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Landwirte polieren am Image des Ackerlands

"Flächenfraß" Landwirte polieren am Image des Ackerlands

Die Erntebilanz, die Einkommenssituation hessischer Landwirte und das schlechte Image von Ackerland: Beim Vorgespräch zum Landeserntedankfest am Sonntag kamen die aktuellen Themen der heimischen Landwirtschaft auf den Tisch.

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Kreisbauernverbands-Vorsitzender Erwin Koch (links) und der Generalsekretär des hessischen Bauernverbands, Peter Voss-Fels, in Neustadt vor der Trinitatis-Kirche. Dort feiern die Bauernverbände am Sonntag ihr Landeserntedankfest.

Quelle: Thorsten Richter

Neustadt. Ein Anlass, viele Themen. Der Hessische Bauernverband feiert am Sonntag, 20. Oktober, sein Landeserntedankfest - und ist mit seinem Gottesdienst und anschließendem Fest zu Gast in Neustadt. Zunächst, ab 14 Uhr, in der katholischen Kirche „Heilige Dreifaltigkeit“, wo Professor Karlheinz Diez, Weihbischof in Fulda, Pfarrer Helmut Wöllenstein, Probst des Sprengels Waldeck und Marburg, Andreas Rhiel, katholischer Pfarrer in Neustadt, und Kerstin Kandziora, evangelische Pfarrerin in Neustadt, den Gottesdienst zelebrieren.

Danach gibt‘s Kaffee und Kuchen im Haus der Begegnung. Ehrengäste sprechen ihre Grußworte, Vertreter aus Kirche und Landwirtschaft kommen miteinander ins Gespräch und tauschen ihre Positionen aus. „Alle stehen in den Startlöchern“, sagte Neustadts Bürgermeister Thomas Groll gestern Vormittag bei der Pressekonferenz zum Landeserntedankfest im historischen Rathaus. „Verschiedene Chöre und Gruppen und auch die Landfrauen haben sich auf eine schöne Feier vorbereitet.“

Den bevorstehenden Festtag nahm der Hessische Bauernverband gemeinsam mit dem Kreisbauernverband Marburg-Kirchhain-Biedenkopf zum Anlass, um über die Erntesituation in der Region und im Land zu informieren - und um über die Einkommenssituation der Bauern sowie das aktuelle Thema „Flächenfraß“ zu sprechen.Letzteres bereitet den Landwirten, die viel Anbauland eingebüßt haben, große Sorge.

Peter Voss-Fels, Generalsekretär des Hessischen Bauernverbands, sprach von guten Erträgen bei Getreide und Raps - und von unbefriedigenden Erzeugerpreisen. Die höheren Erträge dieses Erntejahres - verglichen mit den Vorjahr - könnten die gesunkenen Erzeugerpreise nicht kompensieren. Die Preise lägen aktuell bei rund 30 Prozent unter denen des Vorjahres. Beim Brotweizen etwa fehlten den Bauern rund 200 Euro je Hektar, beim Raps sogar rund 240 Euro je Hektar.

Dem Bauernverband zufolge haben die hessischen Landwirte 2013 auf einer Anbaufläche von rund 300000 Hektar insgesamt 2,2 Millionen Tonnen Getreide geerntet. Bei einer um 12000 Hektar größeren Anbaufläche als im Vorjahr sei das Ergebnis von 2012 um 5 Millionen Tonnen übertroffen worden. Generalsekretär Voss-Fels sprach von brandaktuellen Zahlen, Hessen sei gerade das erste Bundesland überhaupt, in dem die Ernte bereits so genau statistisch erfasst sei. Der Bauernverband habe dazu die Situation von 630 Höfen in Hessen bewertet, „die gleichen Höfe wie im Vorjahr, damit wir eine verlässliche Grundlage bekommen“.

Zusammengefasst für alle Getreidearten in Hessen ermittelte der Bauernverband einen Durchschnittsertrag von rund 74 Dezitonnen je Hektar (Dezitonne = 100 Kilo). 2012 waren es 60 Dezitonnen pro Hektar - und im Mittel der vergangenen fünf Jahre rund 67 Dezitonnen je Hektar.

„Damit wurde der Durchschnittsertrag des Vorjahres um rund 13 Prozent übertroffen, das fünfjährige Mittel um sechs Prozent“, freute sich Voss-Fels. Die deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr von rund 13 Prozent sei auf die starken Einbußen zurückzuführen, die die Landwirte 2012 durch späte Fröste an ihrem Wintergetreide erlitten. Viele Flächen mussten damals neu eingesät werden, das Sommergetreide brachten dann deutlich geringere Erträge.

Als mit Abstand wichtigste Getreideart in Hessen erfasst der Bauernverband den Winterweizen. Der Durchschnittsertrag lag der Statistik zufolge in diesem Jahr bei fast 82 Dezitonnen pro Hektar - im Vorjahr waren es rund 67 Dezitonnen.

Schlechten Wachstumsbedingungen waren die Landwirte bei Kartoffeln und Mais ausgeliefert. „Durch den langen Winter und die Regenperiode danach kamen die Pflanzkartoffeln bis zu vier Wochen zu spät in die Erde“, erläuterte der Generalsekretär des Bauernverbands. Die Bauern ernteten rund 20 Prozent weniger Kartoffeln als im Vorjahr, „und wegen der Trockenheit sind die Knollen auch wesentlich kleiner“, sagte Voss-Fels.

