden gewählt werden, schlägt er vor. Das kam bei vielen Unionsleuten schlecht an. Wochen nach diesen Ereignissen sagt Schäfer gegenüber der OP, dies sei sein Versuch gewesen, „die Wettbewerbssituation zu entschärfen“. „Es ist anders gekommen und jetzt ist es so - wir müssen jetzt nach vorn schauen“, sagt er.

Damit ist die Geschichte der Biedenkopfer Delegiertenversammlung noch nicht beendet. Ein weiterer Blick zurück - auf die Geschehnisse vor der Wahl: Es läuft eine Art Kampagne zugunsten Falks. Die Anrufer, die am Telefon und bei Essenseinladungen für den Dautphetaler Werbung machen, sind Berichten von Delegierten zufolge Dr. Christean Wagner und seine politischen Ziehsöhne Dr. Stefan Heck und Stephan Klenner (Stadtallendorf).

„Professioneller Wahlkampf“ nach dem Zoff

Ein weiterer Unionsmann, der diesem Kreis zugeordnet wird, ist der Dauphetaler Jung-Abgeordnete Christian Weigel. Er gehört dem Vernehmen nach auch zu den Anrufern, doch findet sich in der OP-Recherche niemand, der versichert, von ihm angerufen worden zu sein.

Die Kandidaten selbst telefonieren auch - und so kommt es, dass mancher vor dem Parteitag schon nicht mehr ans Telefon gehen mag.

Doch wozu dieser ganze Wirbel um ein Amt, das der Ersatzkandidat nur ausüben wird, wenn Direktkandidat Schäfer sein Amt im Hessischen Landtag nicht mehr würde ausüben können oder wollen? Wozu Schäfers Engagement in dieser Sache? Hat er inzwischen andere Jobvorstellungen? „Ganz im Gegenteil, ich will noch lange Landespolitik machen“, garantiert er im OP-Gespräch. Und gesund sei er auch.

Gotthardt wählt Lego-Rakete statt Politik

Nach den Vorkommnissen im Wahlkreis West kommt der Wahlkampf. Schäfer und Meyer müssen nun zusammenarbeiten. Tobias Meyer zum Umgang mit Schäfer jetzt: „Wir wollen freundschaftlich professionellen Wahlkampf machen für die CDU Marburg-Biedenkopf. Da Thomas Schäfer sich für mich als stellvertretenden Kreisvorsitzenden ausgesprochen hat, gehe dich davon aus, dass er mich auch für fähig hält. Wir haben einen professionellen Umgang - das funktioniert.“

Schäfer seinerseits will beim Parteitag am 23. Februar in Roth das Amt Frank Gotthards übernehmen.

Der langjährige CDU-Kreisvorsitzende zieht sich aus beruflichen Gründen zurück aus der Parteispitze. „Ich find’s auch schön, wenn ich Zeit habe, mit dem kleinen Arthur auf dem Teppich zu spielen und Lego-Raketen zu bauen“, sagt Gotthardt über die Zeit mit seinem Sohn und seine persönliche Prioritätensetzung.

Die Aufgabe, die CDU Marburg-Biedenkopf zu einen und mit neuem Personal politische Entscheidungen anzustoßen, übernimmt dann Schäfer, der seinen Arbeitsplatz und seinen familiären Lebensmittelpunkt in Wiesbaden hat und inzwischen seine beiden Parlamentssitze im Landkreis - Stadtparlament Biedenkopf und Kreistag - aufgegeben hat.

Weitere Kriegsschauplätze: Wahlkreis Ost und die JU

Wenn es in den kommenden Wochen um Wahlkampf und Einigkeit in der Union gehen soll, dürften noch zwei weitere Kriegsschauplätze die Aufmerksamkeit der Partei fordern: die Ereignisse rund um die holprig vollzogene Nominierung der 63-jährigen Kirchhainerin Rosemarie Lecher, Direktkandidatin im Wahlkreis Ost für die Landtagswahl.

Als einzige Bewerberin holte sie nur 68 Prozent der Stimmen - ein ungewöhnlich schlechter Wert für die CDU, die mit dieser Kandidatin nun im Wettbewerb bestehen muss.

Und dann gibt es noch den aufstrebenden CDU-Nachwuchs: Mit den Ereignissen rund um die Abwahl des Marburger JU-Stadtverbandsvorsitzenden Mathias Range befasst sich derzeit das Schiedsgericht der Jungen Union.

Beobachter sprechen von einer Abstrafung des Marburgers, nachdem er in Konkurrenz zu Dr. Stefan Heck (Amöneburg) die CDU-Direktkandidatur für die Bundestagswahl antreten wollte und Heck einige Prozente kostete.

von Carina Becker

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr