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Letzter Aufruf Kassel Airport

Krisenstimmung am Flughafen Calden Letzter Aufruf Kassel Airport

Besuchern am Flughafen Kassel Calden bietet sich derzeit ein tristes Bild. Vor drei Wochen ist dort der letzte Passagierflieger gelandet. Wie es im kommenden Jahr weitergeht, steht noch nicht fest.

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Die Parkplätze am Flughafen Kassel Calden sind meist leer. Bis auf wenige Frachtflugzeuge und private Sonntagsflieger hebt dort gerade gar nichts ab. 

Quelle: Philipp Lauer

Calden. Eine geschlagene Dreiviertelstunde dauert es, bis der Linienbus 100 von Kassel Wilhelmshöhe am Airport Kassel Terminal ankommt. Die letzten Fahrgäste steigen am Caldener Rathaus aus, dann ist der Bus leer. So leer, wie auch der Flughafen die meiste Zeit ist, seit dort vor drei Wochen der letzte Passagierflieger der Fluggesellschaft Germania gelandet ist. Selbst die wöchentlichen Abschiebeflüge soll es nicht mehr geben. Einzig Frachtflugzeuge und private Sonntagsflieger sind noch am Himmel über Calden zu sehen.

Ein Wahlgeschenk der CDU an die Grünen?

Ein Ehepaar aus einer Nachbargemeinde Caldens beschreibt den Zwiespalt, in dem sich die Kasselaner befinden: „Dieser Flughafen ist ein betriebswirtschaftlicher Blödsinn, man hätte auf andere Erfahrungen zurückgreifen sollen“, sagt der Mann, der den Airport nicht für tragbar hält. Seine Frau hingegen ist wehmütig: „In unserer Familie sind schon viele von hier aus geflogen, jeder war begeistert.“ Das Paar selbst hat es noch nicht geschafft, vor der
eigenen Haustür abzuheben. Zuletzt wären sie auf der Rück­reise in Erfurt gelandet und haben deshalb umgebucht. Ob sie zukünftig noch einmal die Möglichkeit erhalten, ab Kassel zu fliegen, hängt auch von der hessischen Landesregierung ab, die zu 68 Prozent Anteilseigner des Flughafens ist.

Laut Koalitionsvertrag zwischen CDU und Grünen wird der hessische Regionalflughafen 2017 einer Neubewertung unterzogen: Der 282 Millionen Euro teure Airport, der unter dem vorigen Ministerpräsidenten Roland Koch beschlossen
und vor gut dreieinhalb Jahren fertiggestellt wurde, sollte die Region Nordhessen stärken.

Doch die EU-Kommission hat beschlossen, die staatlichen Beihilfen für Flughäfen zu kappen, sodass sich Kassel bis spätestens 2024 selbst tragen müsste. Außerdem waren die Grünen schon immer gegen den Flughafen. Manch einer vermutet gar ein Wahlgeschenk der CDU, den Airport in den Ruin zu treiben. „Unter den Anteilseignern des Flughafens herrscht Einigkeit, dass wir uns weiterhin gemeinsam dafür einsetzen, dass sich der Kassel Airport positiv entwickelt und eine Perspektive hat“, entgegnet Finanzminister Dr. Thomas Schäfer. IHK-Präsident Jörg Ludwig Jordan, dessen stellvertretender Hauptgeschäftsführer im Aufsichtsrat sitzt, findet noch deutlichere Worte: „Die Entwicklung des Flughafens benötigt weitere Zeit, eine Herabstufung wäre fatal.“ Deshalb habe die IHK eine Initiative gestartet, über die Jordan aber noch nichts sagen will.

Noch steht die Airport Kassel GmbH unter der Führung von Ralf Schustereder in Verhandlungen mit möglichen Partnern, um den Sommerflugplan zu erweitern. Bisher steht lediglich von Anfang April bis Mitte Juli 2017 zweimal pro Woche ein Flug von und nach Athen auf dem Plan, in beiden Städten findet die Kunstausstellung documenta statt. Außerdem wird es einige wenige Charterflüge geben (siehe unten).

