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Lernen zwischen Handy und PC-Spiel

Neurobiologe zu Gast in Marburg Lernen zwischen Handy und PC-Spiel

Playstation, Handy, Computerspiele - bleibt da im Hirn überhaupt noch Platz zum Lernen? Der Neurobiologe Martin Korte kann beruhigen: Nicht die Medien per se sind schädlich. Entscheidend ist, wie man mit ihnen umgeht.

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Professor Dr. Martin Korte lehrt an der Technischen Universität Braunschweig das Fach Neurobiologie. In der Steinmühle in Marburg stellte er während eines Pädagogischen Abends unter anderem sein Buch „Wie Kinder heute lernen“ vor.

Quelle: Heike Döhn

Marburg. „Das Problem ist das, was man bei zu intensivem Medienkonsum nicht mehr tut“, sagt der Wissenschaftler im OP-Gespräch. Sich mit realen Freunden treffen, Sport treiben, lesen. Computerspiele hätten ein hohes Suchtpotenzial. Und deshalb sei es Sache der Eltern, auf das rechte Maß zu achten. „Man legt ja auch nicht eine 500-Gramm-Schokolade neben sein Kind und erwartet, dass es die nicht aufisst“, erklärt Professor Dr. Martin Korte.

Er ist Professor an der Technischen Universität (TU) Braunschweig und bekannt geworden mit seinem Buch „Wie Kinder heute lernen“. Das Landschulheim Steinmühle hatte den Neurobiologen zum Pädagogischen Abend eingeladen, wo er Eltern und Lehrern einen Einblick in die Funktionsweise des menschlichen Gehirns gab - und in die Möglichkeiten, Kinder beim Lernen zu unterstützen.

Vor- und Nachteile

Ein wichtiges Thema sind in diesem Zusammenhang natürlich die neuen Medien, die die Welt der Kinder von heute stark dominieren. „Das bringt nicht nur Nachteile mit sich“, erläutert Korte im Gespräch. Visuelle und analytische Intelligenz würden gestärkt, dafür leide allerdings die sprachliche Intelligenz. Und das Konzentrationsvermögen sei unterentwickelt, wenn Kinder nur am Computer zocken und nie zum Buch greifen. „Beim Lesen blättert man alle drei Minuten um, mehr passiert nicht“, sagt Korte - das fördere im Gegensatz zum Medien-Multitasking die Fähigkeit zur Konzentration. Medien-Vielnutzer hätten zudem Probleme, sich in andere einzufühlen, „auch die emotionale Intelligenz leidet.“

Lernen, wenn nebenbei Musik läuft und der Blick alle fünf Minuten zum Handy geht - das funktioniert nicht gut. „Das Hirn geht selektiv mit Informationen um, ein Zuviel an Informationen stört das Denken“, erläutert der Neurobiologe. Und es sei ein Trugschluss, dass man Multitasking „trainieren“ könne, so dass man dann doch mehrere Dinge gleichzeitig erfassen könne. Im Gegenteil - das Gehirn verliert dabei zunehmend die Fähigkeit, sich auf die wirklich wichtigen Informationen zu konzentrieren. Es braucht laut Korte etwa 15 Minuten, sich auf eine kognitive Situation einzustellen - hüpft man von einem Gegenstand zum nächsten, kommt es nicht hinterher.

Sechs bis acht Stunden verbringen Zwölfjährige heute im Schnitt in digitalen Welten. Eine solche Intensivnutzung verändert das Gehirn messbar. Eltern sind also gefordert, die Mediennutzung ihrer Kinder in die richtigen Bahnen zu lenken, „das erfordert Rückgrat“, weiß Korte. Aber wie lernt man eigentlich? „Man kann sich ein Fußballfeld vorstellen, auf dem Glühbirnen - das sind die Nervenzellen - miteinander vernetzt sind. Immer, wenn wir etwas lernen, entsteht ein Muster aus miteinander verbundenen Glühbirnen. Und wenn man sich das Gelernte in Erinnerung ruft, leuchtet das gleiche Muster auf.“

Sinnvoll ist es laut Korte, wenn man Dinge in einem Kontext abspeichert - auf die klassische Schülerfrage „Wofür brauche ich das denn überhaupt später mal“, sollten Lehrer deshalb von vorneherein Antworten geben, in dem sie den Unterrichtsstoff in einen nachvollziehbaren Zusammenhang einordnen. „Man sollte mit dem Wissen spielen, das Wissen anwenden“, fordert Korte für den Unterricht.

Positive Lernerfahrungen führen zu weiteren positiven Lernerfahrungen

Lehrer sollten Vorbilder sein: „Kinder lernen, wenn sie den Lehrenden akzeptieren, wenn er authentisch ist, wenn sie persönliche Wertschätzung erfahren“, sagt der Wissenschaftler. Das Gehirn sei viel bereiter, sich voll auf eine Lernsituation einzulassen, wenn es eine reizvolle Aufgabe gestellt bekomme und die Aussicht bestehe, diese auch zu lösen. Positive Lernerfahrungen führen also zu weiteren positiven Lernerfahrungen.

Auch Eltern können ihr Kind unterstützen, indem sie seine Neugier wecken und ihm helfen, Widerstandskraft gegen Niederlagen zu entwickeln. Indem sie genau hinschauen, wann und wie es am besten lernt. Und noch ein paar ganz simple Dinge helfen dem Hirn beim Lernen. Genügend Flüssigkeitszufuhr zum Beispiel. Und Bewegung, denn die sorgt für eine gute Durchblutung und regt die Bildung von Nervenzellen und Synapsen an.

Und was kann man tun, damit das Gelernte nicht bloß bis zur nächsten Klassenarbeit im Kurzzeitgedächtnis abgespeichert wird? „Kurze Lerninhalte, häufige Wiederholung in verschiedenen Kontexten und immer wieder üben“, betont der Professor. Das Gehirn könne man trainieren wie einen Muskel, es könne aber auch genauso erschlaffen, sagt Korte und: „Deshalb bin ich kein Freund der langen Sommerferien.“

von Heike Döhn

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