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Lange Sätze und Fremdwörter tabu

Lebenshilfe Lange Sätze und Fremdwörter tabu

Allen Menschen die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben durch verständliche Informationen zu ermöglichen, das ist die Zielsetzung des neuen Zentrums für Leichte Sprache, das seinen Sitz beim Landesverband Lebens­hilfe in Cappel hat.

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Henrik Nolte präsentiert einen Leitfaden für Leichte Sprache, der zukünftig in der neuen Bibliothek stehen wird. Foto: Heiko Krause

Marburg. Wie der Leiter des Zentrums, Henrik Nolte, gestern bei der Vorstellung der neuen Einrichtung erläuterte, gebe es in Deutschland etwa 7,5 Millionen erwachsene Menschen, die Texte in Standardsprache nicht lesen und verstehen könnten. Oft sei bereits die Tageszeitung ein unüberwindliches Hindernis, noch mehr natürlich das Amtsdeutsch. Landesverbandsgeschäftsführer Werner Heimberg ergänzte, dass diese Barrieren für Menschen mit geistiger Behinderung abgebaut werden müssten. „Es sind nicht nur Treppen und Bordsteine, auch die Sprache ist eine sehr große Barriere für viele.“

Und das Thema Leichte Sprache gewinne immer mehr an Bedeutung, auch die UN-Behindertenrechtskonvention räume Menschen mit Behinderung ein Recht auf verständliche Informationen ein.

Wie Nolte hervorhob, gehe es dem Zentrum zunächst einmal darum, die Öffentlichkeit zu informieren und zu sensibilisieren.

Des Weiteren biete man einen Übersetzungsdienst und Schulungen an. Zudem werde gerade eine Bibliothek aufgebaut, in der Leitfaden sowie Bücher in Leichter Sprache zu finden sein werden.

Sozusagen als Pilotprojekt gibt es in Hofheim bereits seit gut zwei Jahren einen von der Aktion Mensch geförderten Treffpunkt Leichte Sprache der Lebenshilfe Main-Taunus. Dessen Leiterin Annette Flegel berichtete, dass man pro Jahr bereits durchschnittlich 22 Aufträge für Übersetzungen erhalte. Einige wie beispielsweise Flyer gingen relativ schnell, andere wie der hessische Aktionsplan für Leichte Sprache würden natürlich einen höheren Arbeitsaufwand fordern. Augenblicklich schaffe man es, etwa ein Viertel der Anfragen zu bearbeiten.

Es sei ein Anliegen des Treffpunktes, dass Menschen mit Behinderung leichter lesen könnten. In Gruppenangeboten würden auch kompliziertere Themen bearbeitet. Und es bestehe ein großes Interesse, „unsere Lesegruppen sind immer voll.“

Etwa 50 Regeln müssen beachtet werden

Bei Übersetzungen in Leichte Sprache gelte es etwa 50 Regeln zu beachten, so Flegel. Darunter seien beispielsweise das Verbot von langen Sätzen oder der Verwendung von Fremdwörtern, die, wenn sie denn unerlässlich seien, zumindest erklärt werden müssten. Zudem unterstützten oft Bilder die Verständlichkeit.

Maren Müller-Erichsen, Beauftragte der Landesregierung für Menschen mit geistiger Behinderung, hob hervor, dass heute viel mehr Menschen in Förderschulen Lesen lernen würden. Und diese, so Flegel, seien es auch, welche die Übersetzungen überprüfen würden, damit sie ihren Sinn erfüllten.

Es sei ihr ein besonderes Anliegen, betonte Müller-Erichsen, dass Ministerien oder Ämter auch bei Gesetzestexten und Verordnungen Leichte Sprache vorhalten würden.

Dazu sagte Uve Lüders, stellvertretender Landesverbandsvorsitzender, dass noch mehr Honorarübersetzer benötigt würden.

Heimberg betonte, das neue Zentrum solle landesweit arbeiten. Der Bedarf an Leichter Sprache werde weiter steigen, sodass mittelfristig weitere regionale Treffpunkte unerlässlich seien. Die Menschen interessierten sich besonders dann, wenn es um ihre Rechte gehe.

Und nicht nur behinderte Menschen würden von Leichter Sprache profitieren. Auch denjenigen mit einer anderen Muttersprache oder älteren und dementen Menschen würde es leichter fallen, sich in Leichter Sprache zu informieren. „Es ist ein inklusives Angebot. Für alle die es benötigen“. Und es sei zusätzlich, so Flegel. Niemandem werde die Standardsprache weggenommen. „Aber auch niemand wird von der Information ausgeschlossen“.

von Heiko Krause

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