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"Leben im Zeitalter der Killerroboter"

Ex-Spion berichtet "Leben im Zeitalter der Killerroboter"

Die Marburger DKP hatte Rainer Rupp, der als "Topas" für den Auslandsgeheimdienst der DDR spioniert hatte, ins Technologie- und Tagungszentrum (TTZ) eingeladen.

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Marburg. Der Wintergarten des TTZ war wegen des großen Interesses bereits vor der Veranstaltung zum Thema „Drohnenkrieg und Cyberwar“ überfüllt, Tische mussten hinaus getragen werden, damit die mehr als 150 Menschen einen Platz fanden.

Rainer Rupp setzte sich in seinem Vortrag vor allem mit dem Einsatz von Drohnen durch die USA auseinander, die seiner Ansicht nach mit diesen eine Vielzahl unschuldiger Menschen töten. „Es schlägt täglich zu, getötet wird auf bloßen Verdacht hin.“ Drohnen hätten gegenüber Kampfflugzeugen die Vorteile, dass sie enger manövrieren könnten, als mit einem menschlichen Piloten, sowie länger in der Luft bleiben könnten, so Rupp. Zum Einsatz kämen sie heute fast täglich, tausende von „außergerichtlichen Tötungen“ mutmaßlicher Terroristen gebe es. Es dürfe ohnehin nicht sein, dass Menschen einfach getötet würden, wie es die USA täten, so Rupp, hinzu käme aber, dass, anders als von diesen dargestellt, eben nicht nur schuldige Terroristen exekutiert würden. Und das habe mehrere Gründe. Die „Piloten der Drohnen“ säßen in einem Büro am anderen Ende der Welt.

Die Überwachungsmaschinerie der amerikanischen Geheimdienste könnten beispielsweise, wenn jemand ein Mobiltelefon nutzt, über Spracherkennung feststellen, wo sich der Verdächtige aufhalte. Der Computer gebe dies sofort weiter und es könne gehandelt werden. Allerdings würden trotzdem einige Sekunden vergehen. „Und Sie wissen, wie weit man in 20 Sekunden laufen kann.“

Verdächtige „mit Rakete ins Jenseits geschickt“

Dann könnten andere getroffen werden. Hinzu komme, dass der Sprachabgleich nicht auf Daten aus einem Studio, sondern oft auf schlechten Telefonverbindungen basiere, eine Sicherheit, dass der Richtige getroffen werde, gebe es also nicht. Rupp erinnerte daran, dass ein großer Teil der als Terroristen in Guantanamo Inhaftierten sich später als unschuldig herausgestellt hätten. Selbst wenn eine Identifizierung eines Terrorverdächtigen gelingt, sei also nicht gewährleistet, dass dieser schuldig sei, er gehe von ähnlich hohen Zahlen von Irrtümern aus, so Rupp. Es werde vorbeugend getötet, dabei reiche es, dass es möglich sei, jemand führe etwas im Schilde.

Es werde auch nicht mehr versucht, Verdächtiger habhaft zu werden, kritisierte Rupp. „Die werden heute alle mit einer Rakete ins Jenseits geschickt.“ Namen kämen auf den Listen nicht mehr vor, „es reicht, wenn der Computer grünes Licht gibt.“ Besonders makaber sei es, dass vermehrt ganze Hochzeitsgesellschaften getroffen würden, und das nur, weil es in Afghanistan üblich sei, zu diesem Anlass in die Luft zu schießen.

Abschließend wies Rupp darauf hin, dass es inzwischen einen globalen Markt für Drohnen gebe, die immer weiter entwickelt würden. „Wir leben im Zeitalter der Killerroboter.“ Neben den USA sei unter anderem auch Israel für gezielte Tötungen verantwortlich. Und immer mehr Staaten seien interessiert. Die UN-Charta ächte den Angriffskrieg, so Rupp. Deshalb sei es gleich, ob mit einer Drohne oder einem Messer gemordet werde, es sei immer verwerflich. In einem regulärem Krieg, so räumte er ein, seien Drohnen allerdings ein unproblematisches Mittel, Tatsache sei es, dass sie beispielsweise bei der Sprengung einer Brücke sicherlich zu weniger zivilen Opfern führen würden, als herkömmliche Waffentechnik.

von Heiko Krause

Hintergrund:

Die Enthüllungen der flächendeckenden digitalen Überwachung seitens des US-Geheimdienstes NSA (National Security Agency) gehen auf deren Ex-Mitarbeiter Edward Snowden zurück. Dieser veröffentlichte vor Kurzem in der britischen Tageszeitung „Guardian“ Beweise für die staatlichen Datensammlungen. Daraufhin entbrannte eine Debatte um Grenzen von Spionage sowie die Kontrolle von Geheimdiensten.

Im Blickpunkt:

Unter dem Decknamen „Topas“ hatte Rainer Rupp, geboren 1945, jahrelang geheime NATO-Daten an den DDR-Auslandsgeheimdienst geliefert. Nach dem Ende des kalten Krieges flog er auf und wurde verurteilt. Heute arbeitet Rupp als kritischer politischer Publizist unter anderem für das „Neue Deutschland“.

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