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Luther bringt Sprache zum Tanzen

Serienstart zum Reformationstag Luther bringt Sprache zum Tanzen

Vom Lückenbüßer und Lästermaul reden wir gern, vom Geizhals, dem Machtwort oder dem Wolf im Schafspelz. Damit sprechen wir immer noch wie Luther vor einem halben Jahrtausend.

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Die OP startet zum Lutherjahr eine neue Kolumne mit dem Titel „Luther aufs Maul geschaut“

Marburg. Wenn die Deutschen, gleich welcher oder keiner Religion, repräsentativ gefragt werden: „Wer ist Martin Luther für Sie am ehesten?“, dann antwortet die Mehrheit der Frauen, jungen Leute und Ostdeutschen: Der Mann der Sprache, der Bibelübersetzer; nur bei den Männern steht der Erneuerer der Kirche höher in der Gunst.

Großes entsteht oft im Kleinen: So wie junge Genies die digitale Revolution in Garagen gedacht und verwirklicht haben, so erfand Luther die deutsche Sprache in einer kleinen Stube auf der Eisenacher Wartburg. Sie kann jeder heute noch besichtigen.

Elf Wochen nur brauchte Luther, um Deutsch als Sprache zu begründen, um die 27 Bücher des Neuen Testaments zu übersetzen. Wer glaubt, Sprache wachse wie ein Baum, der irrt: Wörter fallen nicht wie reife Früchte, sie werden erfunden oder aus anderen Sprachen genommen. Luther ist das beste Beispiel: Er hat kräftige Wörter und Sätze geprägt in einer Fülle wie kein anderer nach ihm, kein Dichter, kein Politiker, kein Journalist, kein Werbetexter, kein Soziologe.

Neue Sprache setzt sich in Atem raubenden Tempo durch

Luther hatte Mut, und er hatte die Bibel: Mutig war das Naheliegende, das ihm geläufige Sächsische zur deutschen Sprache zu küren als der kleinste gemeinsame Nenner aller Dialekte.

Bis dahin war nur Dialekt. Auch die ersten Übersetzungen ins Deutsche, ein gutes Dutzend vor Luther, waren Übersetzungen in einen Dialekt, den die Leute schon fünfzig Kilometer entfernt nicht mehr verstanden.

Auch Luther stieß kurz an die Grenzen: Adam Petri, ein Drucker in Basel, gab Luthers Bibel noch mit einem Glossar heraus, in dem er zweihundert „ausländische“ Wörter „auf unser Deutsch“ brachte: Luthers Ufer war ein „Gstad“, der Hügel ein „Bühel“.

Doch die neue Sprache, die wir die deutsche nennen, setzte sich in einem Atem raubenden Tempo durch – und das in einer Zeit, in der Brieftauben und reitende Boten die schnellste Kommunikation waren.

Luthers Glück war auch die Bibel: Bücher übervoll mit Tragödien und Komödien, mit Kriegen und Versöhnungen, mit Flucht und Flüchtlingslagern, mit allem, was Menschen tun und anderen antun. Über die Jahrhunderte,­ in denen die Bibel ­geschrieben wurde, sprachen die Dichter von Gott, wenn sie von des Menschen Glück und Elend erzählten, von Liebe und Verrat.

Luther lerne die Ursprache der Bibel - das Griechische

Luthers Glück war auch seine­ Erziehung: Der Sohn aus wohlhabendem Hause lernte die Ursprachen der Bibel, das Griechische als Student der Erfurter Universität und das Hebräische im Selbststudium. Luther ging zurück zu den Quellen, er griff nicht auf die Gelehrtensprache seiner Zeit zurück: Die lateinischen Übersetzungen waren eben auch nur Übersetzungen; und jede Übersetzung ist eine Interpretation.

Luther wollte kein wortgetreuer Übersetzer sein: „Man muss nicht die Buchstaben in der ­lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden“, schreibt er, als sich seine Kritiker schon formiert hatten, ihn als Fälscher angegriffen: Heute­ würden wir von einem Shit‑storm sprechen.

Luther dreht den Spieß und rechtfertigt sich: „Die Feinde der Wahrheit geben vor: Der Text ist an vielen Orten geändert oder auch verfälscht, wodurch über viele einfältige Christen Entsetzen und Scheu gekommen ist, auch unter den Gelehrten, die der hebräischen und griechischen Sprache nicht kundig sind.“

Luther empfiehlt seine Art der freien Übersetzung und schreibt den wohl berühmtesten Satz zur Sprache, oft zitiert und wenig befolgt: „Man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetschen; da verstehen sie es denn und merken, dass man deutsch mit ihnen redet.“

Das ist keine Aufforderung, den Leuten nach dem Mund zu reden (wie oft behauptet wird), es ist keine Rechtfertigung eines Populismus, sondern der Hinweis, wie man verständlich schreiben und reden kann. Es geht um das Wie der Sprache, und nicht um das Was. Luther war Priester mit einer Botschaft, er war ein Missionar: Er wollte dem Volk nicht nach dem Mund reden, es wollte es belehren und bekehren!

Wörter waren einzige "Waffe" gegen Papst-Kirche

Deshalb brachte er die Wörter zum Tanzen, gab er den Sätzen Rhythmus: Noch heute hören wir den lyrischen Ton heraus selbst in Texten, die von Gewalt berichten, erst recht in denen der Liebe: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein donnernd Erz oder eine klingende Schelle.“ Seine Bibelübersetzung war eine Sprachrevolution.

Luther war ein Machtmensch, der wusste: Wörter machen Politik. Wer die Wörter bestimmt, der hat die Macht! Und Luther wollte den Kampf gegen die Papst-Kirche gewinnen, mehr als die Wörter hatte er dazu nicht.

Heute würde Luther keine Kirche mehr gründen, sondern eine Zeitung;­ im Internet fühlte er sich wohl und hätte einen Blog, in dem er die Mächtigen beleidigte, dass der AfD Hören und Sehen verginge. Den Herzog Heinrich von Braunschweig beleidigte er: „Unsinniger, wütender Tyrann, der sich voll Teufel gefressen und gesoffen hat und stinkt wie ein Teufelsdreck.“

Wer diesen Satz liest, entdeckt Luthers Rezept: Er wählt kurze­ Wörter, keines hat mehr als drei Silben; er meidet Synonyme, schreibt zweimal Teufel und denkt nicht daran, den „Teufelsdreck“ in einen Satansdreck zu verwandeln; er schafft eine­ Balance zwischen Substantiven und Verben auf drei Substantive kommen drei Verben; er wählt starke Verben, die die Sinne reizen: fressen, saufen, stinken. Das ist Luther: So wie er schrieb, so wollen die Menschen lesen; über das Was, den Inhalt, sollen sie streiten.

Auch nach Luther versammelten sich immer wieder Dichter um Luthers Übersetzung, selbst wenn sie erklärte Atheisten waren wie Bertolt Brecht. Nach seinem Lieblingsbuch gefragt, antwortete er: „Sie werden lachen – die Bibel.“ Sein Merkspruch „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ ist im Lutherschen Stil geschrieben, kraftvoll und streitbar.

Rühmen wir also Luther! Erheben wir ihn zu einem großen Deutschen! Aber lasst ihn uns nicht begraben: Wir können von Luther lernen! Er ist ein Lehrer der deutschen Sprache, die heute in einen tiefen Schlaf gefallen ist. Wenn wir Luther lesen, wenn wir seine Regeln, seine Kniffe, seine Lebendigkeit aufnehmen, dann wird unsere schlaffe Sprache wieder an Kraft gewinnen.

von Paul-Josef Raue

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