Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Lernen für ein Leben nach der Flucht

Berufsschule Lernen für ein Leben nach der Flucht

Sie sind jung, haben Schlimmes erlebt und hoffen auf eine bessere Zukunft: 21 Flüchtlinge, die zurzeit an den Beruflichen Schulen Biedenkopf (bsb) unterrichtet werden

Voriger Artikel
Protest gegen Pegida: Marburger planen Demo
Nächster Artikel
OP-Leser wählen Thema des Jahres 2014

Flüchtlinge, Schule, Politik und Wirtschaft im Gespräch: Der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Lahn-Dill, Burghard Loewe (von links), IHK-Präsident Eberhard Flammer, die afghanischen Flüchtlinge Farhad Sultani, Anash Ramin Akbari und Arvin Wali Mohammed Akbari, Berufsschullehrerin Gabriele Lippold und Erster Kreisbeigeordneter Marian Zachow.

Quelle: Björn-Uwe Klein

Biedenkopf. Für die Zukunft, die sie sich wünschen, strengen sie sich mächtig an - ohne die Gewissheit, ob sie überhaupt in Deutschland bleiben dürfen. Der Fleiß der Flüchtlinge, ihre Disziplin und Lernbereitschaft beeindrucken die Lehrer und die Betriebe, in denen ein großer Teil von ihnen in diesem Monat Praktikumserfahrungen gesammelt hat.

Einige haben schon konkrete Zukunftspläne. Ein 17-Jähriger aus Somalia möchte Medizin studieren. „Aber die Sprache ist schwer“, sagt er - und dabei spricht er schon ganz passabel Deutsch. Auch seine Mitschüler haben ohne Vorkenntnisse innerhalb weniger Wochen so gut Deutsch gelernt, dass sie sich bereits über viele Themen unterhalten können.

Deutlich wird das während eines Pressetermins, bei dem die Jugendlichen und jungen Erwachsenen von ihren Praktikumserfahrungen, von ihren Wünschen und Hoffnungen für die Zukunft berichten. Unter den Zuhörern befinden sich neben Journalisten und Lehrern auch Vertreter aus der Wirtschaft sowie der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU).

Begeistert berichten die Schüler von ihren Praktikumstätigkeiten. Apotheke, Altenheim, Kfz-Werkstatt, Computerfachgeschäft, Kunststofftechnik-Unternehmen - das Spektrum an Praktikumsbetrieben ist breit. Ein Flüchtling erzählt von seinen Aufgaben in einer Biedenkopfer Arztpraxis. Er habe unter anderem beim Eingipsen eines Patienten geholfen, sagt der junge Mann, für den klar ist: „Das Praktikum ist sehr gut für mich.“ An die Adresse der Schule gerichtet fügt er an: „Vielen Dank für das Praktikum.“ Dankbarkeit, das empfinden sie alle - egal, ob sie im Altenheim oder einer Apotheke schnuppern, ob im Kunststoffunternehmen, Computerfachgeschäft oder einer Kfz-Werkstatt.

Einige haben früher als Tagelöhner gearbeitet

Einige haben in ihrer Kindheit als Tagelöhner gearbeitet, um das Überleben ihrer Familien zu sichern. Ein Bildungsweg, wie sie ihn jetzt einschlagen, war für viele bislang nur ein Traum. Umso motivierter sind sie nun. Das bekommen auch ihre Lehrer mit. Die Motivation der Flüchtlinge sei außergewöhnlich, sagt Lehrerin Gabriele Lippold. Sie hat in ihrer Klasse 15 Flüchtlinge. Sie kommen überwiegend aus Afghanistan, Somalia und Eritrea, die meisten haben in diesem Monat ein Praktikum gemacht.

„Mit keinem einzigen der Praktikanten haben wir ein Problem“, sagt die Klassenlehrerin. „Ich bin beeindruckt vom Engagement dieser Schülerinnen und Schüler“, betont Angelika Koppers, die Deutsch als Fremdsprache unterrichtet. Und für Schulleiter Karl-Heinz Schneider ist klar: Diesen Menschen soll eine Lebensperspektive geboten werden.

Positive Rückmeldungen gibt es auch aus den Praktikumsbetrieben - zum Beispiel vom Biedenkopfer Kunststofftechnik-Unternehmen Elkamet. Dessen Geschäftsführer Eberhard Flammer, zugleich Präsident der IHK Lahn-Dill, bescheinigt den Flüchtlingen ebenfalls eine hohe Motivation und Kompetenz. Ziel sei es, ihnen Lehrstellen anzubieten, wenn sie die Berufsschule abgeschlossen haben. Ob das im Einzelfall gelingt, ist jeweils vom Aufenthaltsstatus des Flüchtlings abhängig. Eine Arbeitserlaubnis ist Voraussetzung.

Was, wenn Wille und Leistung nicht für Bleiberecht reichen?

