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Landkreis stockt bei Flüchtlingshilfe auf

Asylpolitik Landkreis stockt bei Flüchtlingshilfe auf

Integration statt Isolation: Der Landkreis setzt sich im Umgang mit Flüchtlingen hohe Ziele, verzeichnetErfolge und muss Herausforderungen stemmen.

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Sprache und Arbeitsmarkt als Schlüssel zur Integration: Der Landkreis will viele neue Angebote für Flüchtlinge initiieren.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Roland Döhler und sein Team können ein wenig aufatmen: „Manchmal wussten wir freitags noch nicht, wo wir die Flüchtlinge montags unterbringen sollen“, berichtete der Fachbereichsleiter Ordnung und Verkehr beim Landkreis am Freitag während einer Pressekonferenz. „Doch inzwischen haben sich so viele Menschen mit ihren Vermietungsangeboten gemeldet, dass wir derzeit über 160 freie Plätze verfügen.“

Aufatmen kann man beim Landkreis, der zusammen mit den Kommunen für die Unterbringung der Asylsuchenden sorgt, doch auch noch vorübergehend. „Derzeit gehen wir davon aus, dass wir 2015 bis zu 1 400 Neuankömmlinge haben werden“, sagte der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow. Unterbringung im Dorf statt draußen in den Randgebieten, Kooperation mit den Kommunen statt Konfrontation und Aufnahmeverpflichtungen, Quartiere so oft es geht in kleinen Wohneinheiten statt in Gemeinschaftsunterkünften – die Bemühungen des Kreises machen sich bezahlt.

Ortsvorsteher melden Leerstände

Bislang mussten keine Notquartiere aufgeschlagen werden, Zwangszuweisungen von Flüchtlingen an Kommunen blieben aus und die Quote der Unterbringungen in Wohnungen statt in Gruppenunterkünften ist auf eine Quote von 40 Prozent angestiegen. Insgesamt knapp 400 Flüchtlinge leben im Landkreis derzeit in Gemeinschaftsunterkünften, ebenso viele in Wohnungen, gut 250 in Hotels und Pensionen. Zum Jahresende 2014 beherbergte der Landkreis insgesamt deutlich mehr als 1 000 Flüchtlinge.

Der Kreis setzt auf die Integration der Zugereisten – gerade auf den Dörfern – dort, wo Leerstand herrscht und der demografische Wandel zur Bedrohung wird. „Die Menschen in den Dörfern erkennen diese Chance und freuen sich über Familien, die im Ort unterkommen – die Ortsvorsteher sprechen uns auf Leerstände an“, berichtete Zachow. Er setzt darauf, dass aus Flüchtlingen Neubürger für Marburg-Biedenkopf werden. „Die meisten zieht es in die Ballungszentren, aber diese Menschen können uns bereichern in unseren Dörfern und auch auf unseren Arbeitsmarkt, sie wollen anpacken und sich hier ein neues Leben aufbauen.“

Dabei gehe es nicht nur um gut ausgebildete Flüchtlinge aus Syrien – von dorther kommen derzeit die weitaus meisten Asylsuchenden. „Die Menschen, die von Mali mit dem Boot gekommen sind und es bis hierher geschafft haben, verfügen über einen enormen Willen und große Überlebenskompetenz – auch, wenn ihnen noch eine Ausbildung fehlt“, sagte Claus Schäfer, Leiter des Büros für Integration beim Landkreis. Schulabschlüsse, Ausbildung, Integration auf dem Arbeitsmarkt – Projekte, um Flüchtlingen all dies zu ermöglichen, sind in Planung, sagte Zachow. Auch ein Willkommens-Paket mit Ortskarten und Informationen aus dem Landkreis und den jeweiligen Unterbringungskommunen zur Orientierung der Neuankömmlinge.

Rainer Flohrschütz wird „Koordinator Asyl und Integration“

Neben der Unterbringung muss der Landkreis auch für Betreuung sorgen. In den ersten Monaten in Deutschland stehen Sozialarbeiter den Flüchtlingen als Lotsen im Alltag zur Verfügung. Ein Schlüssel von einem Sozialarbeiter, der auf 100 Flüchtlinge kommt, wird dabei empfohlen – „derzeit sind wir aber froh, wenn wir das Verhältnis 1:150 hinbekommen“, sagte Roland Döhler. Ab März/April beauftragt der Kreis zwei neue Sozialarbeiter – die personelle Ausstattung wächst damit auf 8,5 Stellen an.

Konkret widmet der Kreis sich auch dem Ziel, verwaltungsintern und mit den Kommunen die Hilfsangebote für die Flüchtlinge zu vernetzen. Als neue Kraft im Büro für Integration wird ein langjähriger Mitarbeiter der Kreisverwaltung eingesetzt, Rainer Flohrschütz (Foto: Landkreis). Der studierte Politologe und Soziologe war beim Aufbau des Kreisjobcenters mit dabei. Er wechselt als „Koordinator Asyl und Integration“ vom Fachbereich Schule und Gebäudemanagement ins Büro für Integration und bezieht neuen Platz in unmittelbarer Nähe zum Büro von ­Zachow, damit die Arbeit mit dem ­Dezernenten Hand in Hand gehen kann.

von Carina Becker

HINTERGRUND

Zunehmend Kinder allein auf der Flucht

Dem Landkreis Marburg-Biedenkopf werden vom Regierungspräsidium Darmstadt zunehmend alleinreisende minderjährige Flüchtlinge zugewiesen. Die Statistik belegt einen deutlichen Anstieg: 2011 waren es 13 Minderjährige, 14 im Jahr 2012, 41 im Jahr 2013, 34 im vergangenen Jahr. Für 2015 geht der Landkreis von 80 alleinreisenden Minderjährigen aus, für die er Unterbringung, Betreuung und Vormundschaft organisieren muss. Die Jugendlichen sind zwischen 13 und 17 Jahren alt, wenn sie hier ankommen – „oft waren sie zuvor schon jahrelang unterwegs“, sagt Kreis-Pressesprecher Dr. Markus Morr auf Nachfrage der OP und berichtet: „Die jungen Menschen werden in der Regel zunächst in den Clearingstellen in Frankfurt und Gießen aufgenommen und dann auf die Hessischen Kommunen verteilt.

Die Verteilung erfolgt nach einer festen Aufnahmequote.“ Der Kreis gehe aufgrund von Schätzungen des Landes davon aus, dass die Einreisezahlen mindestens in den nächsten fünf Jahren auf diesem hohen Niveau bleiben. Die jungen Menschen werden in Jugendwohngruppen untergebracht, die von freien Trägern der Jugendhilfe betrieben werden. Rechtsgrundlage sind die sogenannten Hilfen zur Erziehung, wie sie im Sozialgesetzbuch definiert werden. Der Allgemeine Soziale Dienst, eine Abteilung des Landkreises, ist dafür zuständig. Solange die Kinder und Jugendlichen minderjährig sind, wird das Jugendamt regelhaft durch die Amtsgerichte zum Vormund bestellt. Im Landkreis inklusive der Stadt Marburg gibt es derzeit acht Einrichtungen mit insgesamt 79 Plätzen, die minderjährige Flüchtlinge aufnehmen. Weitere Gruppen sind in Planung.

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