Volltextsuche über das Angebot:

3 ° / 0 ° wolkig

Navigation:
Laden-Chef verbietet Behinderten-Hilfe

Aufregung unter Blinden Laden-Chef verbietet Behinderten-Hilfe

Ein Spezialitäten-Geschäft am Richtsberg hat seinen Angestellten untersagt, Hilfsbedürftigen bei der Erledigung ihrer Einkäufe zu helfen.

Voriger Artikel
„Ich will, dass wir das schaffen“
Nächster Artikel
Drei Landkreise, ein gemeinsames Ziel

Jahrelang war Natalia Kasymova Stammkundin in dem kleinen Supermarkt am Richtsberg. Von dem neuen Inhaber fühlt sie sich nun wegen ihrer Behinderung diskriminiert.

Quelle: Ina Tannert

Marburg. Natalia Kasymova ist seit Jahren Stammkundin eines kleinen Supermarktes am unteren Richtsberg, der vor allem ausländische Spezialitäten führt. Neuerdings wird ihr dort jedoch die in der Vergangenheit übliche Einkaufshilfe für Blinde verwehrt. Die seit Geburt blinde Frau fühlt sich diskriminiert.

Bis ins Jahr 2015 hinein hatte sie mit ihrem Lieblingsladen nach eigenen Angaben keinerlei Probleme, tätigte regelmäßig Großeinkäufe für mindestens einhundert Euro, wurde sogar beliefert oder ging selber in das Geschäft. Bei ihren Einkäufen geholfen wurde ihr stets von den Mitarbeitern, die sie begleiteten und die gewünschten Waren zusammensuchten – eine übliche Praxis für Sehbehinderte in Geschäften. Doch seit vergangenem Jahr geht sie nur noch ungern – wenn überhaupt – dort einkaufen.

Der Grund: Nach einem Besitzerwechsel habe sich der Umgang mit blinden Kunden „drastisch geändert“. Auf Anweisung des neuen Chefs, so sagt es Kasymova, dürften die Mitarbeiter den Menschen mit Handicap nicht mehr bei der Warensuche helfen, sie würden angewiesen diese Dienstleistung außerhalb ihrer normalen Arbeit nicht mehr anzubieten. „Die Verkäufer sind sehr nett und versuchen mir auch zu helfen, sobald der Chef das aber mitbekommt, schickt er sie zurück an ihren Arbeitsplatz“, berichtet die Kundin der OP.  Seit Monaten streitet sie mit dem Inhaber, versucht ihre Situation zu erklären und die neue Geschäftspolitik zu verstehen. „Der Chef ist nicht einverstanden mit blinden Kunden, ich glaube, weil wir mehr Zeit und Hilfe brauchen.“ Die OP hat Kasymova nun in das Geschäft zu einem Test-Einkauf begleitet. Resultat: Kurz nachdem sie die Verkäufer um die ersten Waren bat, kam der Ladenbesitzer, unterbrach den Einkauf und führte die Kundin zu einem Gespräch ins Büro.

„Das benötigt einfach zu viel Zeit“

Auf OP-Nachfrage stellte der Inhaber seine Sicht der Dinge dar: Er freue sich natürlich über jeden Kunden, der in das Geschäft kommt, blinde Menschen über den üblichen Verkauf hinaus zu bedienen sei jedoch „alleine finanziell nicht möglich“, erklärt der Inhaber, der anonym bleiben will. „Diese besondere Dienstleistung kann ich nicht leisten.“ Das Geschäft schreibe rote Zahlen, die Personaldichte sei entsprechend knapp bemessen. Die wenigen Mitarbeiter werden angewiesen sich „ausschließlich um ihren Arbeitsbereich, Kasse, Fleischtheke oder Warenbestand zu kümmern“.

Eine Verpflichtung seinerseits sieht er nicht, der andernorts übliche Service, sich um blinde Kunden zu kümmern, „benötigt einfach zu viel Zeit“, erklärt er. Angeblich werde der Geschäftsbetrieb aufgehalten, andere Kunden wären gezwungen zu warten. Dass er mangels Einkaufshilfe auf besonders viele sehbehinderte Kunden, auch in einer blindenfreundlichen Stadt wie Marburg, verzichten muss, glaubt der Inhaber nicht. „Ich diskriminiere niemanden, jeder kann in meinem Laden einkaufen.“

„Das ist gerade in Marburg ein Unding“

Diese Geschäftspraktik kann Natalia Kasymova nicht nachvollziehen. Blinde Menschen beim Einkauf zu unterstützen, gehöre in jedem Laden zur allgemein üblichen Kundenfreundlichkeit, sei in der heutigen Zeit ein schöner, jedoch kein außergewöhnlicher Service mehr. Als Blinde könne sie verschiedenen Produkte nicht auseinanderhalten, könne diese optisch nicht beurteilen und wisse erst recht nicht, welche Inhaltsstoffe auf diesen abgedruckt seien. Dafür benötige sie Sehkraft – etwa die der Verkäufer. „Anders geht es nicht, ich kann doch nicht alles öffnen und abtasten“, sagt Kasymova.

Ähnlich sieht das Franz-Josef Visse, Vorsitzender des Marburger Behindertenbeirats. „Ich finde es schlimm, dass so etwas passiert“, sagt er. Von solchen Geschäftspraktiken habe er noch nie gehört, auch im Gremium sei das noch nicht besprochen worden. Das Verhalten des Inhabers sei „verwunderlich“, insbesondere in einer Stadt mit vielen blinden Kunden. „Das ist gerade in Marburg ein Unding.“ Angesichts der Praxis am Richtsberg sollten sich auch Nicht-Behinderte „Gedanken machen“

von Ina Tannert

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr