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Kuriosen Wahrheiten auf der Spur

Flunkertour Kuriosen Wahrheiten auf der Spur

Gab es ein Henkertreffen im Rathaus? Nahmen die Schuhmacher im Kilian Klogebühren? Wurde am Lutherischen Pfarrhof ein Knochenberg gefunden? Antworten darauf gibt es bei der „Flunkertour“.

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Stadtführerin Christiane Peters nimmt immer am 1. April Teilnehmer mit auf „Flunkertour“, bei der sie skurrile Geschichten zu Marburger Sehenswürdigkeiten wie dem Kerner (Gebäude im Hintergrund) und der Kilianskapelle erzählt.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Wunderschön und historisch interessant – so ist Marburg. Am besten überzeugen kann man sich davon bei einer Stadtführung. Eine ganz besondere Stadtführung gibt es immer am 1. April. Da veranstaltet Christiane Peters die sogenannte „Flunkertour“. An zehn Orten erzählt Peters abstruse Geschichten, deren Wahrheitsgehalt nur sie kennt. Die Teilnehmer können dann erraten, ob die Geschichten wahr oder geflunkert sind. „Ich habe vor ein paar Jahren angefangen zu forschen und eine Sammlung von Merkwürdigkeiten erstellt, die ich dann in eine Stadtführung mit eingebaut habe“, erklärt Christiane Peters. „So entstand die ‚Flunkertour‘.“

 

Seither ist diese Tour so beliebt, dass sie bereits im neunten Jahr stattfindet. Für Peters eine besondere Herausforderung, da sie jedes Mal neue Geschichten recherchieren, sich ewig durch Papierberge im Staatsarchiv oder im Landeskirchenamt wühlen muss.

,,Dinge, die man sonst nicht erfahren würde“

„Meine Geschichten kann man nicht googeln oder sonst irgendwo nachlesen, aber ich kann alle Quellen belegen“, betont die studierte Kunsthistorikerin.
Genau das ist der Grund, warum vor allem Marburger – und nicht Touristen – an der „Flunkertour“ teilnehmen. „Mich hat schon immer Marburgs Geschichte fasziniert. Bei dieser Tour erfährt man auf amüsante Weise Dinge über seine Heimatstadt, die man sonst so nicht erfahren würde“, erklärt Andrea Kraus. Die Marburgerin ist an diesem 1. April eine von rund 50 Teilnehmern, die im Gänsemarsch durch die Unistadt laufen – dem strömenden Regen zum Trotz. 

Erster Halt ist am Kerner unterhalb des Lutherischen Pfarrhofs. Dort stellt Peters die Behauptung auf, dass man im Jahr 1828 beim Bau des Melanchthonhauses auf einen „riesigen Berg menschlicher Knochen“ gestoßen sei. Die Teilnehmer der „Flunkertour“ stecken die Köpfe zusammen, rätseln und müssen sich zwei Stunden gedulden, bis sie am Ende der Tour die Auflösung erfahren.
„Es stimmt“, erklärt die Expertin: Dort, wo sich jetzt der Parkplatz befindet, sei früher der alte Friedhof von Marburg gewesen. Weil dieser Platz für so viele Menschen zu klein gewesen sei, habe man die Gebeine Verstorbener regelmäßig wieder ausgegraben und im sogenannten „Kerner“, dem Gebeinhaus,  aufbewahrt. „In einem steinernen Behältnis“, so Peters. Als dieses jedoch „voll“ war, wurden die Knochen einfach wieder an den Rand des Friedhofes auf einen Haufen gelegt. „Das hat man heimlich gemacht. Es kam dann erst bei den Bauarbeiten für das heutige Melanchthonhaus ans Tageslicht.“

,,Henker sucht Frau“

Peters ist gelernte Museumspädagogin und arbeitet seit Jahren als Stadtführerin. Marburgs Merkwürdigkeiten kommt sie vor allem durch historische Rechnungen auf die Schliche. Ganz zur Freude der Teilnehmer, die so manch Skurriles erfahren. Zum Beispiel, dass die Henker nicht in der Oberstadt wohnen durften und deshalb etwas außerhalb in der Henkersgasse – der heutigen Kappesgasse – in Weidenhausen lebten „Der Beruf des Henkers war nicht sehr angesehen, sie hatten nur untereinander Kontakt“, erläutert Peters. Deshalb habe es im Mittelalter einmal im Jahr ein „Henkertreffen“ gegeben, wo sich potentiell heiratsfähige Henker kennenlernen konnten. „So etwas wie Bauer sucht Frau, nur eben für Henker“, sagt Peters augenzwinkernd. Allerdings fand dieses Treffen nicht wie behauptet im Rathaus statt. Das war geflunkert.

Klogebühren im Kilian?

Genauso geflunkert waren die „Klogebühren im Kilian“. Allerdings nur ein bisschen. Denn die älteste Kirche Marburgs (Baujahr um 1180 ) hat tatsächlich eine bewegte Geschichte hinter sich. Die Kapelle am Schuhmarkt wurde, nachdem sie nicht mehr als Gotteshaus genutzt wurde, im 16. Jahrhundert umgebaut und von Schuhmachern genutzt. Diese leisteten sich einen Abortturm – und hatten somit eine fast so luxuriöse Toilette im Haus wie der Landgraf auf dem Schloss. „Weil dies so war, mussten sie ihr Klo auch der Allgemeinheit zur Verfügung stellen“, erläutert Peters, die zur Belustigung der Tourteilnehmer geflunkert hatte, dass die Schuhmacher für die Nutzung ihres Abortturmes eine Gebühr verlangten. „Das hätten sie mal machen sollen, dann hätten sie bestimmt viel Geld verdient“, findet die zehnjährige Selina und lacht. Genau wie die anderen Teilnehmer ist sie begeistert von der „Flunkertour“, die einmal im Jahr eine ganz andere Seite von Marburg zeigt.

von Nadine Weigel

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