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Leise Hoffnung auf ein wenig Fortschritt

Iran Leise Hoffnung auf ein wenig Fortschritt

„Das Regime ist allgegenwärtig“, so beschreibt der Marburger Pädagoge und Rechtsextremismus-Forscher Professor Dr. Benno Hafeneger seine Eindrücke von einer 15-tägigen Studienreise in den Iran.

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Frauen im öffentlichen Raum: Die iranische Gesellschaft hat nach dem Ende der Wirtschaftssanktionen hohen Modernisierungsbedarf.

Quelle: privat

Marburg. „Tod den USA, Tod Israel, Tod der englischen Sprache!“ - solche und ähnliche Losungen sind auf Mauern und Hauswänden von Teheran oft zu lesen, berichtet Hafeneger. Das Land zwischen Euphrat und Tigris wird von einem Mullah-Regime beherrscht, 90 Prozent der Bevölkerung sind Schiiten. In der explosiven Lage des Nahen und Mittleren Osten spielt der Iran als Regionalmacht eine besondere Rolle.

Touristen sind in dem Land nach wie vor eine Seltenheit, das hat mit dem Embargo gegen den Iran zu tun, aber auch mit unzureichenden Hotelkapazitäten. Der Marburger Forscher hat den Iran als einer durchkontrolliertes Regime kennengelernt. In jeder größeren Stadt findet sich eine „Straße der Märtyrer“ in Erinnerung an den iranisch-Irakischen Krieg. Mobilisierbare Schlägertrupps schüchtern nach wie vor die Menschen ein. Für die Studiengruppe war es deswegen schwer, Kontakte zu knüpfen, berichtet Hafeneger der OP. Aber: „Viele wollten mit uns reden.“

Polizei und Militär sieht man kaum auf den Straßen der Großstädte. „Kontrolle des öffentlichen Lebens läuft über den Geheimdienst“, sagt Hafeneger.

Nach dem Atomabkommen mit den UN und dem Rückbau der iranischen Atomanlagen sind die Sanktionen  gegen den Iran am Wochenende aufgehoben worden. Schon vorher, so berichtet Hafeneger, gaben sich aber Wirtschaftsvertreter aus dem Westen im Iran die Klinke in die Hand. „Der Iran ist für viele Unternehmen ein interessanter Markt.“

Dabei hat die Gesellschaft hohen Modernisierungsbedarf, so Hafeneger. Das mache sich vor allem am Frauenbild der iranischen Gesellschaft bemerkbar. Auf den Straßen herrscht Kopftuchzwang, der vom Geheimdienst, den Pashdaran, beobachtet und kontrolliert wird. „Die meisten Frauen laufen im schwarzen Tschador  (Ganzkörperschleier) durch die Straßen“, sagt Hafeneger. „Da weiß man nicht, ob eine 15-Jährige oder eine 80-Jährige dahintersteckt.“ Ideologisch wird dies begleitet von Aussagen wie jener des Mullahs von Isfahan, der fordert, Männer müssten ihre Frauen ernähren, oder der Kampagne der Regierung, die fordert „Wir müssen 150 Millionen Iraner werden.“

Viele hoffen auf einen Umbruch nach dem Ende der Handelssanktionen, aber kaum jemand, so Hafeneger, hat die Illusion, dass es schnell geht.

Mehr junge Frauen als Männer studieren

„Der Fortschritt ist in Zentimetern freier Frauenhaut pro Saison zu messen“, schrieb die „FAZ“ dieser Tage.  Dabei handelt es sich, so Hafeneger, um eine junge Gesellschaft im Iran. Die Studierendenquote ist hoch, wobei mehr junge Frauen als Männer studieren. Den Mullahs passt dies offenbar nicht, jüngst erst wurden Studiengänge für Frauen geschlossen, berichtet der Erziehungswissenschaftler. Dass es sehr wohl unter Frauen ein Schönheitsbewusstsein gibt, macht der Marburger daran fest: „Ich habe während meiner Reisen nie so viele Frauen mit einem Nasenpflaster gesehen.“  Hintergrund: Unter iranischen Frauen sind Nasenhöcker weit verbreitet, sie werden als unschön empfunden und in großer Zahl wegoperiert.

Wie groß der Druck nach und die Hoffnung auf Veränderung in dieser Gesellschaft ist, ist schwer zu sagen. Es gibt keine öffentliche Kultur in den großen Städten: keine Kneipen, keine Theater, keine Discos. Jugendforscher Hafeneger bilanziert: „Jugendleben findet öffentlich nicht statt, und es gibt keine Räume für die Anknüpfung von Geschlechterbeziehungen.“

Im öffentlichen Raum ist keine Armut zu erkennen, gelegentlich aber unermesslicher Reichtum. Die wohlhabenderen Teheraner lieben es, an Wochenenden in den riesigen Parkanlagen in der Nähe des früheren Schah-Palastes hoch über Teheran zu flanieren.

von Till Conrad

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