Scheitert der Flughafenbetreiber, hätte das fatale Auswirkungen auf die rund 130 Mitarbeiter, weiß Betriebsratsvorsitzender Matthias Höfer: „Wenn es keine Verkehrsluftfahrt in Kassel mehr geben sollte, wären direkt große Teile des Bereichs Flughafensicherheit, des Check-in, der Information, der Bodenverkehrsdienste und auch Bereiche der Feuerwehr betroffen.“ Die Kommunikation des Unternehmens gegenüber ihren Mitarbeitern sei sehr zurückhaltend, was diesen zusätzlich Sorgen bereite. Zudem gibt es nach Recherchen dieser Zeitung Mitarbeiter mit befristeten Verträgen, einige laufen zu Beginn des nächsten Jahres aus. „Es ist nicht beabsichtigt, Mitarbeiter am Jahresende zu entlassen“, entgegnet der Betreiber.

Aber vielleicht im kommenden Jahr? Denn die Flughafen GmbH will den Frachtverkehr weiter ausbauen. Ein Zeichen, dass die Zeiten des Passagierflugverkehrs bald vorbei sind?

Flughafen Calden
Die Regionalflughäfen sind zur Zeit in aller Munde. In Hahn werden händeringend Geldgeber gesucht, und auch am Flughafen Kassel überschlagen sich die Ereignisse: Nachdem die Fluggesellschaft Germania Kassel nicht mehr anfliegen wird,  herrscht endgültig Krisenstimmung. Im kommenden Jahr will die hessische Landesregierung als Haupt-Anteilseigner den Airport Kassel auf den Prüfstand stellen und schließt dabei keine Maßnahme aus. Hinzu kommen die Ermittlungen gegen Geschäftsführer Ralf Schustereder, dem Veruntreuung und Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz vorgeworfen werden. Einziger Lichtblick: Die Kasselaner wollen ihren Flughafen erhalten und gründen Initiativen.

"Der Flughafen wird totgeredet"

Die Gruppe „Pro Kassel Airport“ hat einen eigenen Reisekatalog herausgebracht und sammelt Unterschriften.

Darüber würde sich Fraport freuen: Seit klar ist, dass die Fluggesellschaft Germania den Airport Kassel nicht mehr anfliegen will, haben sich gleich mehrere Initiativen gegründet, die sich für, und nicht gegen, den Flughafen aussprechen. Statt Klagen über Fluglärm ein klares Bekenntnis. Eine davon ist die Gruppe „Pro Kassel Airport“, die unter anderem aus zwölf Reisebüros aus Kassel und Umgebung besteht. Gemein­sam haben sie einen Katalog mit 16 Reiseangeboten ab Kassel zusammengestellt und sammeln Unterschriften für den Erhalt des Flughafens.

Freundliches Personal, übersichtlich, schnell erreichbar: So beschreiben viele den Flughafen in Calden, die bereits von dort aus geflogen sind und aus der Umgebung kommen. Für die Kasselaner ist es praktisch, einen Flughafen direkt vor der Haustür zu haben – nach Paderborn fahren sie aus Kassel gut 80, nach Frankfurt gar 200 Kilometer. Und weil an dem Regionalflughafen bei Weitem nicht so viel Verkehr herrscht wie in Frankfurt, stört auch der Fluglärm kaum. Was nicht verwunderlich ist, denn in Kassel landet derzeit kein Linienflieger. Hauptsächlich Frachtflugzeuge und private Sonntagsflieger sind am Himmel über Calden zu sehen. „280 Millionen Euro wurden ohne Probleme investiert, aber der Flughafen wurde dann nicht gut vermarktet“, sagt Galerist Stephan Löber, der der Initiative angehört, in Richtung hessische Landesregierung.

Diese will im kommenden Jahr entscheiden, was mit dem Flughafen passiert – eine Herabstufung zum Flugverkehrsplatz ist nicht ausgeschlossen. Aus diesem Grund sammeln die 50 Mitglieder Unterschriften, die an Ministerpräsident Volker Bouffier überreicht werden sollen.

