Volltextsuche über das Angebot:

6 ° / 2 ° Schneeregen

Navigation:
Leben in Gemeinschaft und doch selbstständig

Wohnen Leben in Gemeinschaft und doch selbstständig

In allen Gremien wird der Bedarf an bezahlbarenaltersgerechten Wohnungen diskutiert. Die OP besuchte eine Seniorin, die eine solche ergattert hat.

Voriger Artikel
Ärzte warnen vor Selbstdiagnose
Nächster Artikel
Gericht verurteilt Spielhallen-Räuber

Elli Flinzner.Foto: Gesternmaier

Marburg. „Ich wohne hier wie im Paradies“, sagt Elli Flinzner. „Hier muss ich kein Treppenhaus putzen, keinen Schnee schaufeln und wenn mal eine Lampe nicht funktioniert, kann ich den Hausmeister rufen.“

Trotz des großen Andrangs hat es die 76-Jährige geschafft, eine der 95 Seniorenwohnungen der Dr. Wolffschen Stiftung in Ockershausen zu mieten. Vor zwei Jahren ist sie aus Dillenburg dorthin gezogen, weil ihre Tochter in Marburg wohnt. Sie schätzt die billigen Wohnungspreise, die ebenerdige Lage, die Nähe zu den Einkaufsmöglichkeiten, die gute Busanbindung in die Stadt und vor allem auch die Gemeinschaft im Haus.

Für 320 Euro im Monat bewohnt sie 49 Quadratmeter, verteilt auf zwei Zimmer, Küche und Bad.

„Alleinstehende, die nicht mehr so können, wohnen hier sehr gut“, sagt die Seniorin, die in ihrer Freizeit gerne strickt. Man sei im Haus wie eine große Familie, immer mittwochs trifft man sich zum Kaffeetrinken und Plaudern.

Nachdem ihr Mann gestorben war, lebte sie noch acht Jahre allein in Dillenburg, bevor ihre Tochter sie bei der Dr. Wolffschen Stiftung anmeldete. Nach einem halben Jahr Wartezeit konnte sie einziehen. Damit hat sie Glück gehabt. Bei den Wohnungen gibt es nämlich fast keine Bewohnerwechsel, wie Verwaltungsleiter Thomas Müller erzählt. Zu 95 Prozent werden die Wohnungen aufgrund von Krankheit oder im Todesfall gekündigt. 120 Personen stünden derzeit auf der Warteliste.

Per testamentlicher Verfügung hatte der fürstliche Leibarzt und Professor der Medizin Dr. Johannes Wolff vor mehr als 400 Jahre erlassen, sein gesamtes Vermögen einer Stiftung zukommen zu lassen, die sozial schwächer gestellten Menschen ein Altern in Würde ermöglichen sollte. Was als Gutshof, auf dem die bedürftigen Bewohner mitversorgt wurden, begann, nennt sich heute Betreutes Wohnen. Einziehen kann, wer einen Wohnberechtigungsschein vorlegt und ein Alter von 60 Jahren erreicht hat. Vorraussetzung zum Einzug ist außerdem die Bereitschaft zu einer selbstständigen Lebensführung, denn Betreuung besteht lediglich in einem Hausmeisterservice, der Reinigung der Treppenhäuser und der Bereitstellung kostenpflichtiger Zusatzangebote, wie einem Mittagstisch.

Dass die Nachfrage bei der Dr. Wolffschen Stiftung so groß ist, ist kein Wunder. Beim Thema Wohnen im Alter sei die Topografie Marburgs ein zentrales Problem, sagt Ulrike Lux vom Fachbereich Arbeit, Soziales und Wohnen der Stadt. Die Bebauungssituation Marburgs sei so, dass es einerseits einen Bestand an Mietwohnungen gebe, der außerhalb der Kernstadt an den Hängen vorzufinden sei, andererseits auch Einfamilienhäuser, die oft zweistöckig sind. Beides werde im Alter oft zum Problem.

„Mit der Wohnraumanpassung tun wir uns hier in Marburg aber ein bisschen schwer. Es ist schwierig Ansatzpunkte zu finden.“ Trotzdem gehe der Trend hin zum Verbleib in der eigenen Wohnung. Das sei oberstes Ziel für die Altenplanung. Was die Wohnungen der Dr. Wolffschen Stiftung zusätzlich attraktiv macht, ist die Art des Wohnens als Zwischenform. „Von der privaten Wohnung, über alle Bausteine dazwischen, bis hin zum Heim ist alles wichtig“, sagt Petra Engel, zuständig für die Altenplanung der Stadt. An den Zwischenstufen fehle es besonders, die wären zu entwickeln, so Engel.

„Ich ziehe nicht noch mal um“; sagt Elli Flinzner. „Ich bleibe hier drin, bis ich nicht mehr klar denken kann.“

von Kristina Gerstenmaier

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Marburg

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr