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"Lothar, lass es doch einfach"

Raucher-Entwöhnung "Lothar, lass es doch einfach"

Rauchen ist nützlich für den Raucher, erklärt Suchtexperte Ole Ohlsen – und das macht es so schwierig, mit dem Nikotinkonsum aufzuhören.

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Gerade einmal drei bis fünf Prozent der Raucher schaffen es im ersten Anlauf, ihre Nikotinsucht zu beenden.

Quelle: Martin Gerten, dpa

Marburg. Alleine sei er spätestens nach drei Tagen gescheitert, erzählt Lothar Heinrichs über seine Versuche, mit dem Rauchen aufzuhören. Deshalb habe er sich eine Gruppe gesucht, um mit anderen der Sucht ein Ende zu setzen. Damit befindet er sich in zahlreicher Gesellschaft, denn das Nichtraucherwerden ist eine Geschichte des Scheiterns. „Nur drei bis fünf Prozent schaffen es im ersten Anlauf“, erklärt Ole Ohlsen, der vier Gruppenkurse zur Raucherentwöhnung am Universitätsklinikum in Marburg leitet.

Häufig sei der Leidensdruck noch nicht hoch genug, etwa durch eine lebensbedrohliche Erkrankung, um auch die psychische Abhängigkeit zu überwinden. Die, sagt Ohlsen, sei sehr viel größer als die körperliche. Den Anstoß, etwas zu ändern, komme nicht selten von außen, etwa durch die Geburt eines Kindes oder auch das neue, noch nicht nach Qualm stinkende Auto.

Erfahrungen mit dem Entzug sind ein Hindernis

Es sind gleich eine ganze Reihe von Problemen, die Raucher mit dem Aufhören haben. Da sind die unglaublich vielen Anlässe, eine Zigarette zu rauchen. 20 Minuten Warten waren für Lothar Heinrichs genau die Zeit, zunächst mal „eine aus Sucht und eine zweite aus Langeweile zu rauchen“. Deshalb habe es ihm auch geholfen, zwei Wochen lang aufzuschreiben, zu welchen Anlässen er rauche. „Dass die Zigarette eine Pause ist, muss aus meinem Kopf heraus“, beschreibt Heinrichs eines der Probleme.

Eine weitere Schwierigkeit seien die Begleiterscheinungen des Entzugs, erklärt Diplom-Pädagoge Ohlsen: „Die meisten haben einen Rückfall. Die Erinnerungen an den Entzug sorgen für die Einsicht: das mach ich nicht nochmal mit.“ Es gehe deshalb darum, den Entzug so angenehm wie möglich zu machen.

Das freilich ist leichter gesagt als getan, hat auch Lothar Heinrichs schon am eigenen Leib erfahren. „Lothar, lass es doch einfach!“, habe eine Bekannte ihm einmal gesagt. „Aber einfach ist das eben nicht.“ Weil das Nichtraucherwerden vor allem eine Kopfsache ist, müsse zunächst einmal die Einsicht vorhanden sein, dass man als Raucher ein Suchtproblem hat, erklärt Ohlsen.

Der Suchtexperte vergleicht Raucher in seinen Kursen denn auch mit den Menschen, die sich ritzen. Ein Bild, das auch bei Lothar Heinrichs Wirkung gezeigt hat: „Das hat mich bei jeder Zigarette begleitet.“ Mit einem Drogenabhängigen wolle er aber nicht verglichen werden, stellt Heinrichs klar.

Ohlsen: „Rauchen hat 
die höchste Todesrate“

Ole Ohlsen sieht das etwas anders, das Rauchen sei eben doch die Suchterkrankung mit der höchsten Todesrate. „Am Rauchen sterben jedes Jahr 100 000 Menschen“, lässt der Pädagoge Zahlen für sich sprechen. Wenn die Einsicht für das Problem vorhanden sei, könne auch eine Gegenstrategie entwickelt werden.

Und ein wesentliches Ziel dabei ist es, die positiven Seiten des Aufhörens zu entdecken. „Immer eine Schachtel dabei zu haben, hat mich genervt“, erzählt Lothar Heinrichs am Ende des sechswöchigen Kurses. Dieses Problem glaubt er jetzt gelöst zu haben. Er habe vorher eine Schachtel pro Tag geraucht und sich damit für einen „megaschlimmen“ Raucher gehalten. Entsprechend erschrocken sei er gewesen, als er vom Konsum anderer Kursteilnehmer gehört habe. Heinrichs hat sich Tabletten verschreiben lassen, die die Suchtrezeptoren blockieren sollen.

Für welche Form des Aufhörens man sich entscheide, sei im Grunde egal, erklärt Ole Ohlsen. Die Erfolgsquoten unterschieden sich kaum. Für starke Raucher könne das abrupte und völlige Aufhören sogar gefährlich sein. „Nikotin bringt den Gehirnstoffwechsel kräftig durcheinander“, erläutert Ohlsen und hält deshalb eine allmähliche Reduktion der Tabakmenge in manchen Fällen für den besseren Weg.

Schrittweise Reduizierung verlängert Entzug

Der amerikanische Entwöhnungsspezialist Joel Spitzer betont indes, dass die körperlichen Entzugserscheinungen weiter anhalten, wenn ein bestimmter Nikotinspiegel unterschritten wird. Mit der von ihm propagierten Schlusspunktmethode dauere der Entzug maximal zwei Wochen, in denen der Körper das Nikotin komplett abgebaut und ausgeschieden habe. Die schrittweise Reduzierung verlängere deshalb nur den Entzug.

Weil eine Zigarette aber perfekt dafür sei, aus einer unangenehmen Situation zumindest für kurze Zeit herauszukommen, der Tabakkonsum im Alltag weiter eher unauffällig sei und die Abhängigkeit sehr viel schneller erreicht werde als etwa beim Alkohol, schafften es die wenigsten schon im ersten Versuch. Deshalb geht es Ole Ohlsen eher darum, sich in den Kursen den Ausstieg zu erarbeiten. Nach der ersten Kursstunde, so erinnert sich Lothar Heinrichs, hätten alle draußen auch erst mal eine geraucht.

Gabriele Jaques, die am Uniklinikum die Kurse organisiert, weist darauf hin, dass die Krankenkassen zumindest einen Teil der Kosten übernehmen. Was ursprünglich als ein Angebot für die Mitarbeiter gedacht war, ist inzwischen offen für alle Aussteigerwilligen. Auf sie warten fünf Abende und ein sich anschließendes Telefoncoaching. Und wem noch ein Anlass zum Aufhören fehlt – heute ist Weltnichtrauchertag.

von Frank Rademacher

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