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Lärm, der „auf die Nerven“ geht

Op-Serie "Achtung, laut!" Lärm, der „auf die Nerven“ geht

Dass es in Damm, einem kleinen Ortsteil von Lohra, laut sein soll, kann man sich kaum vorstellen. Doch viele Bewohner sehen das anders. Die OP macht den Test.

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 An der Großseelheimer Straße in Marburg herrscht erhöhtes Verkehrsaufkommen.

Quelle: Ruth Korte

Lohra/Damm. „Der Liebe wegen“ ist Susanne Lather (kleines Foto) vor einigen Jahren aufs Land gezogen. Vorher habe sie viele Jahre lang in der Marburger Oberstadt gelebt. „Ich glaubte, aus dem nächtlichen Partylärm in ein ruhiges beschauliches Dörfchen zu ziehen“, erzählt die 58jährige Orthopädin Doch schnell musste sie feststellen: „Hier auf dem ruhigen und idyllischen Land ist die Lärmbelästigung viel größer als in der Marburger Oberstadt.“ Zwar sei der Partylärm verstummt, dafür wecke sie aber jeden Morgen ab 5.30 Uhr der Straßenlärm.

Die Lathers wohnen an der Hauptstraße, direkt hinter einer scharfen Kurve, die durchs Dorf führt. Um diese Kurve, so Lather, donnern jeden Morgen und Abend LKWs mit Anhängern aus dem Hinterländer Industriegebiet in Richtung B3. Da es in der schwer einsehbaren Kurve keine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 kmh gibt und die erlaubten 50kmh Lathers Gefühl nach „oft sportlich überschritten werden“, sei auch das Überqueren der Straße eine wirkliche Herausforderung. Dies habe bereits mehreren Haustieren der Nachbarn aber auch zwei ihrer eigenen Katzen das Leben gekostet.

"So laut, dass man Angst kriegt"

Die Menschen, die in Lohra/Damm an der Hauptstraße wohnen, schützen sich auf ihre Art vor dem Lärm: Wände, die zur Straße zeigen, sind zugemauert oder Rollläden dauerhaft herunter gelassen worden. „Es ist hier manchmal so laut, dass man Angst kriegt“, sagt Lathers Nachbar Hein Rainer der ausschließlich die Wohnräume zur Hofseite hin benutzt.

In den Praxisräumen von Susanne Lather zeigt unser Schallpegelmessgerät 47 Dezibel an. Das entspricht ungefähr der Lautstärke einer normalen Unterhaltung. Lather ist überrascht, betont aber, dass auf der Straße heute wenig los sei. Es ist der Tag des bundesweiten Blitzmarathons. Auch wenn in Lohra an diesem Tag nicht geblitzt wird, scheinen die Autofahrer allerorts alarmiert zu sein.

An der Straße bewegt sich die Dezibelzahl im 70er Bereich und steigt auf 83, als ein Bus vorbeifährt und auf 85, als ein Motorrad durch den Ort knattert - laut Angaben des hessischen Lärmaktionsplans typische Zahlen für starken Autoverkehr und doch für eine kleine Ortschaft für Damm an einem, nach Lathers Aussagen, wenig befahrenen Tag relativ hoch.

Lärm auch in Marburg

Ortswechsel. Marburg. Als Christiane Inacker und Thomas Kopaniak vor einem Jahr in das Haus an der Großseelheimer Straße zogen, wussten sie, dass es laut werden würde. Ihre Straße ist praktisch die einzige Zufahrtsstraße für Besucher und Angestellte des Uniklinikums aus Marburg. Seitdem die Klinik erweitert wurde, habe sich der Verkehr auf der Großseelheimer Straße zudem verdoppelt, wie ihr Nachbar Wolfgang Henkel weiß, der seit 27 Jahren in der Straße wohnt.

„Wir können uns nur wundern, an welchen Stellen in Marburg Geschwindigkeitskontrollen stattfinden“, so Kopaniak. „Die aufsteigende Großseelheimer Straße bietet Rasern die beste Möglichkeit, alles aus ihrem Fahrzeug herauszuholen - und das leider nicht nur tagsüber.“ Ruhe herrsche eigentlich nur zwischen Mitternacht und vier Uhr morgens. „Kontrolle würde schon was bringen.“ Da ist sich das Trio, das an diesem Nachmittag um den Esszimmertisch sitzt, einig. Eine zusätzliche Möglichkeit den Geräuschpegel zu reduzieren sieht Henkel auch darin „die Straße zu entlasten, indem man für die Klinikbesucher eine zusätzliche Trasse aufmacht.“

Auch hier machen wir den Test. Auf der Straße messen wir Dezibel-Zahlen bis 86. Bei geöffnetem Fenster werden es im Wohnzimmer, das zur Straße hin zeigt, bis zu 63 Dezibel laut, im Kinderzimmer der Tochter sogar 72 - das ist etwa so, als würde vor ihrem Fenster permanent jemand Staub saugen oder schreien. Da ist es fast gut, dass Inacker und Kopaniak die Fenster nur selten öffnen können - „wegen der Abgase, die sonst ins Haus ziehen würden.“

Kennen Sie auch einen besonders lauten Ort im Landkreis? Dann schreiben Sie uns an online@op-marburg.de.

von Ruth Korte

Hintergrund
Klaus-Jürgen Lutz, Lärmexperte bei Hessen Mobil, erklärt, dass die Werte für Straßenlärm anhand verschiedener Kriterien wie Verkehrsstärke, zulässige Höchstgeschwindigkeit oder Straßenbelag berechnet werden. Der Grenzwert liegt demnach für ein Wohngebiet, wie das an der Großseelheimer Straße, tagsüber bei 70 und nachts bei 60 Dezibel am Gebäude. In einem Kern-, Dorf- und Mischgebiet wie Damm beträgt der Richtwert 72, beziehungsweise 62 Dezibel. Vergleicht man diese Zahlen mit unseren Messwerten ist es in Damm und an der Großseelheimer Straße in Marburg eindeutig zu laut – oder? Ganz so einfach sei das nicht. Unsere Messungen können zwar einen ersten Anhaltspunkt geben. Lutz macht jedoch darauf aufmerksam, dass einmalige Lärmmessungen oft nur Momentaufnahmen sind, da das Straßenverkehrsaufkommen je nach Wochentag und Uhrzeit sehr unterschiedlich sein kann. Einmaligen Werte können daher nicht als Entscheidungsgrundlage für Lärmschutz herangezogen werden. Nicht zu unterschätzen sei immer auch die subjektive Lärmwahrnehmung. Diese wiederum hänge von der Situation, den jeweiligen Vorlieben, der Verfassung und der Stimmung jedes Einzelnen ab. „Wir haben schon erlebt, dass Leute sagen, dass es im Frühling leiser sei als im Winter. Das ist natürlich nicht der Fall“, sagt Lutz. Im Frühling sei nur die Lärmquelle wie zum Beispiel eine Autobahn, Straße oder Bahnschienen, nicht mehr so gut erkennbar, wie in der kargen Winterzeit. „Man nimmt das, was man sieht eben nur stärker wahr“, so Lutz.
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OP-Serie: Achtung laut
Das Panorama-Bild zeigt den Weihnachtsmarkt rund um den Marburger Marktplatz.

Die Diskussion um Lärm in der Oberstadt wird auch in diesem Jahr heftig geführt. Gerade zur Zeit des Weihnachtsmarktes könnte man annehmen, dass es besonders laut zugeht. Zeit für einen Test.

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