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Kreis stellt sich der „Menschenpflicht“

Thema des Jahres Kreis stellt sich der „Menschenpflicht“

Kein Thema hat die Menschen im abgelaufenen Jahr so beschäftigt und bewegt wie die Unterbringung von Flüchtlingen. Die Welle der Hilfsbereitschaft ist beispielhaft.

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Fröhliches Feuerwerk, friedliche Feiern

Ein Mädchen freut sich über das Richtfest für die winterfesten Unterkünfte im Flüchtlingslager Cappel.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Die Flüchtlinge aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt, die nach Deutschland gekommen sind – eine Million Menschen werden es wohl im fast abgelaufenem Jahr gewesen sein – das ist die Nachricht, die das Jahr 2015 am meisten geprägt hat.

Die überwältigende Hilfsbereitschaft und die Herzlichkeit, mit der diese Menschen empfangen worden sind, das ist für den Landkreis Marburg-Biedenkopf die andere Nachricht.
Rund 2  500 Menschen leben zum Ende des Jahres in den Erstaufnahmeeinrichtungen, die im Landkreis entstanden sind – Außenstellen der Hessischen Erstaufnahmeeinrichtung in Gießen, die seit Frühjahr hoffnungslos überfüllt ist.

Anfang des Jahres, als die OP erstmals die Pläne des Landes für die frühere Neustädter Kaserne öffentlich machte, spricht das Land noch von maximal 800 Menschen, die dort untergebracht werden sollen. Kommt alles­ so, wie derzeit vorgesehen, dann beherbergt der Ostkreis im Laufe des kommenden Jahres 2 700 Flüchtlinge in Stadtallendorf, Neustadt und den Notunterkünften in Kirchhain. Die Zahlen und Prognosen sind ein Spiegel der bundesweiten Entwicklung in diesem Teil des Landkreises.

Binnen zehn Tagen entsteht in Marburg ein Zeltcamp

In Neustadt ziehen die ersten Flüchtlinge am 21. Mai in die umgebauten Unterkünfte ein. In den Monaten vorher gibt es eine intensive Diskussion, auch über das Thema Sicherheit. Die Forderung von Ostkreis-Bürgermeistern nach einer Verstärkung der Polizeistation Stadtallendorf ist zum Jahresende noch immer akut. Es geht um den Schutz der Flüchtlinge, zusätzliche Aufgaben für die vorhandenen Beamten, aber auch um das Sicherheitsgefühl der Bürger.

Feuerwehrleute aus dem ganzen Kreis halfen im Sommer beim Aufbau des Zeltlagers für Flücht­linge in Stadtallendorf.

Quelle:

Leider startet die Koordinierung ehrenamtlicher Arbeit in Neustadt erst im Oktober. Inzwischen ist die Stadt aber auch Teil eines neuen Gemeinwesen-Programms des Landes. Mit einem Vorlauf von nur zehn Tagen entsteht in Marburg ein Zeltcamp an der Umgehungsstraße in Cappel, das ab dem 13. Juli zunächst gut 500 Menschen Platz bietet. Befürchtungen einiger Cappeler, Diebstähle und andere Verbrechen würden sich häufen, bewahrheiten sich in der Folgezeit nicht.

Die Stadt bemüht sich, den Menschen durch ausführliche Informationen die Angst vor den neuen Nachbarn zu nehmen. Das Stadtparlament bestimmt zwei Ombudsleute, die Zugang zum Camp erhalten und sich fortan um die Belange der Menschen kümmern: den Rechtsanwalt Karl Otto Beckmann und die Menschenrechtlerin Shaima Ghafury.

Hunderte leisten
 ehrenamtlich Hilfe

Was in Marburg speziell ist: Kaum rufen Magistrat und Verwaltung die Bevölkerung auf, sich an der Betreuung der Flüchtlinge zu beteiligen, kennt die Hilfsbereitschaft keine Grenzen. Zu Hunderten melden sich Menschen, die den Neuankömmlingen ehrenamtlich erste Kenntnisse der deutschen Sprache beibringen, Kinder betreuen, bei der Essensausgabe im Zeltcamp helfen oder bei der Sortierung und der Ausgabe der unzähligen Kleiderspenden.

Bei einer ersten Besprechung für diejenigen, die ihre Hilfe angeboten haben, platzt das Bürgerhaus in Cappel aus allen Nähten. Eine Art Kontaktstelle entsteht in unmittelbarer Nähe des Zeltcamps „Im Rudert“. Magistrat, Verwaltung und der Ortsbeirat Cappel fördern mit großem Engagement die ehrenamtliche Hilfe der Bevölkerung.

Sie gilt nach wenigen Wochen schon als vorbildlich und findet bundesweite Beachtung. Ehrenamtlicher Einsatz für die Menschen, die vor Krieg und Gewalt fliehen, entwickelt sich andernorts ganz unabhängig von Koordinierung. Herausragendes Beispiel ist der Arbeitskreis Flüchtlingshilfe in Kirchhain. Eng vernetzt mit der Stadt Kirchhain zeigen Helfer, was bei der Betreuung von in der Stadt lebenden Menschen möglich ist.

Auf Bundeswehrgelände entsteht Unterkunft

Der Spätsommer bringt einen tiefen Einschnitt. Mit nur wenigen Stunden Vorlauf bauen ehrenamtliche Helfer des Katastrophenschutzes mit Stadtallendorfer Soldaten ein Zeltcamp auf. Auf dem Bundeswehrgelände in Stadtallendorf entsteht Platz für bis zu 750 Flüchtlinge. Als der Einsatzbefehl aus dem Innenministerium kommt, ist freitagabends noch von 250 Plätzen die Rede. Die Zahl der nötigen Plätze ändert sich beinahe stündlich an jenem Wochenende im September.

In den Tagen danach leisten Helfer und Unterstützer Großes. So gelingt es in nur wenigen Tagen, alle Zeltbewohner mit Kleiderspenden zu versorgen. Eigentlich soll dieses Camp nur eine Notunterkunft sein. Es besteht bis wenige Tage vor Weihnachten.

Nach acht Wochen Hin und Her entscheidet das Land, große Teile der Hessen-Kaserne zu übernehmen. In gut sieben Wochen bauen heimische Unternehmen alte Gebäude um. Am Ende aller Bauarbeiten soll in der Kaserne Platz für 1200 Menschen vorhanden sein.

Aus dem Zeltcamp wird eine kleine Siedlung

Auch in Marburg wird schnell klar, dass das als Übergangslösung gedachte Zeltcamp an der Umgehungsstraße viel länger bestehen wird als angenommen. Der damalige Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) engagiert sich in seinen letzten Amtsmonaten überaus stark für die Errichtung von winterfesten Unterkünften.

Der alte Supermarkt in Kirchhain als Unterbringung für Flüchtlinge sorgt für einen heftigen Streit.

Quelle:

Quasi in Eigenregie gibt er den Bau von Holzunterkünften in Auftrag und lässt ein Um- und Ausbaukonzept für den Standort in Cappel entwickeln. Während andernorts Leichtbauhallen für die Flüchtlinge entstehen, sind es in Marburg feste Unterkünfte, in denen maximal acht Menschen in einem Zimmer leben, elf Zimmer sind an einem Flur angeordnet. In den zweigeschossigen Häusern finden bis zu 144 Personen Platz – eine neue kleine Siedlung ist entstanden. Im Dezember wird symbolisch Richtfest gefeiert.

Aber all das reicht nicht aus, um alle Flüchtlinge, die in Hessen landen, tatsächlich unterzubringen. Anfang November teilt Landrätin Kirsten Fründt (SPD) mit, dass der Kreis beauftragt worden ist, drei weitere Standorte für Notunterkünfte herzurichten: in Weimar-Wenkbach, in direkter Nachbarschaft der Hinterlandhalle in Dautphetal-Dautphe und in Kirchhain.

Zahl der Flüchtlinge im Dezember leicht rückläufig

Insgesamt 1000 Menschen sollen noch einmal untergebracht werden. Die Arbeiten laufen unter Hochdruck, bis das Land kurz vor Weihnachten mitteilt, dass weitere Flüchtlinge in diesem Jahr nicht mehr unter­gebracht werden müssen, sondern erst Anfang 2016. Die Zahl der ankommenden Flüchtlinge ist im Dezember leicht rückläufig.

