Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Lokschuppen vor dem Verkauf

Stadtplanung Lokschuppen vor dem Verkauf

Nach intensiver Diskussion beschloss der Bauausschuss am Donnerstagabend, dass der Lokschuppen zum Verkauf ausgeschrieben werden soll. Das Parlament muss am Freitag noch zustimmen.

Voriger Artikel
Die Angst vor dem Elektroschock
Nächster Artikel
Schwangere Frau überfallen und verletzt

Der marode Lokschuppen auf dem Waggonhallengelände am Ortenberg soll verkauft werden.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Beschluss des Bauausschusses sieht vor, dass Grundstück und Gebäude auf dem Waggonhallenareal öffentlich zum Verkauf angeboten werden sollen. Der Zuschlag soll, so heißt es in der Beschlussvorlage, „in Abhängigkeit des zukünftigen Nutzungskonzeptes“ erteilt werden.

Stadtplaner Reinhold Kulle 
begründete dieses Vorgehen damit, man wolle mit der Ausschreibung „kreatives Potenzial in ganz Deutschland“ mobilisieren. Angesichts der vorgesehenen Ausschreibungsfrist von „vier bis sechs Wochen“ äußerten mehrere Abgeordnete aber Zweifel daran, dass tatsächlich neue Ideen zur Nutzung des maroden Kulturdenkmals auf den Tisch kommen.

Bislang sind zwei mögliche Nutzungskonzepte bekannt:

* Dem Förderverein Waggonhalle schwebt eine Nutzung aus Eventhalle und Industriemuseum vor. Auf rund sechs Millionen Euro beziffert der Verein Hüther den Investitionsbedarf inklusive der Erneuerung der Drehscheibe, die früher im Lokschuppen eine Verteilerfunktion für die reparaturbedürftigen Lokomotiven einnahm.

* Karsten Schreyer, Geschäftsführer und Eigentümer der S+S Grundbesitz GmbH, möchte aus dem Lokschuppen ein Wohnhaus errichten. Das denkmalgeschützte Gebäude müsste zunächst gesichert werden. Das Dach müsste in diesem Konzept abgenommen werden, um eine zwei-bis dreigeschossige Wohnbebauung zu ermöglichen. Die frühere Drehscheibe im Lokschuppen ist in Schreyers Konzept als „Café Drehscheibe“ vorgesehen.

Im Dezember wurde das Waggonhallenareal einschließlich Lokschuppen von der Bahntochter Aurelis GmbH ins Treuhandvermögen der städtischen Tochter Gewobau erworben. Ziel war es, das Areal als Kultur­standort zu erhalten und zu stärken und den Sanierungsstau zu beenden, wie es in der Begründung des Verkaufsantrags des Magistrats heißt.

Oberbürgermeister: 
„Eile ist geboten“

Der leer stehende Lokschuppen ist inzwischen in einem solch schlechten Zustand, dass Eile geboten ist, wie Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) im Bauausschuss sagte. Die Sanierung des maroden Gebäudes könne sich die Stadt nicht leisten, und wenn „das Dach erst einmal eingestürzt ist, können wir uns alle Diskussionen sparen.“

Aus einer Ausschreibung könnten nur finanzkräftige Investoren als Sieger hervorgehen, kritisierte der Stadtverordnete Dr. Michael Weber (Piratenpartei). Er schlug alternativ zu den Verkaufsplänen ein „Crowdfunding“ vor, also eine projektbezogene Suche nach Finanziers. „Damit bliebe das Risiko bei der Stadt Marburg“, entgegnete Spies. Er will erreichen, dass „verschiedene Umsetzungsperspektiven auf den Tisch kommen“. Entscheidend für den Zuschlag soll auch sein, welches Konzept die besten Realisierungsperspektiven hat.

Wer den Zuschlag bekommt, soll die Stadtverordnetenversammlung entscheiden. Ein Auswahlgremium aus Vertretern des Magistrats, der Verwaltung, des Landesamts für Denkmalpflege, der Fraktionen, des Gestaltungs- und des Denkmalschutzbeirats sowie Vertretern der derzeitigen Nutzer des Waggonhallenareals und der Ortenberggemeinde soll eine Beschlussvorlage erarbeiten. 
„Damit ist eine größtmögliche Transparenz erreicht“, sagte Kulle. Die Mehrheit des Ausschusses stimmte dem Verkaufsantrag zu, lediglich die Marburger Linke stimmte dagegen.

Verkaufspreis steht
 noch nicht fest

Hartmut Lange vom Gestaltungsbeirat wies ausdrücklich darauf hin, dass die „Hülle“ des Lokschuppens gemäß der denkmalschutzrechtlichen Bestimmungen im Originalzustand erhalten werden müsse – ein Umstand, der das Konzept des 
Investors Schreyer erschweren würde. Gegenüber der OP äußerte Lange zudem Zweifel, ob die Denkmalschutzbehörde einer Änderung des Bebauungsplans zustimmen würde, die eine Wohnbebauung ermöglichen soll. Die Linken-Abgeordnete Tanja-Bauer-Wöhr scheiterte mit einem Änderungsantrag, mit dem Wohnbebauung auf dem Lokschuppenareal ausgeschlossen wird.

Pit Metz, Vorsitzender der Ortenberggemeinde, schlug vergeblich vor, den Ausschreibungstext den Parlamentariern zur Genehmigung vorzulegen. Der Prozess sei transparent, sagte auch Spies, die Abgeordneten hätten die letzte Entscheidung. „Die trickreiche Argumentation des OB und von Herrn Kulle war das scheibchenweise Entgegenkommen zu Herrn Schreyers 
Vorgaben, wie er sie bereits der Öffentlichkeit ja vorgestellt hat“, sagte Metz nach der Sitzung, und Lange mutmaßte, der nicht beschlossene Ausschluss von Wohnbebauung sei eine Vorentscheidung zugunsten des Konzepts von S+S.

Die Ortenberggemeinde hatte in einem Schreiben an den OB und die Stadtverordneten gefordert, „das gesamte Areal bedarf endlich eines sensiblen Umgangs, um den besonderen Charakter als Industriedenkmal, als Kulturzentrum und als Bürgertreff zu bewahren und auszubauen.“

Wie hoch der Verkaufserlös sein soll, steht im übrigen noch nicht fest. Das Treuhandgesetz schreibt vor, dass das Objekt zum „Verkehrswert“ verkauft werden müsse. Der errechnete Wert von 90 Euro pro Quadratmeter sei sicher nicht zu erzielen, sagte Kulle. Der „Verkehrswert“ solle festgelegt werden, wenn die Angebote vorliegen. S+S hatte der Stadt angeboten, den Lokschuppen für einen Euro zu kaufen.

von Till Conrad

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr