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Lieber Frühling,

Winter adé Lieber Frühling,

ich rede gar nicht lange um den heißen Brei herum. Ich vermisse dich. Ich weiß gar nicht mehr, wie du schmeckst oder riechst. Wie du dich auf meiner Haut anfühlst, geschweige denn, wie es ist, mit dir Zeit zu verbringen.

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Noch blühen die rund 5000 Primeln, Stiefmütterchen und Hornfeilchen im neuen Gewächshaus des Neuen Botanischen Gartens. Die Auszubildenden Julia Siebert (links) und Laura Schulz bereiten sie schon auf den Umzug ins Freie vor.

Quelle: Thorsten Richter

Du hast dich einfach so aus meinem Leben geschlichen. Hast gesagt, es werden andere kommen. Sommer, Herbst und Winter. Und sie kamen. Der Winter, der ist lange geblieben. Länger als ich dachte. Und länger, als es unserer Beziehung gut getan hat. Irgendwie ist er unterkühlt. Frostig. So unangenehm glatt. Und ja, lieber Frühling, erst seit du nicht mehr in meinem Leben bist, merke ich, dass ich dich vermisse. Ach was, dass ich dich herbeisehne. Selbst das Kitzeln in der Nase, wenn du wieder im Überschwang der Gefühle alles erblühen lässt. Selbst die juckenden Augen, wenn ich dich riechen will, selbst der verbitterte Kampf um einen Sonnenplatz im Straßencafé, wenn ich dich schmecken will.

Weißt du, ich habe sehr dunkle Monate hinter mir. Der Winter und ich - wir haben lange gebraucht, um uns voneinander zu trennen. Um ehrlich zu sein, stecken wir noch mitten in der Trennungsphase. Mit Sonne hat dieser Geizhals mich nicht verwöhnt. 96 Sonnenstunden nur. Kannst du dir das vorstellen? Die anderen Winter, die ich kennengelernt habe, haben im Schnitt 154 Stunden die Sonne für mich scheinen lassen.

Aber, lieber Frühling, ich will mich nicht beklagen. Ich will alles besser machen. Will einen Neuanfang mit dir. Ich habe mit Professor Carsten Konrad über dich gesprochen. Vielleicht erinnerst du dich an ihn. Er ist Facharzt für Psychiatrie. Er sagt, wenn ich wieder Gefühle für dich empfinde, also „Frühlingsgefühle“ verspüre, dann sei das keine Einbildung, sondern einfach eine logische Konsequenz. Es sei ein „Rückgang zum Normalstadium“. „Da erwachen wieder die Lebensgeister“, hat mir Professor Konrad erklärt. Er hat ziemlich klare Worte zum Thema Winter gefunden. „Der Mensch verausgabt sich im Winter nicht, sondern sichert seine Reserven fürs Überleben.“ Kommst du aber wieder ins Spiel, mit all deinem Licht und deinen Farben, dann kehrt auch der Lebensdurst wieder. Dein Licht - ohnehin ein Thema für sich. Ganz schön manipulierend bist du. „Frühlingsgefühle haben auch etwas mit Lichtverhältnissen zu tun. Unser Melatoninhaushalt im Körper wird durch die Lichteinwirkung beeinflusst. Und der wiederum hat Einfluss auf unsere Stimmung.“ Das sagt zumindest der Herr Konrad. Ich gebe zu, lieber Frühling, ich muss sehr irritiert geguckt haben. Melatonin? Professor Konrad hat es mir genauer erklärt. Willst du wissen, was das ist? Klar willst du. Melatonin ist ein Hormon. Eines, das im Zwischenhirn produziert wird und den Tag-Nacht-Rythmus des menschlichen Körpers steuert. Licht hemmt die Produktion dieses Hormons. Der Mensch ist automatisch wacher.

