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Löwer will nicht mehr „erster Bürger“ sein

Abschied Löwer will nicht mehr „erster Bürger“ sein

Zum letzten Mal wird Heinrich Löwer am Freitag eine Sitzung des Marburger Stadtparlaments leiten – er war mehr als 18 Jahre lang Stadtverordnetenvorsteher.

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Stadtverordnetenvorsteher Heinrich Löwer im Parlament (großes Foto), mit Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach bei einer Kranzniederlegung in Dinant und bei der Überreichung der Ehrenbürgerwürde an Egon Vaupel.

Quelle: Tobias Hirsch, Till Conrad, Nadine Weigel

Marburg. „Kürzertreten“ müsse er, sagt Heinrich Löwer auf die Frage, warum er seinen Verzicht auf das von ihm so lange ausgeübte Amt des Stadtverordnetenvorstehers in der kommenden Legislaturperiode angekündigt hat. Die angeschlagene Gesundheit zwinge ihn dazu.

Ganz will Heinrich Löwer aber von der Politik nicht lassen. Für das kommende Parlament kandidiert er auf Platz fünf der SPD-Liste. Trotz Kumulierens und Panaschierens wird er also nach menschlichem Ermessen auch in der kommenden Stadtverordnetenversammlung sitzen – es sei denn,  Mehrheitsverhältnisse und Parteiüberlegungen geben es her, dass er in den ehrenamtlichen Magistrat gewählt wird. Dann wurde er sein Mandat im Parlament niederlegen müssen. Seine Ambitionen auf einen Wechsel in die Stadtregierung hat Heinrich Löwer jedenfalls zeitig  öffentlich gemacht.

Wenn Löwer heute gegen 22 Uhr die letzte Sitzung des Stadtparlaments für diese Legislaturperiode beendet, hat er knapp 190 Sitzungen des Plenums geleitet und wahrscheinlich mehr als 1000 Debatten miterlebt. Gezählt hat er das nie – aber erinnern kann er sich an fast alle.

Mit am meisten belastet haben ihn die politischen Auseinandersetzungen um den Marktfrühschoppen – „das war sehr emotional“ – und um das Bordell in der Siemensstraße. Als Parlamentschef hatte Löwer in diesem Zusammenhang einmal dafür zu sorgen, dass maskiert erschienene Zuhörerinnen, mutmaßlich Prostituierte, ihre Masken im Parlament ablegten. „Aber das ist mir gelungen, ohne dass ich mit Ordnungsbehörden drohen musste.“
Gerne erinnert sich Löwer dagegen an die Debatten um das Universitätsklinikum und um die Flüchtlingsfrage: „Trotz allen Unterschieden in der Sache kam es dort meistens zu einheitlichen Beschlussfassungen“, so Löwer und führt dies auf die „kooperative Grundstruktur“ im Parlament zurück.

Bewegend war für Löwer, der als Parlamentschef der „erste Bürger der Stadt ist“, seine Teilnahme an einer Gedenkveranstaltung im belgischen Dinant 2014 aus Anlass des 100. Jahrestags einer Schlacht aus dem Ersten Weltkrieg, an der Angehörige der Marburger Jäger beteiligt waren. Die Nachkommen von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle reichten sich dort die Hand, und Löwer durfte gemeinsam mit Stadträtin Kerstin Weinbach einen Kranz  für die Stadt niederlegen zum Gedenken an die Opfer und mit der Bitte um Entschuldigung für das, was auch Marburger der Bevölkerung in Dinant angetan haben.

Der „erste Bürger“ hat natürlich Repräsentationspflichten innerhalb und außerhalb der Stadt, und Löwer hat sie gerne erfüllt. „Das gebietet der Respekt“, erklärt er, warum er sich hier über die Maßen engagiert hat.
Löwer auf seine Funktion als  „Grußmichel“ oder als Diskussionsleiter zu reduzieren, würde seiner Arbeit als Stadtverordnetenvorsteher in den zurückliegenden 18 Jahren aber nicht gerecht werden. Löwer war oft dabei, wenn wichtige Entscheidungen für die Zukunft der Stadt vorbereitet wurden: So ab 1993, als er als Vertreter des Parlaments mit der Bundeswehr über die Konversion der früheren Kasernen in der Frankfurter Straße und im Stadtwald verhandelte. „Die erfolgreiche Konversion“, sagt Löwer nicht ohne Stolz, „war in Deutschland nicht üblich.“ Viel zu dem Erfolg habe der frühere Kanzleramtsminister Friedrich Bohl (CDU) beigetragen.

Maßgeblich auf die Vorbereitungen von Heinrich Löwer und seines damaligen Stellvertreters Dr. Reimer Wulff geht auch ein Beschluss des Parlaments von 2003 zurück, in dem die Stadt Marburg anerkennt, dass den bis zu 3 000 Zwangsarbeitern, die während der NS-Diktatur in Marburg eingesetzt wurden, „Unrecht geschehen ist“.  Eine umfangreiche Stadtschrift zur Aufarbeitung der Zwangsarbeit in Marburg wurde gleich mitbeschlossen; damals noch lebenden Zwangsarbeitern wurde eine „symbolische“, so Löwer, Entschädigung  in Höhe von 1 700 Euro gezahlt.

Zwei Städtepartnerschaften hat Löwer mit eingefädelt: die mit Eisenach (1988 noch als Fraktionschef der SPD) und die mit Sibiu (2005); er hat Dietrich Möller (2005), Professor Reinfried Pohl (2006), Schwester Edith (2010), Amnon Orbach  (2014) und Egon Vaupel (2016) zu Ehrenbürgern der Stadt Marburg ernannt;  ein besonderes Anliegen war ihm das Kinder- und Jugendparlament, bei dessen Sitzungen er fast ausnahmslos teilgenommen hat. Seine Nachfolgerin oder sein Nachfolger werden Mühe haben, das Amt mit dem gleichen Engagement auszufüllen.

von Till Conrad

  • Zur Person:
  • seit 1981 Ortsvorsteher von Cyriaxweimar
  • seit 1985 Stadtverordneter, damit gemeinsam mit Dr. Christa Perabo (Grüne) „dienstältester Stadtverordneter
  • 1987 bis 1996 Fraktionsvorsitzender der SPD
  • seit 1997 Stadtverordnetenvorsteher
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