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Ein Plädoyer für das Leben

Lauras Wunsch

Viele unserer täglichen Probleme sind klein und unbedeutend: Das Knöllchen an der Windschutzscheibe oder der Gang zum Zahnarzt. Dies ist die Geschichte einer jungen Frau, die uns daran erinnern soll, wie kurz und kostbar das Leben ist.
„Ich liebe die Natur“, sagt Laura Wunsch. Gerne verbringt sie Zeit zwischen Blumen und Bäumen vor dem St. Elisabeth Hospiz.

„Ich liebe die Natur“, sagt Laura Wunsch. Gerne verbringt sie Zeit zwischen Blumen und Bäumen vor dem St. Elisabeth Hospiz.

© Dennis Siepmann

Marburg. Sie schaut über ihren Laptop, der auf dem rollbaren Schränkchen an ihrem Bett steht, hinweg durch die Scheibe auf die bunt beblätterten Bäume. Auf der Fensterbank hat sie Futter für die Vögel ausgelegt. Sie mag alles, was lebt. Laura Wunsch ist 27 Jahre alt und wird bald sterben.

„Ich habe lieber Klarheiten, als unwissend vor mich hin zu dümpeln“

Deswegen ist sie hier. „Du kannst froh sein, wenn du Weihnachten noch erlebst“, hat man ihr im Krankenhaus gesagt. Seit drei Wochen ist sie nun im St. Elisabeth-Hospiz in Marburg. Sie hat das kleine Zimmer links am Ende des Flurs.
Am liebsten ist Laura draußen. Von ihr stammen die leuchtenden Kreidebilder auf der Straße vor dem Eingang. Eine Schildkröte, ein Vogel, ein Tintenfisch – die Tiere strahlen in grellen Farbtönen, die Laura selbst nicht mehr sehen kann.

Die Dosen mit der Sprühkreide stehen nun aufgereiht am Fußende ihres Bettes. „Ich habe lieber Fakten, Klarheiten, als unwissend vor mich hin zu dümpeln“, sagt sie. Fakt ist: Der Tumor in ihrem Kopf ist bösartig. Laura hätte auch allen Grund, böse zu sein. Doch sie ist es nicht. Laura kämpft. So wie sie es immer getan hat.

Sie empfindet keinen Groll 
gegenüber den Mitschülern, die sie gehänselt haben, weil sie 
anders war, als die anderen. Gegenüber den Lehrern, die ihr gesagt haben, sie solle doch besser nicht weiter versuchen, das Abi zu machen. Und nicht zuletzt gegenüber dem übermächtigen Feind in ihrem Körper, dem sie seit mehr als zwei Jahrzehnten tapfer entgegentritt.

„Ich 
wollte schon immer schreiben“

Lauras Geschichte ist keine, die von Aufgabe und Trauer, von Rache oder Wut handelt. Diese Gefühle sind da – waren sie immer. Aber sie bestimmen nicht ihr Leben. Nein, diese Geschichte handelt von Zuversicht, von Stärke und von Hoffnung – auch für diejenigen, die Außenseiter erst zu Außenseitern machen.

Nachts, wenn Laura nicht mehr schlafen kann, weil die Kopfschmerzen fast unerträglich sind, richtet sie sich in ihrem Bett auf, zieht das Nachtschränkchen zu sich und tastet nach ihrem Laptop. „Ich 
wollte schon immer schreiben“, sagt sie. Die Finger der rechten Hand gleiten dann über die Tastatur – der Tumor hat die linke Hand bereits gelähmt.

Buchstabe für Buchstabe und Wort für Wort entstehen Sätze und am Ende ein ganzes Buch. „Kenny der kleine Kämpfer“ heißt es. Es handelt von Freundschaft und davon, wie Krankheit auch das Umfeld der Angehörigen verändert.

Natürlich bildet der Stoff auch ein Teil ihrer eigenen Leidensgeschichte. Kenny weiß von klein auf, dass er sterben muss. Dennoch versucht er, ein ganz normales Leben zu führen und kommt mit seinem Schicksal besser zurecht als die Erwachsenen, die keine Antwort auf seine Fragen nach dem Warum und dem Sinn seines Schicksals finden.

Flucht in die Ernsthaftigkeit

Laura geht noch in den Kindergarten, als bei ihr ein Hirntumor diagnostiziert wird. Die erste von vielen Hormontherapien folgt. Statt mit den anderen Fünfjährigen auf dem Spielplatz im Dreck zu toben, muss sie immerzu aufpassen, sich nicht mit anderen Krankheiten anzustecken. „Kind war ich einfach nie“, sagt sie rückblickend.