Flammer glaubt an das Potenzial dieser Menschen und begreift ihre Aufnahme im Landkreis als „große gegenseitige Chance“: Sowohl für „die Leute, die hierherkommen und Brot, Arbeit und Heimat finden“ als auch für die Region. Denn die sei vom demografischen Wandel betroffen und könne so ihren „geschmälerten Besatz an Arbeitskräften auffüllen“.

Und so hofft der IHK-Präsident, dass die rechtlichen Voraussetzungen für einen Verbleib der Flüchtlinge in Deutschland erreicht werden. Im Bemühen darum sei man übrigens gemeinsam gefordert.

„Sie brauchen einen gesicherten Aufenthaltsstatus“, verdeutlicht der stellvertretende IHK-Hauptgeschäftsführer Burghard Loewe, der den Flüchtlingen Mut macht: „Ihre Sprachkompetenz ist beeindruckend. Es zeigt, dass ein Wollen dahintersteht. Weiter so!“

Was aber, wenn allein der Wille und die Leistungen in der Schule und im Praktikum nicht ausreichen, um ein Bleiberecht zu erhalten? Das ist ein Thema, über das nicht gern gesprochen wird. Das aber stets präsent ist: in Form von Angst. Niemand der Anwesenden kann den Flüchtlingen Gewissheit geben.

Der Erste Kreisbeigeordnete Zachow erklärt, dass ein Asylverfahren durchschnittlich sechs bis sieben Monate dauere. Der Landkreis arbeite an einer Willkommenskultur. In diesen Bemühungen, macht Zachow bildlich deutlich, befinde man sich „auf der Autobahn“. Aber die rechtlichen Rahmenbedingungen erinnerten eher „an einen VW-Käfer, bei dem der Motor stottert“.

„Die absolute Unsicherheit ist eine starke psychische Belastung“, sagt Gabriele Lippold. Und auch für die Betriebe, die auf Arbeitskräfte hoffen, ist diese Situation schwierig. Lippold weiß von einem Fall zu berichten, in dem ein Unternehmen seit einem halben Jahr eine Stelle freihält. Der Interessent, auf den das Unternehmen hofft, habe noch immer kein grünes Licht zum Verbleib in Deutschland erhalten.

Unsicherheit ist immer da: Werde ich bleiben dürfen?

„Was, wenn ich hier nicht bleiben darf?“, fragt ein Schüler aus Somalia. Seine Zukunft sei ihm wichtig, er gebe sich viel Mühe, sei aber bislang - nach etlichen Monaten Aufenthalt in Deutschland - noch nicht einmal angehört worden.

Bei einer Anhörung durch einen Vertreter des Bundesamts für Migration (BAMF) erzählt ein Asylbewerber seine Verfolgungsgeschichte. Die Anhörung ist laut BAMF „Grundlage für die Entscheidung, ob Asyl gewährt werden kann“.

Nur zwei der 21 Flüchtlinge, die die bsb besuchen, sind weiblich. Das sei repräsentativ für das Geschlechterverhältnis der Flüchtlinge insgesamt, sagt Gabriele Lippold. Afghanen und Somalier machen an ihrer Schule den größten Teil der Flüchtlinge aus, weitere Schüler kommen aus Eritrea, einer aus Tschetschenien. Sie leben in verschiedenen Orten im Hinterland und müssen zu ihren Praktikumsstellen teils lange Fahrtzeiten (eine Stunde und mehr) in Kauf nehmen. Ein Grund dafür ist die Residenzpflicht, die den Bereich festlegt, in dem sich Asylsuchende bewegen dürfen. Die Regelungen variierten bislang von Bundesland zu Bundesland. Laut Koalitionsvertrag der Bundesregierung sollen sich Asylbewerber zukünftig nicht mehr nur innerhalb ihres Kreises oder Regierungsbezirks bewegen dürfen, sondern innerhalb des gesamten Bundeslandes, in dem sie gemeldet sind.

Für viele Flüchtlinge im Hinterland bleibt die Situation umständlich. So kann ein Flüchtling, der in Wallau lebt, zwar ohne weiteres ein Praktikum in Marburg antreten, nicht aber im benachbarten Bad Laasphe. Denn dann müsste er die Grenze zu Nordrhein-Westfalen überschreiten.

Eine bezahlte Arbeit aufnehmen kann ein Flüchtling, der sich bereits drei Monate in Deutschland aufhält, nach einer sogenannten „Vorrangprüfung“ durch die Arbeitsagentur. Dabei wird ermittelt, ob eine Stelle anstatt mit einem Asylbewerber auch mit einem Deutschen oder einem EU-Bürger besetzt werden kann. Ein Asylbewerber kann die Stelle nur bekommen, wenn ein Unternehmen nachweist, dass sie für diese keine geeigneten Bewerber aus Deutschland oder der EU finden. Die Vorrangprüfung entfällt in Ausnahmefällen: beispielsweise bei Fachkräften, die eine von der Bundesagentur anerkannte Ausbildung für einen „Engpassberuf“ gelernt haben. Auch wer 15 Monate ununterbrochen geduldet oder mit Aufenthaltsgestattung, in Deutschland bleibt, ist davon ausgenommen.

von Björn-Uwe Klein

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr