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Lars Wittecks kritische Abschiedsworte

Regierungspräsidium Lars Wittecks kritische Abschiedsworte

Der frühere Marburger Landgerichtspräsident Dr. Christoph Ullrich (55) ist neuer Gießener Regierungspräsident. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) führte den Christdemokraten am Freitag im Staatstheater Gießen offiziell in sein Amt ein. Vorgänger Dr. Lars Witteck (41) wechselt auf eigenen Wunsch in die private Wirtschaft - zur Volksbank Mittelhessen.

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Der Rückhalt der Familie ist dem früheren und dem neuen Regierungspräsidenten wichtig: Dr. Christoph Ullrich (links) mit Ehefrau Marie-Theres Hanfland-Ullrich und Dr. Lars Witteck mit Ehefrau Lusaper Witteck.

Quelle: Foto: Anna Ntemiris

Gießen. „Der Wechsel erfolgt in einer für die Behörde und das Land herausfordernden Zeit“, sagte Hessens Innenminister Peter Beuth. Er erinnerte daran, dass in der Hessischen Erstaufnahme für Flüchtlinge im Zuständigkeitsbereich des Regierungspräsidiums (RP) bei Wittecks Amtsantritt vor mehr als sechs Jahren 300 Asylsuchende lebten. Am Freitag beherbergte die Einrichtung mit ihren 25 Außenstellen 18 912 Flüchtlinge. Deutschland allein werde die "gewaltige Herausforderung" nicht schaffen können, sagte Beuth.

Allein im September hätten 270 000 Flüchtlinge Deutschland erreicht, das seien mehr als im ganzen Jahr 2014, sagte Beuth. „Bei diesen Zahlen wird es nicht bleiben“, erklärte er. Der Minister forderte eine ehrliche Debatte. Das Herz sei weit, die Möglichkeiten endlich, sagte er in Anlehnung an die Rede des Bundespräsidenten Joachim Gauck. Diejenigen, die nicht schutzbedürftig seien, sollten so konsequent wie möglich in ihre Heimat zurückgeführt werden, so der Minister. Man müsse im Blick haben, dass die personellen Kapazitäten angesichts der hohen Zahlen "nicht unerschöpflich" seien, so Beuth.

Verwaltung verwaltet Verwaltung

Witteck  appellierte an das Land, bei notwendigen Personalkürzungen diejenigen auszulassen, "die durch die Mammutaufgabe der Flüchtlingsunterbringung in ganz besonderer Weise belastet sind". So lange das Land sich noch Strukturen leiste, "in denen Verwaltung Verwaltung verwaltet, kann die Not noch nicht so groß sein". Vielen politisch Verantwortlichen auf höchster Ebene sei noch nicht klar, dass viele der Flüchtlinge in Deutschland bleiben werden, sagte Witteck. "Weil ich keinen Konflikt kenne, in dem es irgendwie besser wird."

Der Ton wird rauer. "Mir macht das Sorge"

Marburgs OB Egon Vaupel  (links) überreichte das historische Stadtsiegel der Stadt Marburg ausnahmsweise an einen Gießener – an Lars Witteck.

Marburgs OB Egon Vaupel (links) überreichte das historische Stadtsiegel der Stadt Marburg ausnahmsweise an einen Gießener – an Lars Witteck.

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Der 41-Jährige erklärte, dass zwei Themen seine Amtszeit, die im Mai 2009 begann, geprägt haben: In der ersten Hälfte war es die Windkraft, in der zweiten die Erstunterbringung der Flüchtlinge in Hessen. Beide Themen hätten eins gemeinsam: „Sie emotionalisieren die Menschen überaus stark. In diesen Debatten wird der Ton zunehmend rauer. Mir macht das Sorge.“

„Bei der Windkraft wird nichts mehr geglaubt, alles ist gefälscht, und jedes Expertenwissen als interessengeleitet abgetan, was der eigenen Überzeugung zuwiderläuft, und bei den Flüchtlingen wird jedem, der berechtigte Sorgen äußert oder seine Angst zeigt, der Nazi-Stempel auf die Stirn geklebt; jedem, der die Menschen erst einmal willkommen heißen will, der „Naiver-Gutmensch“-Stempel“, sagte Witteck. Er habe in den vergangenen drei Jahren Szenen erlebt, die ihn als Mensch dauerhaft verändern werden, bekannte Witteck vor rund 500 Teilnehmern des Festakts, darunter Vertreter der Politik (Minister, Abgeordnete und 58 Bürgermeister), Justiz und Wissenschaft in Hessen und viele Mitarbeiter.

Ullrich: Flüchtlinge als Menschen behandeln

Er berichtete von Briefen voller Hass und zugleich von engagierten RP-Mitarbeitern, die sich um die Unterbringung der Flüchtlinge kümmern, „die dort schuften wie die Ackergäule, bis der letzte Flüchtling vom Hof und untergebracht ist“, so Witteck. Auch sein Nachfolger stellte das Thema Flüchtlinge in seiner - vergleichsweise kurzen - Rede in den Fokus. „Flüchtlinge sind Menschen. Als Menschen müssen wir sie behandeln“, betonte Ullrich.

Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), der für die Kommunen im Regierungsbezirk Mittelhessen sprach, würdigte die Verdienste von Witteck. „Einen Partner und Mitstreiter verliert man nicht gern. Das sage ich im Namen aller Kollegen“, sagte er. Witteck sei fair, verlässlich und nah bei den Bürgern gewesen. Für die Stadt Marburg überreichte Vaupel Witteck das historische Stadtsiegel - eine Auszeichnung, die in der Regel Marburger erhalten. „Der Abschied wurde uns erleichtert, als wir hörten, wer Nachfolger wird“, sagte Vaupel. Als Marburger Landgerichtspräsident habe Ullrich „immer vor Ort Gesicht gezeigt“. Als das brisante Thema Unterbringung von ehemaligen Sicherungsverwahrten in Marburg für Streit und Sorgen in der Bevölkerung sorgte, habe Ullrich einen offenen Umgang mit schwierigen Themen bewiesen. Er habe den Bürgern und den Ordnungsbehörden geholfen, mit der Situation umzugehen, erklärte Vaupel. Witteck und Ullrich seien für ihn authentische und glaubwürdige Menschen.

  • Witteck bleibt Vorsitzender des Vereins Regionalmanagement Mittelhessen. Er sei als Privatmann gewählt worden, erklärte Sprecher Manuel Heinrich auf Anfrage der OP. Der Regierungspräsident sei qua Amt Mitglied des Aufsichtsrats, das werde nun Ullrich sein.

von Anna Ntemiris

Übrigens... 

...bat OB Vaupel den Vorstandschef der Volksbank Mittelhessen, Dr. Peter Hanker, Dr. Lars Witteck auch für eine andere gemeinsame Sache zu begeistern. Viele ahnten, dass es um Fußball ging und später stellte Witteck klar. „Ich werde niemals Schalke-Fan. Wahre Liebe zu Eintracht Frankfurt ist nicht käuflich.“  Auch dafür gab es tosenden Applaus.
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