Du, mein lieber Frühling, lässt mich also wacher werden. Irgendwie belebter. Professor Konrad meint, du und ich sollten uns bald mal wieder treffen. Jeden Tag mindestens eine halbe Stunde. Wenn du dann noch die Sonne mitbringen würdest, wäre das wunderbar.

Also, mein guter, alter Freund. Hast du bald noch mal Zeit für mich? Ich freue mich auf gemeinsame Sonnenstunden und verspreche, dass ich dem Winter keine Träne nachtrauere.

Deine Marie

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Der Frühling steht vor der Tür: Das ist gut für die Laune – und fürs Geschäft

Konditormeister  Thomas Klingelhöfer (56): „Ich freue mich nach diesem Winter sehr auf den Frühling. Da verkaufen wir auch das meiste Eis. Der Kunde möchte den Sommer „herbeilutschen“ und die ersten Sonnenstrahlen genießen. Im Frühling sind die Menschen auch zu fruchtigeren Sorten bereit. Wenn man sich im Sommer das einhundertste Eis holt, dann ist das auch schon abgelutscht. Frühlingsgefühle sind für mich, wenn ich zum ersten Mal in der Saison mit dem Segelboot raus fahre und mir denke: „Jetzt liegt eine ganze Saison vor mir.“

Cornelia Exner , Tierschutzbeauftragte der Uni, über „ihre“ Murmeltiere: „Man weiß nicht genau, wie die Murmeltiere merken, dass es Frühling ist. Ursprünglich kommen sie aus den Alpen, wo es auch im März noch eisig ist. Doch auch dort kommen sie um diese Zeit aus ihrem Bau. Die drei letzten Marburger Murmeltiere sind schon zu alt, um sich fortzupflanzen. Sonst würden sie das als allererstes machen. So werden sie erst einmal fressen. Während des Winterschlafs in unserem Winterschlafraum haben sie nämlich 30 Prozent Körpergewicht verloren.“

Jörg Wirth , Inhaber der Gärtnerei Wirth in Neustadt (50): „Endlich ist die trostlose Zeit vorbei, jetzt kommt die schönste Zeit für Gärtner! Wenn ich früh morgens raus gehe, merke ich sofort, dass es Frühling wird. Ich spüre, dass ich lebe, wenn die Vögel zwitschern, dass sich etwas bewegt, wenn die Knospen sprießen. Die Tage werden länger, Schneeglöckchen kommen aus ihrem Versteck. Viele Menschen haben das Gefühl für ihre Umgebung verloren. In der Medienwelt wird man nur berieselt – aber legen Sie sich mal auf den Rasen und riechen an einem Krokus: Das ist das Leben!“

Markus Dörr (41), Geschäftsführer der Bauer Bau und Service GmbH in Marburg: „Für uns im Baugewerbe ist der Winter die schlechte Jahreszeit. Es gibt zwar viele Ausschreibungen, aber solange der Boden gefroren ist, müssen die Leute zu Hause bleiben. Im Frühling geht es dann wieder los und wir hoffen, bald alle wieder beschäftigen zu können. Die Auftragslage, ist ganz gut. Sie war auf jeden Fall schon schlechter. Unser nächstes Großprojekt ist das Biomassezentrum in Stausebach. Ansonsten bauen wir alles Mögliche vom Einfamilienhaus bis zum Fabrikgebäude.“

Wiebke Mügge (24), Medizin-Studentin und (bald) Vespa-Fahrerin: „Frühlingsgefühle werde ich mir in diesem Jahr kaufen. Ein teurer Spaß – aber das ist es mir wert. Ich schaue mich gerade nach einer Vespa um, mit der ich durch Marburg fahren kann. Wenn die Kirschbäume blühen, möchte ich durch das Südviertel kurven. Irgendwie mag ich die Vorstellung. Kitschig. Aber schön. Trotzdem könnte der Winter für mich noch ein bisschen länger dauern. Ich war in den letzten Wochen oft in Winterberg zum Ski fahren. Irgendwie hat doch jede Jahreszeit ihre Vorteile.“

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