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Landkarte vergangener Bauperioden

Tag des offenen Denkmals Landkarte vergangener Bauperioden

Die erst vor 25 Jahren entdeckten Ruinen unter dem heutigen Landgrafenschloss gaben Einblicke in 1000 Jahre alte Geschichte.

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Im Westflügel des Marburger Schlosses fanden Archäologen die Überreste einer mehrphasigen Burganlange.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Wie zahlreiche andere kleine und große Kulturdenkmäler Marburgs lockte auch das unübersehbare Wahrzeichen der Stadt gestern zahlreiche Gäste an. Doch anstatt die reich gestalteten Museums-, Fürsten- und Rittersäle ausgiebig zu untersuchen, zog es rund 80 Besucher zu einer seltenen Führung in den eher farblosen „Keller“ im Westflügel des Marburger Landgrafenschlosses. Dort erwartete die Gäste ein ganz besonderes Geschichtserlebnis - die Überreste der allerersten, 1000 Jahre alten Burganlage.

Entdeckt wurde der alte Bau im Sockelgeschoss des Flügels erst im Jahr 1989, als im Zuge der umfangreichen Sanierungsmaßnahmen archäologische Untersuchungen durchgeführt wurden, erklärte Dr. Christa Meiborg, Leiterin der archäologischen Abteilung am Landesamt für Denkmalpflege.

Die gut erhaltenenMauern der früheren Burganlage unter dem Landgrafenschloss reichen bis in die Zeit um 1000 nach Christus zurück

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Nach mehreren Kernbohrungen wurde damals deutlich, dass die neu entdeckte Anlage deutlich weiter ging als anfangs gedacht, noch in acht Metern Tiefe wurden Mauerreste gefunden. Im Zuge der aufwändigen Ausgrabungen konnte über Monate hinweg ein riesiger Bereich unter dem Westflügel frei gelegt werden. Zutage kamen äußerst gut erhaltene Gebäude- und Mauerreste aus einer Vielzahl von Jahrhunderten.

Kern der ursprünglichen Anlage war ein rechteckiger Saalgeschossbau, der mit sechzehn Meter mal neuneinhalb Meter wahrscheinlich um das Jahr 1000 entstand und als wehrhaftes Wohngebäude genutzt wurde. Der alte Bau wurde im Laufe der folgenden Jahrhunderte nach und nach mit Sand und Erde zugeschüttet. Insbesondere ab 1300, als das Schloss zur landgräflichen Burg ausgebaut wurde, verschwanden die alten Mauern unter dem neuen Prunkbau und wurden quasi konserviert. „Durch diesen Schutz sind die schön gearbeiteten Außenmauern noch gut erhalten“, so Maiborg. Durch die gegenüberliegende Ringmauer konnten die Archäologen nicht dringen - durch weitere Wall-Anbauten erreicht die Mauer eine Dicke von über sieben Metern.

Grund für die ungewöhnliche, fortwährende Erweiterung der alten Mauern war die besonders gefährdete Lage des westlichen Gebäudeteils. Im Falle eines Angriffs war die Westseite des Komplexes besonders anfällig gegen mögliche Eindringlinge. Daher wurden die dortigen Mauern nicht abgerissen, sondern immer wieder „nach dem Zwiebelprinzip“ mit neuen Wällen umschlossen, erklärte die Archäologin.

Die Besucher der seltenen Führung waren begeistert über den geschichtsträchtigen Rundgang durch das Ausgrabungsareal, das in der Regel der Öffentlichkeit nicht zugänglich und nur teilweise durch gläserne Gucklöcher in der Decke zu sehen ist.

Die Mauern unter dem Westflügel bilden eine beeindruckende Landkarte der vergangenen Bauperioden. Von der ursprünglichen Westwand ist ein großer Teil bis in eine Höhe von vier Metern erhalten, dem sich Aufbauten aus folgenden Jahrhunderten anschließen. Selbst der alte Putz ist zu Teilen noch vorhanden.

Innerhalb der Ausgrabungsbereiche konnten zudem diverse Relikte aus Keramik gefunden werden, die bei einer Datierung der einzelnen Schichten hilfreich waren und teilweise bis in das neunte Jahrhundert zurück reichen. Möglicherweise existierte an den Fundorten unter dem Westflügel eine noch frühere Burganlage aus Holz, bewiesen werden konnte dies bisher jedoch nicht.

von Ina Tannert

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