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"Kräuterrausch" und "Platzhirsche"

Drogenberatung "Kräuterrausch" und "Platzhirsche"

Alkohol, Medikamente, Tabak, Glücksspiel, Cannabis, Internetabhängigkeit, Heroin, Magersucht - es gibt unzählige Süchte und mindestens genauso viele Ursachen dafür, dass Menschen den Rausch suchen.

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Marburg. Cola und Schokolade sind auch Drogen. Das glauben Sie nicht? Okay, ein Duplo ist natürlich keine Heroinspritze, aber auch harmlos wirkende Dinge können gefährlich werden, wenn Sie unkontrolliert konsumiert werden. Und ja, es ist eine Definitionsfrage. Wann fängt Sucht an?

Was ist gefährlich, was nicht? Sebastian Reinhard und Holger Schmidt von der Suchtberatung des Diakonischen Werkes in Marburg halten nichts von dem Begriff der „Einstiegsdroge“, die zum Beispiel häufig dem Cannabiskonsum angehängt wird. Auch wenn die Wirkung von Cannabinoiden nicht mit der von Koffein oder Zucker zu vergleichen ist, bleibt die Frage, welcher Wahrnehmung die verschiedenen Suchtmittel unterliegen?

Alkohol hält bei Suchtmitteln Spitzenposition

So finden es die meisten Menschen wohl kaum anstößig, wenn ein Gast in der Mittagszeit einen guten Wein zu seinem Essen trinkt. Es ist ein gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten. Fakt ist jedoch, dass Alkohol immer noch mit Abstand die unangefochtene Spitzenposition bei den Suchtmitteln in Deutschland einnimmt.

Das ist auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf nicht anders, berichten die Suchtberater (Zahlen finden sie rechts im Diagramm). Diplom-Sozialpädagoge Reinhard spricht beim Thema Alkohol vom „Platzhirsch“, der immer noch die meisten Beratungstermine im Jahr beansprucht.

Rausch hat bei allen Drogen hohen Stellenwert

Egal ob Cannabis, Kokain oder Spielsucht: die zentralen Fragen, die Reinhard in Bezug auf seine Klienten zu beantworten sucht, lauten: „Warum nimmt der Rausch, egal von welcher Droge, einen so hohen Stellenwert im Leben ein? Warum übt er eine so hohe Faszination aus?“ Oft genug stelle sich dann bei den Gesprächen heraus, dass es ganz alltägliche Probleme sind, denen die Betroffenen zu entfliehen suchen.

„Keiner wählt freiwillig die Strategie der Abhängigkeit. Viele, die zur Beratung kommen, merken aber, dass irgendwas in ihrem Leben knirscht, dass etwas nicht stimmt“, sagt Diplompädagoge Holger Schmidt. Beide Suchtberater sehen sich vorrangig als Motivatoren. Die Überzeugungsarbeit sei jedoch ein schwieriger Prozess, sagt Schmidt. Denn der Rausch lenke ja zunächst von Sorgen und Nöten ab. „Wir müssen dafür sorgen, dass die Einsicht zur Veränderung bei den Klienten ankommt“, sagt Schmidt.

Im Landkreis spielen Designerdrogen keine Rolle

So komplex wie die einzelnen Beratungsfälle sind auch die verschiedenen Suchtmittel, die von Konsumenten bezogen werden. Im Landkreis spielen sogenannte Designerdrogen, also synthetisch hergestellte Rauschmittel, hinsichtlich der Beratungsfälle, eine eher untergeordnete Rolle, berichten die beiden Fachleute.

Es gebe zumindest kaum bekannte Fälle von Crystal-Meth-Missbrauch im heimischen Raum. Einen besonderen Bekanntheitsgrad erlangte die Modedroge durch die preisgekrönte US-Fernsehserie Breaking Bad. Polizeisprecher Martin Ahlich berichtet von Sicherstellungen: „Im Landkreis haben wir es mit allen Arten von Drogen zu tun. Auch mit Crystal Meth.“

Konsumenten wissen nicht, was die Tütchen enthalten

Eine weitere Bedrohung stellen die sogenannten „Legal Highs“ dar. Diese sind laut Reinhard „eine Sache, die man im Auge behalten muss“. Die künstlich hergestellten Stoffe werden häufig als „Kräutermischungen“ angeboten. Die Inhaltsstoffe der bunten Tütchen, die im Grundsatz seit Langem bekannt und auch schon längst verboten sind, kommen immer wieder verändert und unter Fantasienamen neu auf den Markt und sind dann unter aktueller Gesetzgebung zunächst legal.

Vertrieben werden die „Legal Highs“ zumeist über Internetplattformen. Besonders gefährlich sind die Mischungen deshalb, weil der Konsument nicht weiß, was genau enthalten ist, erklärt Holger Schmidt. Die Drogen sollen wie THC wirken, der Effekt ist aber wesentlich heftiger als bei natürlichen Hanfprodukten.

Regierung verstärkt Kampf gegen Designerdrogen

Klienten berichteten Reinhard und Schmidt unter anderem von starken Kreislaufproblemen nach dem Konsum. Eine dramatische Entwicklung im Bereich „Legal Highs“ sei im Landkreis jedoch nicht festzustellen, sagt Reinhard. Häufig handele es sich um sogenannten Probierkonsum, also Menschen, die die Wirkungen eines neuen Stoffs testen wollen, erklärt Holger Schmidt.

Unterdessen verschärft die Regierung nach einem Zeitungsbericht ihren Kampf gegen diese Art von Designerdrogen. Nach dem Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums sollen Herstellung, Handel, Einfuhr, Lagerung und Weitergabe von „Legal Highs“ grundsätzlich verboten und unter Strafe gestellt werden. Mitglieder von Banden, die diese Designerdrogen geschäftsmäßig in Umlauf bringen, sollen mit Freiheitsstrafen von bis zu zehn Jahren rechnen müssen.

Legal Highs in höchstem Maße gefährlich

Das Gleiche gilt für Fälle, in denen die Drogen an Minderjährige abgegeben werden, die Gesundheit einer großen Zahl von Menschen gefährdet wird oder schwere Schäden bis hin zum Tod verursacht werden. „Legal Highs sind im höchsten Maße gefährlich“, betont Martin Ahlich.

Der Polizeipressesprecher mahnt, „unbedingt die Finger davon zu lassen“. Die Wirkungen seien kaum vorherzusagen, da auch die Zusammensetzung der verkauften Drogen höchst unklar sei und fast immer neu überprüft werden müsse. Obwohl es keine signifikante Zu- oder Abnahme bei den Sicherstellungen gebe, warnt Ahlichvor den Folgen des Konsums.

von Dennis Siepmann

Kontakt

Sucht- und Drogenberatung des Diakonischen Werkes Oberhessen, Hauptstelle Marburg, Telefon 0 64 21 / 2 60 33, Außenstelle Stadtallendorf, Telefon 0 64 28 / 73 33

Die Beratung ist kostenlos und erfolgt anonym

 

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