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Lustwandeln oder Seele baumeln lassen

OP-Serie: Lieblingsplätze der Marburger Gästeführer Lustwandeln oder Seele baumeln lassen

„Hier kann man abschalten und ist doch mitten in der Stadt“, schwärmt Gästeführerin Dr. Theresia Jacobi. Ihr Lieblingsplatz ist der Schlosspark.

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Gästeführerin Dr. Theresia Jacobi genießt den Duft der Rosen vor dem Judizierhaus. Für sie ist der Besuch im Schlosspark wie ein Kurzurlaub.

Quelle: Heike Horst

Marburg. Besonders gern ist sie am frühen Sonntagmorgen im Schlosspark. Da ist es noch ruhiger als unter der Woche. „Manchmal sind ein paar Jogger unterwegs“, erzählt Dr. Theresia Jacobi.

Wer auf einer Bank im Schatten Platz nimmt, hört nur das Rauschen der Bäume. Und die sind nach den Worten der Gästeführerin 1888 gepflanzt worden. Insgesamt 6 500. „Im Schlosspark erlebt man Geschichte auf Schritt und Tritt“, sagt Theresia Jacobi. Besonders schön war der Park zur Zeit von Heinrich III. und Anna von Katzenelnbogen.

Die beiden wurden bereits im Kindesalter verlobt. Am 30. August 1458 fand die Hochzeit in Marburg statt. „Anna war eine gute Partie, sie war eine Erbprinzessin, die nach dem Tod der Eltern und Brüder die Besitzungen der Eltern erbte“, sagt Theresia Jacobi. Der Erbfall trat tatsächlich ein. Und bei so viel  Gold und Silber nannte sich Heinrich III. fortan der Reiche.

Zur Zeit von Anna und Heinrich III. wurden zahlreiche Bauvorhaben verwirklicht. Dazu zählten auch die Erneuerung der Verteidigungsanlagen.

Zudem gab es im Schlosspark einen Nutzgarten und einen Lustgarten. „Zwischen Götzenhain und heutiger Paul Ehrlich Straße bestand ein Wild- und Tiergarten. Hier hielt der Landgraf sogar einen Löwen, der mit Kalbfleisch gefüttert wurde“, berichtet die Gästeführerin. Unter dem Wildpark befand sich die Wäscherei. Auf der Südseite des Schlossbergs wurde Wein angebaut, mit mehr oder weniger Erfolg. Rund 100 Jahre später wurde der Weinbau eingestellt.

Anna von Katzenelnbogen feierte Fasching

„Anna von Katzenelnbogen  war eine lebenslustige Frau, sie hat auch Fasching gefeiert“, erzählt Theresia Jacobi. Nach dem Tod von Heinrich III. heiratete Anna Wilhelm III. Nach ihm wurde auch der Wilhelmsbau am Schloss benannt, der von 1493 bis 1997 erbaut wurde.

Hinter dem Judizierhaus ist der Wasserturm zu sehen. „1577 haben die Menschen vom Grünen Wehr Lahnwasser bis in den Schlosspark hochgedrückt“, erzählt Theresia Jacobi. „Die Leitung war 1 000 Meter lang und es mussten 100 Höhenmeter überbrückt werden.“ Zwar gab es im Schloss einen Brunnen, doch war dieser nicht ausreichend. Vom Wasserturm lief die Leitung bis in das Bassin im Schlossvorhof, neben dem Schaukasten.

Der Holzschnitt von 1572 zeigt den Schlosspark als eingezäunten Garten mit Springbrunnen und Toren. Es war die Zeit, in der Marburg letztmalig Residenz ist.  Danach wurde das Schloss als Garnison genutzt.

„Zum Trinken hat man Wasser damals nicht verwendet“, erzählt die Gästeführerin weiter. „Wer es sich leisten konnte trank Wein, alle anderen Bier.“

1604 fiel Marburg an Kassel. Moritz der Gelehrte baute 1624 das Schloss zur Festung aus, zu der auch das Judizierhäuschen von 1627 gehört. „Im Dreißigjährigen Krieg zeigte sich, dass die Anlagen zu schwach waren“, so Theresia Jacobi. Nach dem Krieg erfolgte der weitere Ausbau. Aber auch diese Verteidigungsanlagen hielten den Gegner im Verlauf des 7-jährigen Kriegs nicht stand. „Reste der Verteidigungsanlagen aus den unterschiedlichsten Perioden sind inzwischen ausgegraben und im Schlosspark sichtbar“, erzählt die Gästeführerin.  

Auch Nobelpreisträger Emil von Behring, der im Ersten Weltkrieg zum Retter der Kinder und der Soldaten wurde, hat Spuren im Schlosspark hinterlassen. 1889 baute er dort sein Laboratorium. Mit der Entwicklung des Serums gegen Diphterie „hat er Großes geleistet“, so Theresia Jacobi. „Er rettete zahlreichen Kindern das Leben.“ Auch seine Frau muss nach den Worten der Gästeführerin wunderbar gewesen sein. So gründete sie in Marburg die Rot-Kreuz-Schwesternschaft.

"Früher war das der reinste Heiratsmarkt"

Beim weiteren Gang durch den Schlosspark zeigt Theresia Jacobi auf Häuser und erklärt: „Dort war einst ein Mädchenpensionat. Und da unten sind bis  heute Verbindungshäuser. „Früher war das der reinste Heiratsmarkt.“

Weiter führt der Weg vorbei an großen Grünflächen. „Da lässt es sich wunderbar Federball oder Fußball spielen. Ein Boul-Feld gibt es auch“, sagt die Gästeführerin. Vorbei an der Freilichtbühne, wo im Sommer Kino- und Theatervorführungen stattfinden, geht es zum Judizierhaus.

Auf dem Platz davor, wo sich jetzt ein Rosengarten befindet, fanden Reiterspiele statt. Die Schiedsrichter saßen im Judizierhaus. Heute befindet sich darin das Schlosscafé, das laut Stadt von März bis Oktober samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet ist und vom Verein Jugendkonflikthilfe bewirtschaftet wird.

Theresia Jacobi ist begeistert von der Rosenpracht. „Mit seinem Blütenreichtum von rund 7 000 Rosen in über 60 Varianten verströmt er vor allem zur Blütezeit eine ganz besondere Atmosphäre“, schwärmt sie.  „Der in dieser Form Ende der 1970er-Jahre entstandene Rosengarten ist ein gärtnerisches Juwel innerhalb des Schlossparks.“

Aber auch im Frühjahr, wenn die Natur erwacht, schätzt die Gästeführerin die Düfte im Schlosspark.

„Man kann hier wunderbar die Seele baumeln lassen, ein Buch lesen oder Lustwandeln. Es ist wie ein Kurzurlaub“, sagt die Gästeführerin, die diese Aufgabe mit Unterbrechungen seit 40 Jahren wahrnimmt. 

von Heike Horst

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