Der Gedanke an den Tod wird zu ihrem ständigen Begleiter, ausgelassenes Spielen kennt sie nicht. Eine Botschaft bleibt aus dieser Zeit: „Die anderen mögen dich nur aus Mitleid“. Laura wird misstrauisch, wenn Menschen mit ihr Flachsen. Dann flüchtet sie sich in Ernsthaftigkeit.

Ihr Aussehen verändert sich durch die Krankheit. In der Schule wird sie gemobbt und ausgegrenzt. „Ich weiß nicht, ob ich glücklicher wäre, wenn es anders gekommen wäre“, sagt sie mit der Erkenntnis, dass 
Tyrannen nicht begreifen, wie viel Schaden ein einziges Wort anrichten kann: „Wenn man immer nur darüber nachdenkt, wie schlimm alles ist, kommt man auch nicht weiter.“

Mittlerweile hat Laura ihren Geschmackssinn fast völlig verloren. Als die Ärzte von einem Schatten auf den Aufnahmen ihres Kopfes sprechen, ahnt Laura es bereits: ein neuer Tumor hat sich in ihrem Kopf ausgebreitet. Das ist im Januar. Das Diabolische an der Sache: Erst im Juli 2014 musste sie sich einer Bestrahlung unterziehen, die ihr Leben retten sollte. Der neue Tumor ist möglicherweise eine Folge dieser Chemotherapie.

Hoffen, dass die Zeit noch reicht

Laura steht im Sommer vor der Entscheidung, eine weitere OP über sich ergehen zu lassen, die jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit eine komplette Lähmung zur Folge hätte. Daran anschließend eine weitere Bestrahlungstherapie. Laura zögert nicht lange: „Das ist kein Leben, das ich mir vorstelle“.

Fortan umgibt sie ein Gedanke: Sie will dieses Buch schreiben. Sie hat noch Zeit. Immerhin lagen die Ärzte schon öfter falsch, wenn es um Prognosen für ihre Lebenserwartung ging. „Ich kämpfe jetzt auf meine Art und vielleicht schenkt mir das ja noch ein wenig Lebensenergie“, sagt sie.

Das Buch, in dem es um den Umgang mit Krankheit geht, und das sich an Jugendliche und Erwachsene richtet, ist nun im Eigenverlag erschienen (Infos am Ende des Textes). Weitere Kindergeschichten hat sie bereits vollendet und werden nun folgen.

Das erste Mal im Leben 
ein wenig Ruhe spüren

Darin möchte sie ihr Verständnis von Miteinander, von Empathie vermitteln. „Außenseiter haben nicht immer Recht, aber trotzdem sollte man ihnen zuhören“, meint Laura. In allem, was sie schreibt, stecke ihr Denken über die Welt: Menschen in ähnlichen Lebenslagen in vergleichbaren Situation sollen wissen, „da ist jemand, der genauso denkt, wie du“, sagt sie. Ihr einziger Wunsch ist, dass so viele Menschen wie möglich diese Botschaft lesen.

„Man wird auch krank, wenn man nicht leben will“, ist sich Laura sicher. Nun gönnt sie sich das erste Mal in ihrem Leben etwas Ruhe. Immer habe sie mit ihrem Körper um ihre Gesundheit gerungen. Immer waren da diese haushohen Aufgaben, die sie sich selbst gesteckt hat. Sie wollte unbedingt studieren, etwas Soziales. Sie wollte Menschen helfen, obwohl sie mehr als einmal von ihrem Umfeld enttäuscht wurde.

Ihre Familie 
lebt verstreut, geblieben sind ein paar gute Freunde. Laura 
schaffte das Abi. Obwohl es 
 immer Gegenwind gibt – Stimmen, die meinten, sie würde den Staat nur Geld kosten. Ihr Wille durchzuhalten blieb ungebrochen. Das Studium musste sie dann aber abbrechen – der dunkle Begleiter war bereits zu stark. Es passt nicht zu Laura, mit den Schicksalsschlägen zu hadern, die für mehrere Leben gereicht hätte. „Es gibt für jeden eine Chance, etwas Gutes zu tun“, sagt sie.

Den Kampf, den Romanheld Kenny austrägt, hat Laura im realen Leben bereits gewonnen. Auch wenn es ein trauriges Ende geben wird, bleibt Laura etwas vergönnt, das viele Menschen in ihrem täglichen Trott verlernt haben: Das Gefühl dafür, was Leben eigentlich bedeutet: „Für mich scheint die Sonne gerade zehn Mal so schön, wie für jemanden, der sie vielleicht noch 20 Mal so oft sehen wird“

  • Laura Wunsch: „Kenny der kleine Kämpfer“, erschienen im „tredition“-Verlag. 11,80 Euro.

von Dennis Siepmann


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