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Kritzeln für die Konzentration

Psychologie Kritzeln für die Konzentration

Büro-Kunst bleibt meist eines: unbeachtetes Beiwerk. Unbewusst entstanden. Eine Kritzelei. Was Psychologen in die Alltagszeichnungen interpretieren und wieso es unklug ist, den Kritzel-Drang zu unterdrücken, verrät Psychologin Karin Funsch.

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Dieses Kunstwerk steht für Extrovertiertheit und Verliebtheit. Oder doch nicht?

Quelle: Kritzelei: Marie Lisa Schulz

Marburg. Es war eine Lehrerin, die meiner schönen Grundschulzeit einen faden Beigeschmack verpasste. „Marie malt im Unterricht“ schrieb sie in mein Hausaufgabenheft. Sie hatte recht. Ich malte. Pferde, Blumen, Schweine, Bienen. An besonderen Tagen auch mal einen Elefant. Und Herzen. Kleine, große, schmale und dicke. Unter die Mathehausaufgaben schnell noch eine Schnecke gekritzelt, das Deutschheft mit Blumen verziert. Meine Eltern schimpften, ich malte weiter. Bis heute. Immer dann, wenn ich nichts anderes tun soll als zuzuhören, greift meine Hand zum Stift. In Konferenzen, bei Telefonaten und manchmal verziere ich auch Servietten beim Feierabendbier. Das Kritzeln ­- es passiert. Ohne, dass ich darüber nachdenke.

Kritzelei sollte Nebentätigkeit bleiben

„Ein Fall für den Psychologen“ - haben meine Kollegen gemurmelt. Ein Fall für Karin Funsch, habe ich gedacht. Die 51-Jährige arbeitet am psychologischen Institut, Arbeitsgruppe Persönlichkeit und Diagnostik. Sie kennt sich aus mit der Kritzel-Kunst des Alltages. „Oha“, sagt sie, als sie meine Zeichnungen zum ersten Mal sieht.

Die Tiere seien ein Zeichen dafür, dass ich ein sehr extrovertierter Mensch sei, das Herz bedeute, dass ich verliebt sei und die Blume stehe für die Fähigkeit, in mir selbst zu ruhen. „Oha“, denke ich - das alles sagen so ein paar Striche über mich aus.

Vielleicht hätte Karin Funsch auch noch ein weiteres Persönlichkeitsmerkmal hinzufügen sollen: Leichtgläubigkeit. Denn alle Interpretationen waren von der Psychologin frei erfunden. „Das ist wie bei einem Horoskop. Es ist für jeden etwas dabei“, erklärt sie. Nein. Sie hält nicht so viel von der Deutung gewisser Sachen. Wohl aber von der Kritzel-Kunst an sich.

Ausgleich zum nicht-sinnlichen Gespräch 

„Kritzeln ist etwas, das ohne nachzudenken passiert. Ohne Kontrolle. Ähnlich wie beim Träumen“, erklärt sie. Und lustigerweise soll genau das Träumen durch die Malereien verhindert werden. „Der Mensch braucht ein optimales, kognitives Erregungsniveau.“ Übersetzt bedeutet das: Zuhören allein kann manchmal zu einfältig sein, zu wenige Sinne ansprechen.

Der Körper sucht sich einen Ausgleich. Die einen malen, andere spielen mit dem Stift, zupfen am Bart. Alles unterbewusst. Alles unkontrolliert. „Zeichnen wird oft als Langeweile fehlinterpretiert. Es entsteht der Eindruck, dass derjenige mit einer anderen Sache beschäftigt ist“, so Funsch weiter. Sie weiß: Viele der Kritzel-Künstler haben sich im Laufe ihres Lebens auf einige wenige Motive versteift.

„Wer immer das Gleiche zeichnet, der benötigt dafür keine Konzentration“, erklärt die 51-Jährige. Und dann sagt sie etwas, was das Kritzeln salonfähig machen könnte: „Zeichnen ist für viele ein Handlungsimpuls, dem sie nachgeben wollen. Man muss sich konzentrieren, das nicht zu tun“, erklärt sie. Im Klartext: Wird der Impuls unterdrückt, kann dies Energie und Aufmerksamkeit kosten. Wieder schaut sie auf die mitgebrachten Zeichnungen. Diesmal auf eine lose Anordnung von Würfeln und ausgemalten Kästchen. Und dann wagt sie doch zu deuten: „Wer gerade Linien zeichnet, dem wird nachgesagt, dass er gewissenhaft und rational ist“; sagt sie.

Ein Satz, den die Zeichnerin dieses Kunstwerkes, Anja Luckas, Nachrichtenchefin bei der Oberhessischen Presse, sicher gern hört. Ja, irgendwie kann sie sich in dieser Deutung wiederfinden. Und doch hat sie ihre eigene Interpretation: „Ich kann einfach nichts anderes malen“. Kunstwerk hin oder her: Kritzeln ist Konzentration. Oder etwa nicht, Frau Funsch: „Ja. Aber nur so lange es nicht die Aufmerksamkeit beansprucht und eine Nebentätigkeit bleibt. Kritzeln passiert.“

von Marie Lisa Schulz

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