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Kugelstoßen mit Kanonenkugeln

Historischer Fund in Ockershausen Kugelstoßen mit Kanonenkugeln

Für die Ockershäuser ist der Anstieg zum Sellhof entlang des Soldatengrabens ein beliebter Spaziergang. Der idyllische Weg birgt viele historische Geheimnisse.

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Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in Ockershausen Kanonenkugeln gefunden, die vermutlich aus dem Siebenjährigen Krieg stammen.      

Quelle: Foto: Rike / Pixelio

Ockershausen. Ockershausen. Zuerst war Reinhold Drusel ein wenig ärgerlich - er hatte die Stadt Marburg in Verdacht, eine der beiden alten Brunnenkammern am Soldatengraben beseitigt zu haben.

Bei genauerem Hinsehen entdeckte Drusel, dass die Natur ganze Arbeit geleistet hatte: Das mehr als 100 Jahre alte Bauwerk war komplett zugewuchert.

Die Kanoniere rücken zum Schlossberg vor

Zeitsprung ins Jahr 1908: In Ockershausen haben sich mittlerweile so viele Menschen angesiedelt, dass die Wasserversorgung zu einem Problem wird.

Oben, am Soldatengraben, gibt es Quellen, und um das kostbare Nass von dort bis zu den Häusern zu führen, wird zusätzlich zu der aus dem 17. Jahrhundert stammenden Brunnenkammer eine weitere angelegt. Der Steinmetz Jakob Seip baut sie, und bei den Arbeiten stößt er auf Hinterlassenschaften aus jener Zeit, die dem Soldatengraben seinen Namen gab.

Seip findet mehrere Kanonenkugeln. Recherchen legen nahe, dass es sich um Munition handeln muss, mit der die hessisch-hannoverschen Truppen den auf dem Marburger Schlossberg verschanzten Franzosen einheizen wollten.

Noch ein Zeitsprung also : Mitte des 18. Jahrhunderts. „Vom Soldatengraben aus rückten die Kanoniere Anfang September 1759 in ihren Stellungsraum auf dem Dammelsberg“, konkretisiert Drusel das Schlachtgeschehen aus dem Siebenjährigen Krieg: „Von dort erfolgte am 10. September die Beschießung der Franzosen, die einen Tag später kapitulierten.

Einem sehr viel friedlicheren Zweck dienten jene Kanonenkugeln, die Steinmetz Seip beim Brunnenbau zutage gefördert hatte: Er schenkte sie seinem Enkel Peter Seip, der als passionierter Leichtathlet die schwergewichtigen Geschenke seines Großvaters gut gebrauchen konnte - zum Kugelstoßtraining! Seip Junior zog es irgendwann beruflich in den Schwarzwaldort Waldkirch, die Kugeln zogen mit - und landeten für Jahre auf dem Dachboden.

Beim Frühjahrsputz entdeckte er sie irgendwann wieder und stellte sie aus alter Heimatverbundenheit dem Ockershäuser Archiv zur Verfügung.

Forderung: Ruhebänke und Hinweistafeln

Seit mehr als 20 Jahren, so Drusel, bemühen sich die Ockershäuser Vereinsgemeinschaft sowie der Ortsbeirat darum, die Brunnenanlagen am Soldatengraben zu erhalten und ihre Geschichte für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Drusels Wünsche: Ruhebänke und Hinweistafeln sowie die Erhaltung der Anlagen. „Zwischenzeitlich erfolgten mehrfach Ortsbesichtigungen mit den zuständigen Ämtern“, berichtet der Ockershäuser - getan hat sich bisher nichts. Fast nichts: Denn damit zumindest die Sicht auf die Brunnenkammer wieder frei ist, griff Drusel selbst zur Säge und kappte kurzerhand alle Zweige und Äste, die den Zugang zu dem Bauwerk versperrten.

von Carsten Beckmann

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