Nicht überall sorgt die Herkulesaufgabe, menschenwürdige Unterkünfte für so viele Menschen zu schaffen, nur für eitel Sonnenschein. Ein Kompromiss steht am Ende eines mit harten Bandagen geführten Streits zwischen der Stadt Kirchhain und dem Landkreis.

Die Stadt Kirchhain wehrt sich gegen das Unterbringungskonzept des Landkreises und präsentiert eigene Konzepte. Kirchhain hält die Zahl der Menschen auf dem engen Raum für viel zu hoch. Eine Einigung gibt es erst während einer Bürgerinfo. Jetzt entstehen zwei Notunterkünfte.

Und der Kreistag beschließt kurz vor Weihnachten auf Antrag der FDP einen Untersuchungsausschuss, der die Auftragsvergabe im Zusammenhang mit der Flüchtlingsbetreuung durch den Kreis unter die Lupe nehmen soll. Diese Auseinandersetzung kann aber den Blick nicht dafür verstellen, dass es im Landkreis einen Grundkonsens im Umgang mit den Flüchtlingen gibt: Sie aufzunehmen und willkommen zu heißen, ist „Menschenpflicht“, wie es Egon Vaupel ­einmal genannt hat.

Und aus der – am Schluss bis zum Überdruss zitierten – „Willkommenskultur“ soll eine „Bleibekultur“ werden. Die Aufnahme und die Integration von Flüchtlingen wird auch im kommenden Jahr, das steht zum Jahreswechsel fest, die wichtigste Herausforderung für die Menschen im Landkreis werden.

von Till Conrad und Michael Rinde

Thema des Jahres

Krisen unserer Zeit setzen ungeahnte Kräfte frei

von Christoph Linne

Wenn es stimmt, dass 
Menschen an ihren Aufgaben wachsen, dann sind in diesem Jahr zweifellos unzählige Menschen über sich hinausgewachsen. Und ja: Vielfach sind in diesen bewegten, unruhigen Zeiten die Aufgaben auch wesentlich schneller gewachsen, als wir mit diesen neuen Herausforderungen Schritt halten konnten. 
Emotional. Rational. Real. 
Ruhelos von einer Krise zur nächsten.

Bei manchen Menschen 
lösen drastische oder unerwartete Veränderungen erhebliche Verunsicherung und Ängste aus. Die Gegner einer aufgeklärten offenen Welt ­wissen, solche Sorgen seit 
jeher als Nährboden für platte Parolen und weltfremde 
Abschottungs-Fantasien 
zu nutzen.

Christoph Linne

Quelle:

Andere fassen sich in solchen Situationen erst recht ein Herz, packen an, üben sich im Schulterschluss und schaffen es so, selbst größte Widerstände zu überwinden. Diese friedliebende Mehrheit sendet mit ihrer Tat- und 
 Willenskraft ermutigende 
Signale der Hoffnung auf
bessere Zeiten und für neue Zukunftsperspektiven.

Mutlosere oder Skeptiker deswegen pauschal als böswillige Rechtspopulisten abzustempeln, wird den gewaltigen Herausforderungen, die unsere Gesellschaft in diesen Zeiten meistern muss, ebenso wenig gerecht, wie eine zu oberflächliche, beschönigende Willkommenskultur. Weil die Annahme, den gegenwärtigen internationalen Krisen allein mit nationalen Lösungen Herr werden zu können, schlicht ebenso weltfremd ist.

Das neue Jahr wird auch neue Anlässe liefern, dass Menschen über sich hinauswachsen. Und wir dürfen ebenso getrost annehmen, dass einige Aufgaben abermals schneller zu schultern sein werden, als wir an ihnen wachsen können. Doch die Krisen dieser Tage haben – 
wie wir inzwischen wissen – bereits ungeahnte Kräfte in 
vielen von uns freigesetzt. Daraus dürfen wir letztlich die Zuversicht schöpfen, 
auch in den vor uns liegenden Monaten an persönliche Grenzen und darüber hinaus gehen zu können. Um Mitmenschen damit Auswege aus Hunger, Not und Krieg zu eröffnen. Um neuen Nachbarn einen Neuanfang zu ermög­lichen. Um anderen ein ­Beispiel zu geben. Um unserer selbst willen.

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