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"Lebenswirklichkeiten erkennen"

Papst-Fragebogen "Lebenswirklichkeiten erkennen"

Papst Franziskus hat seit seinem Amtsantritt bereits für einige Bewegung im Vatikan gesorgt. Kürzlich sorgte ein Fragebogen für Aufsehen, der "Lebenswirklichkeiten" erkennt, findet Dechant Franz Langstein.

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Papst Franziskus winkt bei seinem ersten öffentlichen Auftritt im Vatikan vom Balkon des Petersdoms.Foto: Ettore Ferrari

Quelle: Ettore Ferrari

Marburg. Der Vorsitzende des katholischen Dekanates Marburg-Amöneburg zeigt sich erfreut über die Umfrage, die der neue Papst in Vorbereitung auf eine außerordentliche Bischofssynode im Oktober 2014 unter den Gläubigen durchführen lässt. „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“ lautet das Thema, das Franziskus in den Mittelpunkt der Diskussion stellen will. Somit werden auch heikle Themen wie „wilde Ehe“, gleichgeschlechtliche Partnerschaften oder Zweitverheiratungen angesprochen und die Kluft zwischen der kirchlichen Lehre sowie der tatsächlichen Situation bei Bevölkerung und Gläubigen erörtert.

Die Fragebögen, die über die Bistümer an die Kirchengemeinden weitergegeben wurden, sollen dann als „Arbeitsinstrumente“ bei der außerordentlichen Vollversammlung der Bischöfe dienen. Der Papst scheint sich angesichts dieser Befragung bewusst zu sein, dass einige Auffassungen der katholischen Kirche über Partnerschaft und sittliches Zusammenleben an der Basis auf wenig Verständnis stoßen. „Von einem großen Teil der Bevölkerung ist die Lehre inzwischen ohnehin weit entfernt“, sagt auch Langstein. Viel schlimmer sei es aber, „wenn der Papst Positionen vertritt, die auch die gläubigen Katholiken nicht teilen“. Daher sei es begrüßenswert und ein echter Fortschritt, „dass es jetzt so einen Fragebogen überhaupt gibt“. Anhand dessen sei zu erkennen, dass „man nun beginnt, andere Lebensformen wahrzunehmen“ und sie nicht gleich als unchristlich abstempele. Zu sehen sei dies unter anderem bei einigen Formulierungen in dem Fragebogen, wo etwa die Rede von „irregulären“ Familiensituationen sei. Zunächst klinge dies wie eine negative Bewertung, erläutert Langstein, doch wenn man es aus der theologischen Sprache heraus betrachte, sei dies nicht der Fall. Zuvor sei in offiziellen Verlautbarungen immer von „sündigen Situationen“ gesprochen worden, wohingegen die Bezeichnung „irregulär“ ein deutlicher Fortschritt sei. Dies sei ein Begriff ohne Wertung und beschreibe nur, dass es um Partnerschaften gehe, die nicht dem traditionellen Verständnis von der Familie entsprächen.

Langstein begrüßt die Wahrnehmung dieser „Lebenswirklichkeiten“ und die Befragung der Kirchenmitglieder durch den Vatikan. Persönlich äußern möchte er sich zu einzelnen Positionen jedoch nicht. Der Pfarrer der St.Johannes-Gemeinde, der sich selbst als „kirchentreu aber liberal“ bezeichnet, möchte nicht von oben herab urteilen wie Gläubige über gewisse Punkte der Lehre denken. Zudem erschlössen sich ihm auch nicht alle Fragen sofort, gibt er zu. „Ich kann doch nicht wissen, wie zum Beispiel einzelne Ehepaare zur Pille stehen“, sagt er. Auch die kirchliche Ablehnung des Verhütungsmittels ist Thema des Fragebogens.

„In unserer Kirche ist jeder willkommen“

Zwar glaubt er, dass dies vom damaligen Papst „über die Köpfe von vielen Menschen hinweg entschieden“ worden sei, doch mit dem aktuellen Pontifex sei auch in der öffentlichen Wahrnehmung eine Wende erkennbar. Die zwischen Lehre und Praxis klaffende Lücke werde „allmählich wieder geschlossen“, glaubt er. Daher sei es umso ärgerlicher, wenn Skandale, wie der um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst das positiver werdende Bild wieder zerstörten. „Das was Tebartz-van Elst gemacht hat, kann ich natürlich auch nicht gutheißen“, sagt Langstein zwar, „aber zum Teil findet da auch eine mediale Hetzjagd statt“. Kirchenaustritte, denkt er, seien nicht in erster Linie durch Tebartz-van Elst verursacht. Die Menschen seien schon viel früher nicht mehr mit der Kirche einverstanden gewesen und der Bischof sei für sie „nur der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat“. Dennoch sei es „natürlich frustrierend“, wenn gute Arbeit vor Ort auf diese Weise überlagert werde.

„In unserer Kirche ist jeder willkommen“, betont Langstein und ist dennoch der Meinung, dass „Familien in unserer Gesellschaft oft zu kurz kommen“.Es sei etwa kein Geheimnis, dass für Kinder beispielsweise beide Eltern, also Mutter und Vater, wichtig seien. Von daher müsse man „die kirchliche Lehre dahingehend gar nicht mehr so extrem betonen“.

von Peter Gassner

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