„Für die Region ist der Flughafen ideal, er wird aber totgeredet“, sagt ein Bürger, der die Petition als einer von 1500 Menschen unterschrieben hat. So sehen das auch die Mitglieder der Initiative. „In den Köpfen der Nordhessen hat sich festgesetzt, dass hier nichts mehr fliegt“, glaubt Löber. Um dem entgegenzuwirken, bietet die Gruppe in ihrem Katalog für 2017 überwiegend einwöchige Sonder- und Erlebnisreisen zu Zielen in Südeuropa, der polnischen Ostseeküste, im Ärmelkanal und zu Sonneninseln im Atlantik an. Doch das sei nur ein Teilsegment, sagt Koordinator Michael Siegl. „Die Kunden warten schon auf weitere Angebote mit Linienfliegern, wir können sie bisher nur vertrösten“, sagt Bianca Weitzel vom Tui-Reisecenter. Der Flughafen sei gut gelegen, „der Vorteil ist, dass vier Bundesländer mit den ent­sprechend unterschiedlichen Ferienzeiten bedient werden können“, sagt Siegl. Doch dazu seien ein fester Flugplan und eine solide Fluggesellschaft nötig. All das fehlt derzeit in Calden

von Natascha Groß

Der Flughafenchef soll auf die Anklagebank

von Natascha Groß

 Beim diesjährigen Kirmes-Umzug in Calden blickten die Zuschauer auf einen rosafarbenen Riesen-Penis mit Flügeln. Ein Computer-Hacker, ein Darsteller im Anzug und eine Darstellerin in einem arabisch anmutenden Gewand, dahinter eine Pyramide, komplettierten den Motiv-Wagen. Der Angriff der Erbauer zielte auf den Geschäftsführer des örtlichen Flughafens, Ralf Schuster­eder. Denn dieser hat es nicht nur zu verantworten, dass in diesem Winter kein Linienflieger in Kassel landen wird. Er ist auch wegen Veruntreuung und Verstoß gegen das Aufenthaltsgesetz angezeigt worden, bleibt aber trotzdem bis auf Weiteres im Amt.

Die Vorwürfe hat der in Kassel tätige Rechtsanwalt Bernd Stein zur Anzeige gebracht. Ihm seien entsprechende Unterlagen zugespielt worden, es bestehe hinreichender Verdacht. „Schuster­eder hinterlässt einen großen Scherbenhaufen, da entzündet sich natürlich Volkes Zorn“, sagt der Anwalt über den Motiv­wagen, aber auch über seine persönlichen Beweggründe, den Fall angenommen zu haben.

Seit seiner Zeit als Flughafendirektor in Kairo soll Schustereder eine private Beziehung zu seiner Assistentin gehabt haben. Laut Recherchen von hessenschau.de soll er Flüge für die Geliebte über die Flughafen GmbH Kassel abgerechnet haben. Doch damit nicht genug: Mit offiziellen Einladungsschreiben des Flughafens an Einreisebehörden in Deutschland und Österreich soll Schustereder versucht haben, Reisen der Frau nach
Europa zu erleichtern.

Solche Schreiben von Geschäftspartnern können Nicht-Europäern helfen, um den Reisezweck gegenüber Einreisebehörden glaubhaft zu begründen. Schustereder weist die Vorwürfe zurück und erklärt die Reisen der Ägypterin damit, dass der Arbeitgeber der Frau und der Flughafen ein Austauschprogramm unterhalten, seine ehemalige Assistentin sei beruflich unterwegs gewesen. Die besagte Firma bestreitet dies aller­dings. „Das ist skandalös. Jeder andere hätte gehen müssen, doch Finanzminister Schäfer hält die Hand über ihn“, ärgert sich Stein. Laut Staatsanwaltschaft Kassel dauern die Ermittlungen noch an, noch ist keine Anklage erhoben worden.

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