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Kurden protestieren gegen Erdogan

Demonstration Kurden protestieren gegen Erdogan

Unter dem Motto „Weder Militär noch Erdogan“ demonstrierten 80 Menschen, darunter hauptsächlich Kurden, am Samstagnachmittag in der Marburger Innenstadt.

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Kurdische Demonstranten zogen vom Bahnhof aus in Richtung Marktplatz.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Die Demonstration, zu der sich die Teilnehmer um 15 Uhr am Marburger Hauptbahnhof versammelten, war vom Verein „Demokratisches Gesellschaftszentrum der Kurd­Innen in Deutschland“ (Nav-Dem) angemeldet worden, der der „Arbeiterpartei Kurdistans“ (PKK) nahe steht. Die PKK ist in Deutschland seit 1993 verboten und wird vom Verfassungsschutz als terroristische Vereinigung eingestuft, „auch wenn in Europa weiterhin friedliche Veranstaltungen im Vordergrund stehen.“ Aus kurdischer Perspektive gilt die PKK jedoch vielen als legitime Vertretung des in der Türkei unterdrückten kurdischen Volkes.

Unter dem Motto „Weder Militär noch Erdogan“ demonstrierten 80 Menschen, darunter hauptsächlich Kurden, am Samstagnachmittag in der Marburger Innenstadt.

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Aktueller Anlass der Protestaktion war der „fragwürdige Putschversuch“ in der Türkei vor zwei Wochen, der in der Folge zu einem harten Vorgehen des türkischen Ministerpräsi­denten Recep Tayyip Erdogan gegen vermeintliche Putschisten und Oppositionelle geführt hat. Nach Ansicht der Demonstranten handelte es sich bei den Suspendierungen und Festnahmen von Richtern, Staatsan­wälten, Beamten, Journalisten und Lehrern um den „wirkli­chen Putsch“, wie Plakaten zu entnehmen war. Schon zuvor sei die Türkei „auf Abwegen“ gewesen. „Mit dem jüngsten Putschversuch hat die repressive Politik aber eine neue Dimension erreicht“, sagte die Organisatorin der Demo, Nedine Celik. Der mittlere Osten sei nun „end­gültig um eine Diktatur reicher geworden“.

Vom Bahnhof zogen die Demonstrationsteilnehmer über die Bahnhofstraße, Deutschhausstraße, Biegenstraße, Rudolphsplatz, Lahntor und den Hirschberg hinauf zum Marktplatz. Lautstark skandierten sie unterwegs immer wieder „Terrorist Erdogan“ und forderten unter anderem: „Schluss mit dem Massaker in Kurdistan“. Auf vielen Fahnen und Plakaten war das Konterfei des in der Türkei inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan zu sehen. Die Kurden verlangten dessen Freilassung, eine „demokratische Autonomie“ für Kurdistan und eine Aufhebung des PKK-Verbotes in Deutschland. An der Demonstration beteiligten sich aber auch einige Mitglieder antifaschistischer Gruppen sowie vereinzelt andere Marburger, die ein Zeichen gegen die aktuellen Vorgänge in der Türkei setzen wollten. „Was da im Moment los ist, mit diesen willkürlichen Verhaftungen, ist unglaublich“, erläuterte beispielsweise Peter Böcher. „Meine Frau und ich sind aus Solidarität mit den Kurden hier und um zu zeigen, dass auch einige Leute von hier damit nicht einverstanden sind.“

Kritik an westlicher Türkei-Politik

Entgegen des ursprünglichen Planes, nach dem die Route weiter über die Gutenberg­straße und den Elisabeth-Blochmann-Platz zurück zum Rudolphsplatz führen sollte, endete die Demonstration mit einer Kundgebung auf dem Markt. Celik verglich Erdogan in ihrer Ansprache mit Auto­kraten wie Abdel Fattah al-Sisi in Agypten oder dem früheren irakischen Staatschef Saddam Hussein. „Die Alleinstellung und Allmacht Erdogans ist die Quelle von Instabilität und Konflikten in der Türkei“, sagte Celik. Der Friedensprozess mit den Kurden sei bereits seit vergangenem Jahr ad acta gelegt, als Erdogans AKP bei den Wahlen die absolute Mehrheit verfehlte. Seitdem „werden Städte in Nord-Kurdistan von der Armee belagert, ganze Bezirke dem Erdboden gleich gemacht und Zivilisten wehrlos auf der Straße getötet.“

Sie kritisierte zudem die Haltung des Westens zu den Konflikten in der Türkei. Er beschränke sich „auf milde Mahnungen zur Rechtsstaatlichkeit“. Stattdessen müsse „die inter­nationale Gemeinschaft Druck auf die Türkei ausüben“. Im Vordergrund stünden stattdessen „geostrategische und wirtschaftliche Interessen“. Obwohl die Kurden ein wichtiger Bündnispartner im Kampf gegen den IS seien, werde deren politische Vertretung in Deutschland kriminalisiert.

Neben der Marburger Polizei begleitete eine Bereitschaftsstaffel der hessischen Landespolizei aus Lich die Demo, laut einem Polizeisprecher sei das Aufgebot jedoch „für solche Veranstaltungen ganz unten angesetzt“ gewesen. Der Protest, an dem sich auch viele Frauen und Kinder beteiligten, verlief durchgehend friedlich - auch als ein türkischer Autofahrer am Rudolphsplatz die Demonstranten beschimpfte. Mit einer Gegenaktion von Erdogan-Anhängern „muss man natürlich immer rechnen“, so der Polizeisprecher. „Aber wir hatten darauf auch keine Hinweise.“ Die Stimmung ist nach dem versuchten Militärputsch auch unter deutschen Türken aufgeheizt - am Sonntag fand eine Pro-Erdogan-Demonstration in Köln statt. Die Marburger Veranstaltung stehe damit aber nicht in Zusammenhang, so Celik.

von Peter Gassner

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Nach Putschversuch in der Türkei
Kurden demonstrierten für Frieden in Kurdistan, die Freilassung des PKK-Chefs Abdullah Öcalan und gegen die jüngsten "Säuberungen" in der Türkei. Foto: Tobias Hirsch

Rund 80 Menschen haben am Samstagnachmittag in Marburg gegen die repressive Politik des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan demonstriert. Die Demonstration war von der Kurden-Vereinigung "Nav-Dem" angemeldet worden, die der in Deutschland als Terrororganisation verbotenen PKK nahe steht.

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