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Lehrer protestieren gegen Stellenkürzung

Schulen Lehrer protestieren gegen Stellenkürzung

Schulleiter der Schulen mit gymnasialer Oberstufe trauten ihren Augen kaum, als sie aus dem Kultusministerium die Zuweisungszahlen für das kommende Schuljahr erfuhren.

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Einen erhöhten Bedarf an „Deutschfördermaßnahmen“ nennt das Kultusministerium unter anderem als Grund für die reduzierte
Stellenzuweisung an die gymnasialen Oberstufen.

Quelle: Waltraud Grubitzsch

Marburg. Die Zuweisung von Lehrerstunden für die Grundversorgung der gymnasialen Oberstufe soll mit dem nächsten Schuljahr beginnend und in den darauf folgenden Jahren zusätzlich gekürzt werden, beklagen Schulleiter - in Prozenten ausgedrückt verlören die Schulen in der Einführungsphase im kommenden Schuljahr 7,8 Prozent der Lehrerstunden, ab dem Schuljahr 2016/17 und erneut 2017/2018 jeweils weitere 4,4 Prozent für die Qualifikationsphasen.

Bei gleichmäßigen Jahrgangsbreiten in der Oberstufe führe dies letztlich ab 2017/18 zu einer verringerten Zuweisung gegenüber heute von 5,6 Prozent. So schildert es Matthias Bosse, Schulleiter der Alfred-Wegener-Schule in Kirchhain, Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe und zugleich die größte Schule im Landkreis. „Das bedeutet für eine Schule wie die Alfred-Wegener-Schule eine Minderversorgung mit 17 Lehrerstunden - das ist etwas mehr als eine halbe Stelle“, erklärt Bosse und zeigt die Konsequenz auf. „Einige Kurse müssen größer werden, andere können gar nicht erst stattfinden.“

Bosse vertritt die heimischen Gymnasien im hessenweiten Arbeitskreis „Bildungsfaktor Abitur“ und fühlt sich berufen, den Sachverhalt auch im Namen aller Oberstufen des Kreises darzulegen. Darüber hinaus prangert er weitere Kürzungen an. „In den Grundschulen werden die Förderstunden minimiert, indem man ihre Anzahl nunmehr an die Klassengröße koppelt“, sagt der Schulleiter und spricht von einer Reduzierung von 1,5 Stunden pro Klasse.

Bosse empfindet die Ankündigung des Kultusministeriums als Wortbruch. Das Ministerium habe seinerzeit die Zuweisung von Lehrerstunden auf 105 Prozent erhöht - Kultusminister Lorz habe mehrfach öffentlich versprochen, für die Dauer der Legislaturperiode an der 105-Prozent-Versorgung festzuhalten. „Rechnerisch korrigiert um einen Sozialindex kamen bei den meisten Schulen 104 Prozent an“, erläutert Bosse und ergänzt, dass gleichzeitig Sonderzuweisungen gekürzt worden seien, etwa für Schulen mit einem besonderen Schwerpunkt.

105-Prozent-Regelung: eine „Mogelpackung“

Der Arbeitskreis „Bildungsfaktor Abitur“ bezeichnet die 105-Prozent-Regelung deshalb als „Mogelpackung“, Bosse erkennt an, dass „keine Schule weniger Stunden erhielt als vor der Neuregelung“. Wenn jedoch die Berechnungsfaktoren wie geplant verändert würden, entsprächen die 104 Prozent für die Oberstufen nur noch einer realen Versorgung mit 98 Prozent der jetzigen Lehrerstunden, heißt es aus dem Arbeitskreis der gymnasialen Oberstufen. Auf Anfrage der OP begründet Stefan Löwer, Pressesprecher des Kultusministeriums, die Kürzungen an den Gymnasien damit, dass zusätzliche Stellen entstehen sollen: für Ganztagsschulen (bis zu 230 Stellen), Inklusion (plus 100 Stellen), für Deutsch-Fördermaßnahmen (plus 210) und aufgrund des Sozialindex (plus 60 Stellen), der Belastungen an sogenannten Brennpunktschulen beschreibt.

Die Kürzung der Förderstunden an den Grundschulen begründet der Pressesprecher damit, dass „durchschnittliche Klassengrößen im Vergleich zwischen Ballungsräumen und ländlichen Regionen immer stärker voneinander abweichen“.

„Mit der Staffelung der Zuschläge zum Grundunterricht wird dem unterschiedlichen Differenzierungsbedarf Rechnung getragen“, führt Löwer aus. Hinsichtlich der Verteilung von Stellen müssten Prioritäten gesetzt werden, „um die großen Herausforderungen für die hessischen Schulen in den kommenden Jahren zu meistern“, erklärt Löwer und verweist darauf, dass es bei der konstant hohen Zahl von 50000 Lehrerstellen in Hessen bleibe.

Lehrer halten breites Kursangebot für gefährdet

Die Lehrer sehen das anders. Das Kultusministerium schaffe eine unproduktive Konkurrenz zwischen Reformnotwendigkeiten auf der einen und der Grundversorgung der Schulen auf der anderen Seite. Denn alle zusätzlichen Herausforderungen im Bildungssystem würden ausschließlich zu Lasten der bestehenden Ressourcen organisiert. „Schulfrieden stellt man sich anders vor“, schreibt Monika Schmidt-Dietrich, Sprecherin des Landesvorstands von „Bildungsfaktor Abitur“ und sagt wie Bosse voraus, dass das Kursangebot an den Gymnasien bedroht ist. „Das wird vor allem die Fächer betreffen, in die sich erfahrungsgemäß nicht so viele Schülerinnen und Schüler einwählen: die naturwissenschaftlichen Fächer wie Physik, Chemie und Informatik und die sprachlichen Fächer Französisch, Spanisch, Italienisch und Latein. Damit wird die Qualität des gymnasialen Angebots deutlich herabgesetzt, vor allem in ländlichen Regionen, in denen einzelne Schulen oft das einzige gymnasiale Angebot bereithalten müssen.“

Die GEW-Fraktion im Gesamtpersonalrat der Lehrerinnen und Lehrer beim Staatlichen Schulamt für den Landkreis reagiert mit Protest und wendet sich in einer Resolution ans Kultusministerium und die Fraktionen im Landtag. Die Forderung: Keine Kürzung der Zuweisung in der Oberstufe und an den Grundschulen.

Neue und zusätzliche Angebote müssten durch Stellenausweitungen und Neueinstellungen abgedeckt werden - Defizite in der Stellenzuweisung, etwa für Inklusion, dürften nicht durch Verschlechterung der Arbeitsbedingungen in anderen Arbeitsfeldern bezahlt werden.

von Carina Becker

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