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Liebesengel haben eine Rose für alle

OP-Reportage Liebesengel haben eine Rose für alle

"Lächeln", ruft eine Betreuerin Andreas Heuser zu. Er hält eine rote Rose in der Hand und grinst über beide Ohren. Hinter der Handykamera steht Johanna Seip. Ein Erinnerungsfoto - das erste ­Motiv eines Liebespaares?

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Johanna Seip hat auf der Singleparty für Behinderte Andreas Heuser beim Tanzen kennengelernt. Die beiden Liebesengel, Inga Brühl (links) und Beate Bender-Rosenstengel vom Verein zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen, beglückwünschen sie in der Gaststätte Spiegelslust.

Quelle: Freya Altmüller

Marburg. Heuser und Seip haben sich soeben kennengelernt, geredet, getanzt - auf einer­ ­Single-Party für Menschen mit Behinderung.

„Gut gelaufen ist das“, sagt Johanna. Andreas war es, der sie entdeckte. „Das ganze Aussehen hat mir an ihr gefallen, wie sie gekleidet ist“, erzählt er. Das Kompliment belohnt die 27-jährige Marburgerin spontan mit einer Umarmung. Nachdem er ihr eine Rose überreicht hatte, als Zeichen, dass er sie gerne kennenlernen würde, tauschten die beiden Adressen und Telefonnummern aus.

Andreas ist mit Betreuer Markus Balkenhol von der Hephata-Behindertenhilfe in Treysa gekommen. „Da ist keine dabei“, habe der 32-Jährige am Anfang gesagt, erzählt der Betreuer. Mit sieben Leuten aus dem Umkreis von Treysa ist er heute nach Marburg gekommen. „Ich versuche vorher, die Leute vom Erfolgsdenken wegzubringen“, erklärt er. „Wenn man denkt, ,ich muss unbedingt jemanden finden‘, ist das nicht die beste Voraussetzung, um einen schönen Abend zu haben.“

Christian Bernhard aus Gladenbach ist einer von denen, die heute lieber daneben sitzen. Er tanzt nicht gerne und ihm gefällt keine, erzählt er. Aber er mag die Musik und will wiederkommen. Von aktuellen Charts bis deutscher Schlager ist alles dabei. Viele der rund hundert Gäste haben kaum Möglichkeiten auszugehen, zu tanzen und Leute kennenzulernen. Manche von ihnen gehen nirgendwo ohne persönlichen Assistenten hin, brauchen auf der Toilette Hilfe. Hier kann man auch mit Rollator und Rollstuhl auf die Tanzfläche.

"Wir helfen, Brücken zu bauen"

„Das Wichtigste ist, zu üben, Kontakte anzubahnen, ein nettes Gespräch zu führen“, erklärt Balkenhol. „Ganz wichtig ist der nette Rahmen.“ Jede Single-Party des Marburger Vereins zur Förderung der Inklusion behinderter Menschen e.V. (fib) in der Waldgaststätte Spiegelslust beginnt mit einem gemeinsamen Abendessen. „Dabei haben sie Zeit, anzukommen, mit den Örtlichkeiten vertraut zu werden und zu beobachten“, sagt Balkenhol. Viele fühlten sich unsicher. „Wir helfen, Brücken zu bauen“, erklärt der Betreuer. Dazu gibt es zwei Liebesengel, Inga Brühl und Beate Bender-Rosenstengel vom fib. In Engelskostümen helfen sie dabei, Rosen zu verteilen und Kontakte zu knüpfen.

„Hallo Sonja, das ist der Till“, erklärt Brühl. „Der möchte­ dir gerne eine Rose überreichen.“ Mit einer Handbewegung wischt Sonja das Angebot beiseite. „Wollt ihr vielleicht tanzen?“, fragt Brühl. Die Frau schüttelt den Kopf. „Es ist schon ein Erfolg, wenn sie sich mit jemandem unterhalten haben“, erklärt Balkenhol. Ein Mitarbeiter der Behindertenhilfe habe ihn nach einer Single-Party mal gefragt, was mit einem der Bewohner passiert sei. Nachdem er am Abend Frauen kennengelernt hatte, hatte er zum ersten Mal freiwillig sein Zimmer aufgeräumt. Es sei wichtig, zu lernen, dass es nicht schlimm sei, wenn es nicht am ersten Abend klappe. „Nach den ersten Touren zu den Partys ist die Enttäuschung oft groß, weil die Frau des Lebens nicht dabei war.“ Mit der Zeit seien einige der Männer, die schon öfters mit in Marburg waren, aber gelassener geworden. Fünf von sieben Leuten wird Balkenhol am Ende des Abends vermittelt haben, eine Erfolgsquote wie noch nie. Einer von ihnen sitzt mit einer Frau mit Kurzhaarschnitt zusammen, er hat den Arm um ihre Schultern gelegt. Als er ihr die Rose überreichte, hatten beide Kribbeln im Bauch, erzählen sie. „Getanzt haben wir noch nicht“, erklärt die 36-Jährige. „Wir lassen uns erst mal Zeit.“ Er fügt grinsend hinzu: „Das Beste kommt immer zum Schluss“. Sie kichert.

von Freya Altmüller

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