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Leidenschaft für 180 Gramm Musik

Record Store Day Leidenschaft für 180 Gramm Musik

Vinyl ist in. Die Verkaufszahlen steigen konstant. Aber was ist das Besondere an der altertümlich anmutenden PVC-Scheibe? Die OP hat sich am „Record-Store-Day“ im Plattenladen umgehört.

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Die Bandkollegen Martin Wiercioch (links) und Martin Meyer sind echte Vinyl-Fans und freuen sich jedes Jahr aufs Neue auf den Record Store Day.

Quelle: Philipp Lauer

Marburg. Für echte Vinyl-Fans geht es um mehr, als das bloße Hörerlebnis. In einer Zeit, in der die Lieblingssongs in sekundenschnelle durch ein paar Klicks am Computer verfügbar sind, bekommt Musik wieder etwas Sinnliches. Vorsichtig wird die 180 Gramm schwere PVC-Scheibe aus der oft aufwendig gestalteten Plattenhülle genommen. Behutsam kommt sie dann auf den Plattenteller. Wenn die Nadel dann die Ton-Rille berührt und das Knistern die Lautsprecher verlässt, geht jedem Vinyl-Liebhaber das Herz auf.

Schallplatten sind Lebensgefühl. Rund 1,8 Millionen Exemplare hat die Musikindustrie im vergangenen Jahr verkauft. Der Umsatz der kreisrunden Polyvinylchlorid-Scheiben ist damit 2014 um 27 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Das letzte Mal, dass so viele Platten verkauft wurden, war im Jahr 1992.

"Qualität nicht mit MP3s oder CDs vergleichbar"

Aber was macht denn nun den besonderen Reiz aus? Die OP hat sich zum „Record Store Day“ (siehe Hintergrundkasten) im „Music Attack“ am Marburger Steinweg umgehört. Was sagen die Kunden?

Die Bandkollegen Martin Meyer und Martin Wiercioch freuen sich jedes Jahr auf den Record Store Day. Meyer hatte sich vorab informiert, welche Platten dieses Jahr im Angebot sind und erklärt seine Leidenschaft für die klassischen Tonträger: „Als Musiker bin ich ein wenig empfindlicher, was die Klänge angeht. Die Qualität kann man mit CDs oder MP3s nicht vergleichen.“ Wiercioch hakt ein: „Mir gefällt auch das handhaberische Drumherum und die schönen Cover.“ Am Anfang ihrer Sammelleidenschaft hatten die beiden noch überhaupt keinen Plattenspieler. „Mein erstes Album war ein Klassiker: Animals von Pink Floyd“, erzählt Wiercioch, der eine exklusiv für den Record Store Day erscheinende Platte bestellt hat. Dazu hatte er sich in die Liste eingetragen, die gut anderthalb Monate im Voraus im Laden auslag.

Die Raritäten sind gefragt

Verkäufer Mario Schmitt musste ihn am RSD enttäuschen, die Bestellung kam nicht rechtzeitig an: „Die Nachfrage nach den limitierten Auflagen ist sehr groß, sodass man nicht immer alles kriegt.“ Zwei große Kisten exklusiver Alben und Singles standen am Samstag auf dem Tresen, teilweise Vorabveröffentlichungen, Ausgaben mit alternativen Cover-Designs oder Pic­ture-Discs, also bunt bedruckte Scheiben. Der Andrang im Laden war laut Schmitt doppelt bis dreimal so groß wie üblich.
Melanie Seitter und Adam Radwan waren eher zufällig unter den Kunden. Trotz ihres jungen Alters von 18 und 19 Jahren sind die beiden Nostalgiker und suchen in der Second-Hand-Abteilung nach Alben ihrer Lieblingsbands. „Manchmal kaufe ich mir sogar Platten, die ich schon auf CD habe. Ich mag den Klang, auch wenn es zwischendurch mal knackt“, erklärt Radwan.

Kritische Stimmen zum RSD

Aber es gibt nicht nur positive Stimmen zum „Record Store Day“. Zwischen den übrigen Kunden schaut sich auch Matthias Stemme um. Er ist Sammler aus Leidenschaft. Wie viel Platten der Familienvater besitzt, kann er nicht genau sagen: „Es werden schon so um die 1 000 sein, dazu noch etwa 5 000 CDs“. An diesem Tag hat ihn der Zufall in den Laden am Steinweg verschlagen. Den RSD beäugt Stemme eher kritisch. An sich sei die ursprüngliche Intention – Kunden in die Plattenläden zu locken – durchaus nachvollziehbar. Mittlerweile habe sich der Tag jedoch zu einem Event gewandelt, bei dem nur die „wirklich guten Kunden“ profitieren.

Stemme spielt damit auf den Umstand an, dass die Plattensammler sich in Listen eintragen müssen, um eventuell eine der besonders raren Schallplatten zu ergattern, die extra für diesen Tag produziert werden. „Das geht sogar soweit, dass man manchmal keine Chance hat auf eine Platte, die an diesem Tag eigentlich kostenlos verteilt wird“, sagt Stemme und erinnert sich dabei an eine Anfrage in einem Berliner Plattenladen. „Da bekam ich dann zu hören, dass nur die Stammkundschaft von diesem Angebot profitieren würde“.

Martin Meyer ist sein Hörgenuss den häufig höheren Preis wert. „Und am Record Store Day geben die Bands und die Industrie dem Hörer etwas zurück“, freut sich der Marburger Student.

von Dennis Siepmann und Philipp Lauer

Record Store Day
Der internationale Record Store Day (RSD) findet jedes Jahr am dritten Samstag im April statt. 2007 wurde der erste RSD in den USA begangen, um die Plattenläden-Kultur zu unterstützen. Der RSD ist der einzige Tag im Jahr, an dem die unabhängigen Plattenläden ihren Kunden weltweit und zeitgleich ganz besonders hochwertige und seltene Musikveröffentlichungen und Specials anbieten. Manche Produkte (Sonderauflagen, Platten mit begrenzter Stückzahl, unveröffentlichte B-Seiten und vieles mehr) werden nur für diesen einen Tag gepresst. Hunderte Bands und Künstler sind an diesem Tag in den Musik-Läden unterwegs und locken mit ihren Auftritten.
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