Abstriche machen müssen die Landwirte außerdem beim Silomais - in der Vegetationsperiode war es nicht warm genug und außerdem zu nass. Die Zuckerrüben überraschten trotz zu später Aussaat positiv. Mit einem geschätzten Ertrag von rund 70 Tonnen pro Hektar seien die Erzeuger „ganz zufrieden“.

Auch, wenn die Landwirte mit den derzeitigen Preisen für ihre Feldfrüchte nicht zufrieden sind, so stellte der Bauernverband doch fest, dass die Gewinne der Höfe durchschnittlich gestiegen sind. Im Wirtschaftsjahr 2012 / 2013 (gerechnet wird immer von Juli bis Juli) habe der durchschnittliche Gewinn hessischer Bauernhöfe bei rund 50000 Euro gelegen - und damit um rund 2800 Euro über dem des Vorjahres. Daraus errechnete der hessische Bauernverband einen Jahres-Gewinn je Familienarbeitskraft von rund 36400 Euro pro Jahr - also von rund 3000 Euro pro Monat. Der durchschnittliche Landwirtschaftsbetrieb in Hessen beschäftige 1,9 Personen - wovon 1,4 Personen Familienarbeitskräfte seien. Voss-Fels betonte, dass die 3000 Euro pro Monat nicht mit dem Nettolohn eines Arbeitnehmers zu vergleichen seien, denn davon müssten noch die Sozialversicherungsbeiträge und Steuern abgeführt sowie Investitionen in die Zukunft des Betriebs getätigt werden.

Erwin Koch, Vorsitzender des heimischen Bauernverbands, stellte heraus, dass die Landwirte in Deutschland gegenüber dem Vorjahr in diesem Jahr 2,5 Milliarden Euro weniger erlöst hätten. Hoffnungen, die die gute Ernte geweckt habe, seien durch die niedrigen Preise enttäuscht worden. „Nach zwei schlechten Jahren hätten wir ein Jahr gebraucht, dass finanziell deutliche Verbesserungen bringt“, erklärte er.

Großer Aufreger bei den Bauernverbänden ist der Flächenverbrauch, der drastisch zugenommen habe und die Produktionsmöglichkeiten der Landwirtschaft einschränke - sowohl für die Erzeugung von Lebensmitteln als auch für die Energieproduktion. „Allein in Hessen haben wir in den letzten Jahren pro Tag etwa drei Hektar durch die Ausweitung von Verkehrs- und Siedlungsflächen verloren, auf Bundesebene sind es rund 74 Hektar“, sagte der Generalsekretär. Im Zeitraum von 1991 bis 2012 habe die Landwirtschaft dadurch fast 40000 Hektar Land verloren - das entspräche einer Fläche so groß wie der Landkreis Marburg-Biedenkopf. Die Politik sei gefragt, die Kommunen müssten ihre Siedlungsvorhaben überdenken und wieder ein größeres Bewusstsein für den Wert von Ackerland entwickeln. Der Stadt Frankfurt beispielsweise riet Voss-Fels, sich mit einer Umnutzung von Industrie-Brachen und anderen Flächen zu beschäftigten, statt Neubaugebiete dort zu planen, wo wertvolle Anbauflächen dadurch verloren gingen.

Mit der Kampagne „Stoppt den Flächenfraß“ wollen die Bauernverbände bundesweit Aufmerksamkeit für dieses Problem schaffen - sie wünschen sich ein Bewusstsein, wie die Gesellschaft es auch dem Wald entgegenbringe, der „eine heilige Kuh“ sei. Die Waldfläche sei gewachsen in den vergangenen Jahrzehnten, der Wert der Wälder sei anerkannt und unumstritten, der der Ackerflächen nicht, „obwohl sie mehr Kohlenstoff binden als der Wald“. Deshalb fassten die Bauernverbände das Ziel, am Image der Ackerfläche zu arbeiten, „vor allem durch Öffentlichkeit und im Dialog mit der Politik“, erklärte Voss-Fels, der auf eine stärkere Förderung für Innenentwicklung in den Dörfern und Städten setzt - als Ersatz für die Ausweisung von Wohngebieten auf der grünen Wiese.

Einen Streifzug durch aktuelle agrarpolitische Themen bot auch Kreisbauernverbands-Vorsitzender Koch, der die Position der heimischen Bauern darstellte. Er sprach sich gegen Patente auf Saatgut aus. „Wir wollen, dass die Freiheit erhalten bleibt und dass Abhängigkeiten von Saatgut-Riesen gar nicht erst entstehen“, sagte er.

Hinsichtlich der Förderung für die benachteiligten Gebiete in der Landwirtschaft, die durch schwierige Voraussetzungen in der Produktion geprägt sind, fordert Koch eine bessere Förderung vonseiten der EU „und nicht nur so ein kleines Feigenblatt“. 45 Prozent der Fläche im Kreis sei benachteiligtes Gebiet, von den zuletzt vollzogenen Kürzungen seien von daher viele Landwirte betroffen. Ziel sei es, mit den Familienbetrieben im europäischen Wettbewerb zu bestehen. Und sich dabei auch im Energiesektor zu etablieren. Dafür müssten die Menschen ein besseres Verständnis für die Nutzung von Pflanzen bekommen statt nur Kritik zu üben an der Verwertung von Mais und Raps für Energieerzeugung und Mobilität. Eine Rapsanbaufläche, aus der 3000 Liter Biodiesel erzeugt werden, ermögliche durch den Rapskuchen als Eiweißträger zudem die Produktion von 2000 Kilo Fleisch, erspare den Import von 4 Tonnen Soja - und nebenbei fielen pro Hektar Raps auch noch 40 Kilo Honig ab.

von Carina Becker

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